– Bundesstart 18.12.2025
– Release 22.08.2025 (US)
Jedes Idol und jeder Superstar braucht seine Entourage. Seine Gefolgsleute, seine Ja-Sager, seine Speichellecker. Oliver ist so ein Star, ein angehender Superstar. Er ist Pop-Sänger mit Bedroom Pop-Einschlag. Kenneth Blume hat mit einschlägigen Indie-Musikern einige Songs produziert, die sich Oliver Darsteller Archie Madekwe eindrucksvoll zu eigen macht. Manche Musikfilme scheitern an der Glaubwürdigkeit ihrer dargestellten Musikerin oder Musikers, weil die Songs kein authentisches Hit-Material sind. In Alex Russells Regiedebüt „Lurker“ stimmt die Musik, und es stimmt der angehende Superstar. Somit wird die Story um Matthew schlichtweg auch glaubwürdiger, der sich zum Ziel gesetzt hat, ein Mitglied im inneren Kreis um Oliver zu werden.
Alex Russell hat sich als Autor für die Comedy-Serie „Dave“ einen Namen gemacht, in der es um einen angehenden Musiker geht. Russell hat an „Beef“ mitgeschrieben, und auch an „The Bear“. Er kennt also das Milieu, und er weiß wie Drama funktioniert, damit es authentisch wird. Sein selbst verfasstes Regiedebüt ist einer dieser stillen, aber mit großem Nachhall wirkenden Filme, die auf Festivals das Publikum begeistern – zu Recht begeistern. Aber „Lurker“ wird das Schicksal von so vielen begeistert aufgenommenen Festivalfilme treffen. Er wird nicht angemessen beworben und besprochen. Genau der Grund, warum auch diese Rezension erst viel zu spät erscheint.
Matthew – im Film später nur Matt genannt – arbeitet als Verkäufer in einem Klamottenladen, in dem der aufstrebende Oliver schon einmal eingekauft hat. Beim zweiten Mal ist Matt vorbereitet. Er erregt die Aufmerksamkeit des Sängers durch den selben Musikgeschmack, es kommt zum freundlichen Austausch, Matt wird eingeladen. Dennoch ist der Weg in den inneren Kreis steinig. Die feste Gruppe um Oliver, machen Matt das Leben nicht einfach. Sie provozieren ihn, nutzen ihn aus, lassen ihn die Hackordnung spüren. Die eigentliche Kraft des Films ist gleichzeitig seine größte Schwäche, aber nur im ersten Akt. Denn Alex Russell lässt für lange Zeit nicht erkennen, was er mit seinem Protagonisten vorhat.
Ein wirklicher Nachteil ist Pat Scolas Kameraarbeit, die oft verwirrt, und im ständigen Wechsel der Aufnahmeformate die Augen eher belastet. Auf 16mm gedreht, aber im Format 2.39:1, schiebt der Schnitt sehr oft auch Aufnahmen eines alten Camcorders dazwischen. Während Scola im 16mm-Format herkömmliche, aber zweckmäßige Bilder schafft, hätte es für das Heimkino-Flair des Camcorders eine anspruchsvollere Gestaltung gebraucht. Die stark verwackelten und viel zu nahen Bilder geben nicht die Originalität wieder, wie sie als Besonderheit im Film dargestellt wird.
Aber es sind nicht die künstlerischen Entscheidungen der Bildgestaltung, die „Lurker“ bestimmen. Es ist Russells Spiel mit den Erwartungen des Publikum und der Entwicklung des Protagonisten Matt vor den Augen dieses Publikums. Immer wieder wird Matt erniedrigt, aber genau diese Situationen nutzt er zu seinem Vorteil. Er lotet Grenzen aus, und ist beim nächsten Mal vorbereitet. Langsam, aber selbst da unauffällig, dreht Russell seine Geschichte. Matt ist nicht das Opfer der anderen, er macht sich selbst zum Opfer, um daraus Vorteile zu ziehen. Er sticht andere aus, kann mit besseren Ideen überzeugen, und erreicht sein Ziel, Olivers bester Freund zu werden.
Archie Madekwe hat die Verschlagenheit eines überheblichen Superstars, lässt aber die emotionale Tiefe vermissen, wie sie ihm von Théodore Pellerin entgegengebracht wird. Aber Russell bleibt in seiner Geschichte ohnehin auf Matt fixiert. Und da gelingt ihm ein eindringliches Portrait eines Mannes der seinen Weg noch nicht gefunden hat, auch wenn er selbst glaubt seine Bestimmung zu kennen. Matt ist eben nicht der Ja-Sager, kein anbiedernder Schmeichler, auch wenn er genau auf diese Weise sein Ziel erreicht. Es ist eine weit komplexere Figur als es zuerst den Anschein hat.
Und Théodore Pellerin ist exakt diese Verkörperung, schwankend zwischen Verlorenheit und Kalkül, von Unsicherheit bis Selbstbewusstsein, die Matt so faszinierend macht. Das der Regisseur ihn nicht zum obligatorischen Psychopathen werden lässt, macht den dritten Akt nur um so intensiver, mitreißender, und unglaublich spannend. Ein Film über unbewusste Abhängigkeiten und unerfüllte Sehnsüchte. Es ist einer dieser auf den ersten Blick unscheinbaren Filme, die am Ende ein Festivalpublikum zu begeistern weiß. Und bei dem sich einer wünscht, viel mehr Menschen würden auf ihn aufmerksam werden. Ein starkes Drama, das sich zu einem überraschenden Psychothriller wandelt, von einem Regiedebütanten, der weiß was er tut. Allein die letzten dreißig Sekunden von „Lurker“ sind überwältigendes Erzählkino.
Darsteller: Théodore Pellerin, Archie Madekwe, Sunny Suljic, Zack Fox, Havana Rose Liu, Daniel Zolghadri u.a.
Regie & Drehbuch: Alex Russell
Kamera: Pat Scola
Bildschnitt: David Kashevaroff
Musik: Kenny Beats
Produktionsdesign: Miranda Lorenz
Italien, USA / 2025
100 Minuten

