Fluch der Karibik: Fremde Gezeiten

Das schönste am Rummel sind die Fahrgeschäfte, und der schönste Rummel ist in Disneyland. Nur heißen die da nicht Fahrgeschäft, sondern Ride. Aber um Anglizismen zu vermeiden, muss man fast Fahrgeschäft sagen, obwohl es sich bei PIRATES OF THE CARIBBEAN streng genommen um ein Schwimmgeschäft handelt. Das schönste Schwimmgeschäft in Disneyland ist zweifelsfrei das Piraten-Szenario am New Orleans Plaza. Da schwimmt das mit Publikum bemannte Boot durch Grotten, durch die Schusslinie von sich beschießenden Schiff und Festung, vorbei am mit Piraten erfüllten Hafenleben, und durch gebrandschatzte Viertel. Überall sind kleine, feine Details zu sehen. Schätze, oder skelettierte Piraten, oder skelettierte Piraten mit ihren Schätzen. Die Lichtstimmungen sind überwältigend, die Illusion der Nachtstimmung ist überwältigend, und das Gefühl von Größe und Weite ist überwältigend. Diese Atmosphäre zwingt einen regelrecht, daraus einen Film zu machen.

Eingangsbereich der Attraktion

Und da es bereits der vierte Teil, oder der zweite Teil einer zweiten Trilogie ist, werden 128 Minuten Klischees erfüllt und Standards verarbeitet. Eigentlich geht der Film ja 136 Minuten, aber den Abspann werden sich die wenigsten ansehen, weil erstens nichts mehr passiert, und zweitens die Musik endgültig nicht mehr zu ertragen ist. In dieser angehenden zweiten Runde, ist man zum Glück etwas zurück gerudert. Was nicht nur als Wortspiel schön ist, sondern dem bisher vollkommen überfrachteten Gesamtwerk sehr gut tut. Man begreift endlich wieder einmal worum es geht, man begreift aber noch immer nicht ob Captain Jack Sparrow nun tuntig sein soll, oder einfach nur dauerbekifft.

Als Verbinski-Nachfolger hat Rob Marschall sehr betulich inszeniert. Sein CHICAGO ist um Längen schmissiger und aufregender. Vielleicht nennt man das aber auch nur ‚Charakter orientiert‘. Den Rest nennt man einfach nur vorhersehbar. Und wenn der Degen geschwungen wird, dreht Hans Zimmer nach den Motiven seines Schützlings Klaus Bartelt aber voll auf. Diese Musik hört man jetzt auch im Schwimmgeschäft in Disneyland, wo vorher nur ‚Yo Ho Yo Ho‘ zu hören war. Wenn ‚Yo Ho Yo Ho‘ auch in diesem Teil vorkam, hat man es dank Zimmers überdrehte Lautstärke seines eigenen Soundtracks nicht gehört.

Wenn man sich dreimal am Tag in Disneyland die PIRATES OF TE CARIBBEAN gegeben hat, dann kennt man die Bilder, die Figuren, die Effekte. Eine vierte Fahrt ändert nichts an den Gegebenheiten. Hier kommt das Schwimmgeschäft der Filmserie am nächsten, denn man kennt die Bilder, die Figuren, die Effekte. Und auch hier ändert sich nichts an den Gegebenheiten. Es macht Spaß, wie man ihn kennt. Man wird unterhalten, wie man es gewohnt ist. Und die Einzeiler gehen bis zum Abspann nicht aus. Doch wer Neues erwartet, sollte sich lieber ein viertes Mal am Schwimmgeschäft anstellen, denn dort gibt es wirklich immer etwas Neues zu entdecken. Zum Beispiel animatronische Figuren die wie Geoffrey Rush als Barbossa, oder Fischgesichter die wie Bill Nighy aussehen. Und immer wieder taucht in den Szenerien Jack Sparrows Gesicht auf, das wie Johnny Depp aussehen möchte.

Wirklichkeit und Film, die einzige Reminiszenz an die Inspirationsquelle in Teil vier.

Der Film hat sich redlich bemüht, eine neue Grundlage zu schaffen. Da ist die allerliebste Penelope Cruz, die wegen Schwangerschaft in vielen Szenen von ihrer Schwester vertreten wurde. Deswegen ist es besonders lustig, wenn der angewiderte Sparrow ihrem Charakter Angelica ins Gesicht sagt, „wenn Du eine Schwester hättest und einen Hund, würde ich mich für den Hund entscheiden“. Vielleicht ist das auch gar nicht so komisch, aber bei den Dreharbeiten haben sie sich bestimmt köstlich amüsiert. Cruz wird demnächst wohl öfter im Piraten-Outfit zu sehen sein. Denn Sparrow trägt am Ende einen ganzen Sack voller Fortsetzungsideen dem Sonnenuntergang entgegen. Das ist ein sehr schönes Wortspiel, das aber auch nur der versteht, der den Film bis zum Ende gesehen hat. Wenn er nicht vorher wegen der alles überlagernden Musik geflohen ist. Aber als Aufforderung, den Film gesehen haben zu müssen, darf das auch nicht missverstanden werden.

Aus dem Schwimmgeschäft in Disneyland kann man nicht so einfach fliehen, das wäre böse für die Gesundheit. Will man aber auch gar nicht, ist ja alles so wunderschön und liebevoll gemacht. Und hat einen ganz großen Vorteil gegenüber dem Kino, man kann es in echtem 3-D genießen.

Die Wicked Wench im Indoor-Gefecht

 

Pirates of the Caribbean: On Stranger Tides

Darsteller: Johnny Depp, Penelope Cruz, Geoffrey Rush, Ian McShane, Kevin McNally, Sam Clafin, Astrid Begres-Frisbey, Stephen Graham u.v.a.
Regie: Rob Marshall – Drehbuch: Ted Elliott, Terry Rossio – Kamera: Dariusz Wolski – Bildschnitt: David Brenner, Wyatt Smith – Musik: Hans Zimmer – Produktionsdesign: John Myhre
USA/2011 – zirka 136 Minuten

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