– Bundesstart 26.02.2026
– Release 25.12.2025 (CAN)
Preview 23.2.26, Cineplex, Fürth
Eigentlich sind die Safdie-Brüder die jüngere Ausgabe der Coens. Sie machen ihre Filme gemeinsam. Und wie bei den Gebrüdern Coen, schien es auch in der Familie Safdie an der Zeit, einmal getrennte Weg zu versuchen. Benny Safdie hat das 2025 sehr erfolgreich mit „The Smashing Machine“ getan. Die von Dwyane Johnson gespielte Biografie über MMA-Legende Mark Kerr. Etwas später im Jahr legte Josh Safdie mit „Marty Supreme“ nach. Auch eine Art Biografie, aber ohne irgendeinen biografischen Anspruch. Es geht ebenfalls um einen Sportler, der um seine verdiente Anerkennung ringt – aber nicht im Ringen. Marty ist Tischtennisspieler, und als Vorbild diente Champion und Sonderling Marty Reisman, ungebrochene Legende in der Tischtennis-Community. Um vorweg gleich falsche Vorstellungen zu zerstreuen – trotz geringfügiger Ähnlichkeiten, ist „Marty Supreme“ keine Biografie.
New York City, 1952: Der Schuhverkäufer Marty Mauser will Profi im Tischtennis werden. Aber nicht einfach nur Profi, sondern der Champion. Und das in einer Zeit, als Tischtennis in Amerikas öffentlicher Wahrnehmung noch nicht wirklich ernst genommen wird. Dem soziopathisch veranlagten Marty sind dabei alle Mittel recht. Bei den British Open verliert er gegen den Japaner Koto Endo. Von da an ist Martys einziges Ziel, nach Tokio zu kommen, und bei der World Championship Endo zu besiegen. Denn es gibt nur einen Champion, und das ist Marty Mauser – sagt Marty Mauser.
Zwischen all den oberen Zeilen einer dürftigen Inhaltsangabe, hat Josh Safdie und sein Langzeit-Co-Autor Ronald Bronstein so viel hineingepackt, dass einem schwindelig werden kann. Marty schwängert seine Nachbarin, streitet aber ab, klaut Geld von seinem Manager, schläft mit der Frau seines Sponsors, entführt den Hund eines Mafioso, und lässt sich für Geld öffentlich erniedrigen. Und das ist nur ein Abriss dessen, was dieser Film in seinem atemlosen Tempo dem Publikum zumutet.
„Marty Supreme“ ist ein Film wie auf Drogen. Es vergeht keine Minute, in der nichts passiert. Und wenn etwas passiert, ist es unangenehm. Darunter leiden alle – außer Marty Mauser. Seine Absichten sind klar: Er braucht 1700 Dollar um nach Japan zu kommen. Doch wie Marty bei der Umsetzung seines Ziels betrügt, stiehlt, lügt und verletzt, ist einzigartig. Das Timothée Chamalet diese immense Aufmerksamkeit zuteilwird, ist gerechtfertigt und absolut verdient. Durch Chamalet wird Marty zu einem nicht greifbaren Charakter. Er schmückt ihn mit beispielloser Selbstsicherheit und unfassbarer Arroganz, und er redet unentwegt, als hätte er das Reden erfunden. Marty akzeptiert von niemanden ein Nein und hintergeht seine Nächsten zum eigenen Vorteil.
Wenn Marty schmeichelt oder sich demütigen lässt, merkt man bei Chalamet, dass es ihm immer im das große Ganze geht – World Championship in Tokio. Es ist natürlich auch dem Charisma von Chalamet zu verdanken, dass ständig das Gefühl vorherrscht, man müsse für so eine Hauptfigur votieren. Tief im Herzen will man ihn gewinnen sehen, auch wenn er noch so verkommen und im Grunde verabscheuungswürdig ist. Er ist kein schelmischer, augenzwinkernder Ganove, sondern ein unberechenbarer Egozentriker. Timothée Chalamet ist die Rechtfertigung für eine Heldenfigur, wie sie es nicht geben dürfte. Aber Safdie und Bronstein haben exzellent vorgebaut.
Odessa A’zion und Gwyneth Paltrow – als selbstsichere Nachbarin Rachel Mizler und vergangene Leinwandlegende Kay Stone – sind keine gefälligen Nebenrollen. Es sind starke, sehr eigenständige Frauen. Bei ihnen dringt immer wieder durch, dass sie nicht Opfer von Martys Egoismus sind, sondern viel eher so etwas wie Mitleid für ihn empfinden. Zweifelsfrei ist Chalamet der Treibstoff für diese Rakete an Film, aber jede Rakete braucht funktionierendes Equipment. Dieses Equipment ist ein fabelhaftes Ensemble an Darstellern, und ein Regisseur der weiß was er tut.
Bei Josh Safdie ist niemals völlig klar, ob er weiß was er tut. Immer erst wenn sich eine Sequenz aufgelöst hat. Und dann fragt man sich, warum man daran gezweifelt hat. Der Film läuft nicht nur unentwegt auf Hochtouren, er ist auch ein gesamtheitlicher Anachronismus. Die Songs sind aus den Achtzigern von Tears for Fears, bis Alphaville, hin zu New Order. Die Kameraführung entstammt der erzählenden Bildsprache aus den Siebzigern. Die Hauptfigur entspricht dem Anti-Typen des angehenden neuen Hollywood der Sechziger. Und die Handlung spielt in den Fünfzigern.
Es funktioniert ausgezeichnet, und macht „Marty Supreme“ tatsächlich in gewisser Weise zeitlos. Josh Safdie hat zusammen mit Co-Autor Ronald Bronstein auch den Bildschnitt gemacht. Eine wirklich ’sichtlich‘ gute Entscheidung, bei der davon auszugehen ist, dass Sequenzen so montiert sind, wie es sich für die Autoren beim Schreiben angefühlt haben muss. Ebenso weiß Kameralegende Darius Khondji genau wie und wo seine Bilder aufgenommen werden müssen. Zum einen gibt es keinerlei Brüche in seinem Konzept. Zum anderen entwickelt er mit seinen Einstellungen eine verschmelzende Verbindung von den Emotionen der Figuren und der Dynamik der jeweiligen Szene.
Keine Frage, „Marty Supreme“ ist kein gefälliger Film. Auch wenn Josh Safdie inszeniert, als ob es auch eine Screwball-Komödie sein könnte. Denn was immer Marty anstellt, wen immer er belügt, von wem er auch stiehlt, jede Action macht die Situation schlimmer, ergeben sich noch schlimmere Hindernisse und Gefahren. Doch für eine Screwball-Komödie werden Menschen zu sehr verletzt, zu sehr betrogen. Dennoch kann niemand abstreiten, dafür eine fesselnde Faszination zu entwickeln. Das macht zum einen Timothée Chalamet, zum anderen die aberwitzige Geschichte, zusammengehalten von einem sehr fokussierten Regisseur, mit einem hoch motivierten Team. „Marty Supreme“ ist wirklich kein gefälliger Film. Er ist ein mitreißendes Gesamtkunstwerk.
Darsteller: Timothée Chalamet, Odessa A´zion, Géza Röhrig, Koto Kawaguchi, Gwyneth Paltrow, Tyler the Creator, Kevin O’Leary, Fran Drescher u.a.
Regie: Josh Safdie
Drehbuch & Bildschnitt: Josh Safdie, Ronald Bronstein
Kamera: Darius Khondji
Musik: Daniel Lopatin
Produktionsdesign: Jack Fisk
Finnland, USA / 2025
149 Minuten

