GREENLAND 2: Migration

Greenland 2 a - © 2026 Lionsgate– Release 09.01.2026 (world)

Selbst hartgesottene Actionfans sind bei dem Namen Gerard Butler mittlerweile vorsichtig geworden. Dadurch und auch Pandemie bedingt, hatte „Greenland“ von 2020 noch weniger Aufmerksamkeit erregt, als für einen Katastrophen- oder Actionreißer im Standardformat üblich. Trotz dieser ausgeprägten Standards hat sich „Greenland“ im Nachhinein für eben jene skeptischen Kinogänger als weit über diesen Standards liegendes Action/Abenteuer/Katastrophenwerk etabliert. Nicht die althergebrachten Versatzstücke sind ausschlaggebend, sondern die Nähe zu den Hauptfiguren, und deren Authentizität zueinander. Die Familie Garrity – Vater John, Mutter Allison, und Nachwuchs Nathan – waren Auserwählte für den grönländischen Schutzbunker, bevor die Einschläge des Kometen ‚Clarke‘ und seiner Bruchstücke 75% der Welt wie wir sie kennen zerstörte. Gerard Butler und Morena Baccarin sind geblieben, nur „JoJo Rabbit“s Roman Griffin Davis wurde für die Rolle des Nathan eingetauscht. Es sind fünf Jahre vergangen, und der Bunker ist nicht mehr sicher.

Drehbuchautor und Schöpfer Chris Sparling hat sich Mitchell LaFortune für die Geschichte an die Seite geholt. Und Ric Roman Waugh hat erneut den Regiesessel übernommen. Es ist leicht zu glauben alles läuft wie gewohnt, doch auffällig ist der Wechsel der Kameraabteilung zu „3 Body Problem“-DOP Martin Ahlgren. Die Farben sind noch mehr entsättigt, die Bilder wirken wesentlich grobkörniger (auch wenn digital gedreht wurde). Visuell ist die Gestaltung noch etwas verlorener und unheilvoller als im Vorgängerfilm, was in Anbetracht der untergegangenen Welt wie wir sie kennen absolut stimmig ist. Atmosphärisch erinnert „Migration“ immer wieder an Cuaróns „Children of Men“. Doch ohne dessen emotionale Wucht.

In einigen Belangen mag „Greenland 2: Migration“ gegenüber anderen und ähnlichen Filmen nicht so ausgereift sein, er hat aber ganz eigene Reize. Ric Roman Waugh hat hier sogar eine der wenigen Ausnahmen geschaffen, bei der die Fortsetzung dem Original überlegen ist. Lebensgefährliche Strahlung und plötzliche Energiestürme machen selbst nach fünf Jahren das Leben im Freien auf Grönland, und 75% vom Rest der Welt, noch immer unmöglich. Anhaltende Erdbeben haben der Bunkeranlage in Thule zugesetzt, die nun bei einem erneuten Erdstoß kollabiert. Die Garritys können sich in letzter Sekunde auf einem Rettungsboot einen Platz erkämpfen.

Die kleine Mannschaft beschließt auf das europäische Festland zu gelangen. Geologen und Biologen haben schon seit längerem die Hoffnung genährt, dass ‚Clarke’s Einschlagkrater im Süden Frankreichs ein blühendes Paradies hervorgebracht haben müsste. Natürlich ist diese Reise gespickt mit Gefahren und unerwarteten Hindernissen. Aber Buch und Inszenierung sind wirklich überzeugend darin, das veränderte ökologische System plausibel zu erklären, und zu zeigen. Die kargen Landschaften, dass überschwemmte Liverpool, der ausgetrocknete Ärmelkanal, und eine kriegerische Frontlinie, die von ideologischer Idiotie bestritten wird. In „Greenland 2“ funktioniert die Weltenbildung, dank der Mässigung seiner Macher. Es gibt einige effektvolle Sequenzen, die aber mehr auf Plausibilität als auf Spektakel ausgelegt sind.

Greenland 2 c - © 2026 Lionsgate

Noch mehr als Teil Eins ist Waugh hier auf die zwischenmenschliche Dynamik fokussiert. Anders als von Gerard Butler gewohnt, werden John Garrity überzeichnete Heldentaten verweigert – aber ohne ihn des ganzen Kerls zu berauben. Natürlich gibt es Situationen, die den handgreiflichen, weil schützenden Familienvater brauchen. Doch alles ist ein klein wenig näher am Boden der Realität. Selbstverständlich bedient der Film auch angemessen das Spannungskino mit beeindruckender Optik. Meteoritenschauer, die noch immer Reste von ‚Clarke‘ wie Bomben und Feuerstürme über die Erde hageln lassen. Oder die Überquerung einer Schlucht mit einer selbst konstruierten Seilbrücke. Das perfide Spiel mit der Angst vor Höhe funktioniert beim Publikum immer.

Und auch hier gibt es natürlich die Menschen, die einem ans Herz wachsen, um dann aus emotionalen Gründen auf der Strecke bleiben zu müssen. Selbstredend gibt es auch die Idioten, bei denen es nicht schnell genug gehen kann, dass sie auf der Strecke bleiben. Doch weil der Film sich stark auf die Garrity-Familie konzentriert, kommen Nebenfiguren schlichtweg zu kurz. Aus unerfindlichen Gründen haben sich die Verantwortlichen auf eine Laufzeit von unter 100 Minuten beschränkt. Das ist weit unter dem Durchschnitt der herkömmlichen postapokalyptischen Alpträume. Die unbestritten angenehme Laufzeit ist Fluch und Segen zugleich. Schließlich ist „Migration“ weder ganz großes Spektakel, noch tiefenpsychologische Analyse der menschlichen Natur.

Wer weiß ob ein Mehr von Figurenzeichnung und die weitere Ausreizung einer unberechenbar zerstörerischer Natur tatsächlich getragen hätte. Fluch und Segen. Was grundsätzlich nichts daran ändert, dass Ric Roman Waugh ein Film gelungen ist, der seinem Vorgänger in Anspruch und Umsetzung überlegen ist – und auch perfekt als eigenständiges Werk funktioniert. Ein Gerard Butler, der endlich wieder einmal mehr spielen darf, anstatt den überzogenen Helden zu spielen. Eine Morena Baccarin, die auch ohne Dialog den Kampf und die Fürsorge für ihre Familie auszudrücken versteht. Und der zurückhaltende Roman Griffin Davis, dessen Nathan endlich einmal auf die üblichen Nervattacken sonstiger Teenager-Figuren verzichtet. Und was die Macher mit dem Schicksal einer ihrer Charaktere wagen, ist schlichtweg erstaunlich. Manchmal, wie hier, kann die Postapokalypse auch wirklich sehr ansprechend sein.

Greenland 2 b - © 2026 Lionsgate


Darsteller: Gerard Butler, Morena Baccarin, Roman Griffin Davis, Amber Rose Revah, Peter Polycarpou, William Abadie u.a.

Regie: Ric Roman Waugh
Drehbuch: Mitchell LaFortune, Chris Sparling
Kamera: Martin Ahlgren
Bildschnitt: Colby Parker Jr.
Musik: David Buckley
Produktionsdesign: Vincent Reynaud
Großbritannien, USA / 2026
98 Minuten

Bildrechte: LIONSGATE
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