District 9

Wikus Van De Merwe ist genau der Typ, der gerne Ziel des Spotts wird. Und genau so inszeniert ihn Neill Blomkamp auch. Mit Pullunder über dem weißen Hemd und dem Tick, seine Nervosität hinter Zwischenfragen zu verbergen. Wikus hat allen Grund, nervös zu sein, denn ein Kamerateam wird ihn begleiten, wenn er im Dienste der MNU mit einem Trupp Soldaten ein Ghetto verlegt. Wikus ist alles andere als eine Führungspersönlichkeit, und dennoch liegt es in seinen Händen, für einen ordnungsgemäßen und reibungslosen Ablauf der Verlegung zu sorgen. Erschwerend kommt hinzu, dass Wikus diese ehrenvolle Aufgabe nur erhalten hat, weil sein Schwiegervater der Vorsitzende der MNU ist, dem Amt für Außerirdischenfragen.

In der ersten, als Dokumentation angelegten Viertelstunde, schneidet der Film zwischen Interviewfetzen des linkisch agierenden Wikus vor den Ereignissen und den zutiefst betroffenen Zeugen und Kollegen nach den Ereignissen hin und her. Schon in den ersten Minuten wird der anfängliche Trottel zur tragischen Figur, ohne dass man wissen sollte, was kommt. Natürlich weiß man, was kommt. Zum einen hat der gewitzte Filmfan schon ALIVE IN JO’BURG gesehen und zum anderen kommt man nicht umhin, den überschwänglichen Reaktionen auf den Film zu entgehen.

ALIVE IN JO’BURG ist der 2005 entstandene Kurzfilm von Neill Blomkamp, auf dem DISTRICT 9 basiert. Nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch hat Blomkamp nicht viel verändern lassen. Das Team ist weitgehend dasselbe geblieben, nur bei den Trickeffekten hat sich ein zusätzliches Schwergewicht eingeschlichen. Die überschwänglichen Kritiken sind das Ergebnis einer ohne Übertreibung weltweiten Begeisterung, weil ein derart kleiner Film alles an großen Hollywood-Blockbustern ausgestochen hat, was diesen Sommer auf den Tisch geworfen wurde. Dieser für nur 30 Millionen Dollar produzierte Film zählt für die meisten Kritiker als Beleg, dass intelligente Filme nur ohne Beteiligung der großen Studios aus Glitzerstadt inhaltlich und formell überzeugen können. Das ist oftmals sehr weit hergeholt, ja sogar übertrieben, hat aber einen begründeten Nährboden.

Sehr behutsam reduziert Neill Blomkamp den Charakter der Dokumentation, geht über in längere, nicht in die Kamera gesprochene Dialoge. Doch die sporadisch eingeworfenen Nachrichtenblöcke, wie die eines echten 24-Stunden-Nachrichtenkanals, erklären und ergänzen, lassen den Zuschauer tiefer blicken in eine Welt, die sich mit dem Erscheinen von Außerirdischen ergeben hat. Über Johannisburg ist ihr Raumschiff havariert und hängt dort seit Jahren wie eine düstere Warnung. Die über eineinhalb Millionen gestrandeter Bewohner einer anderen Welt hat man in einem Ghetto angesiedelt, direkt unter ihrem nutzlos gewordenen Raumschiff. Wenn es sich nicht mehr in der Luft halten kann, trifft es wenigstens die richtigen.

Dies sind weder die Außerirdischen, die uns Spielberg mit E.T. gebracht hat, noch die Typen, die den KRIEG DER WELTEN entfacht haben. Es sind Überlebenskünstler, die sich sehr schnell an ihre Umgebung anpassen können. Sie saufen, rotten sich mit kriminellen Nigerianern zusammen, wühlen sich durch Müll, erbrechen ungeniert schwarzen Schleim, bezahlen für menschliche Frauen und betreiben mit ihren eigenen Waffen regen Handel, obwohl die Waffen nur durch lebendes Zellgewebe der Außerirdischen aktiviert werden können. Und für Katzenfutter würden sie sich selbst verkaufen. Solche will man nicht haben. Die Prawns sollen gehen, wohin auch immer. Prawns nennt man sie wegen ihrer Ähnlichkeit mit zwei Meter großen Krabben. Und die Prawns sind nicht willkommen. District 10 heißt das Ziel der Umsiedlung, 100 Kilometer außerhalb der Stadt. Dort wird es ihnen besser gehen, verspricht man. Dort wird es noch ‚unmenschlicher‘, weiß man. Die Schwarzen in den Elendsvierteln von Südafrika haben ihre eigenen Schwarzen bekommen. Bittere Ironie in einer Inszenierung, die der Film nicht formulieren muss. Gerade weil der Film sich vehement sträubt, die Vergleiche zur Apartheidpolitik herauszuarbeiten, funktioniert das Thema sehr glaubhaft.

In diese Welt, in der sich selbst der Zuschauer zwischen Mitleid und Ablehnung hin- und hergeworfen sieht, hätte das Schicksal, oder besser gesagt das Drehbuch von Blomkamp und Terri Tatchell, keinen besseren als Wikus Van Der Merwe werfen können. Sein oftmals tölpelhaftes Benehmen macht ihn nicht lächerlich, sondern oft sogar sympathischer. Seine lockeren Sprüche sind ganz offensichtliche Fassade, um der eigenen gesellschaftlichen Umgebung zu gefallen. Er ist ein Mitläufer, der davon überzeugt ist dazuzugehören, wenn er genau das tut, was man von ihm erwartet. Und indem er ständig diesem irrigen Glauben hinterher rennt, eckt er nur an. Wikus ist dieses arme Würstchen, von dem der Zuschauer sofort weiß, dass von all seinen rassistischen Sprüchen keiner wirklich aus dem Mund dieses überforderten Vorgesetzten kommt.

Wikus ist ein fabelhafter Charakter, der von Sharlto Copley nicht nur glaubwürdig verkörpert wird, sondern von der Regie so natürlich geführt wird, dass das Publikum eine gute Vorstellung von seiner Gedankenwelt bekommt. Wenn das Schicksal mit Wikus seiner Wege geht, trifft der Schock der Erkenntnis ebenso den Zuschauer. Trotz einiger deftiger Action-Szenen und spektakulärer visuelle Effekte bleibt DISTRICT 9 ein Film, der auf zwei ganz anderen Ebenen funktioniert und damit überzeugt.

Zum einen ist da das Leben im Ghetto. Eine kaputte, ekelhafte Welt, mit der man nichts zu tun haben will und bei der man einfach nur wegsehen möchte. Man kennt diese Bilder, denn sie sind realen Ursprungs. Kopfschütteln ist programmiert, weil solche im Dreck wühlenden, betrunkenen Aliens nicht in unser Universalbild passen. Und doch werden die Verhältnisse verständlich, weil Neill Blompkamp dieses Verständnis schafft. Das ist kein Leben, das sie sich ausgesucht haben, sondern in welches die friedlichen Hilfesuchenden gedrängt wurden. Die Welt beweist sich wieder als ungesunder Ort.

Auf der zweiten Ebene ist DISRICT 9 das Profil eines armen Mitläufers, der dadurch aber auch zum Täter wird. Es ist wie der längst vergessene Status Quo des durchschnittlichen Bürgers. Sich anpassen, keine eigene Meinung kommunizieren, das eigene Umfeld als gegeben nehmen. Der augenscheinlich Action-orientierte Streifen weckt unweigerlich Assoziationen an Opas Kino der Fünfzigerjahre und seinen brillanten Science-Fiction-Klassikern. Ein verschleierter Blick auf den Zustand unserer Gesellschaft, unterschwellige Ängste, aber auch nicht formulierbare Hoffnungen. Dies ist bei DISTRICT 9 ebenso geschickt hinter der Fassade von purer Unterhaltung versteckt. Und es funktioniert, gerade weil es ihm ohne weiteres gelingt, nicht offensichtlich zu werden.

Neill Blomkamp hat seit geraumer Zeit den ersten Film gemacht der intellektuell überzeugt, obwohl er vordergründig daran überhaupt nicht interessiert ist. Mit einem etwas zu lange geratenen Showdown und einem allzu klischeebehafteten Bösewicht sind die Schwächen in der Inszenierung sehr schnell ersichtlich, werden aber durch den Gesamteindruck leicht hinfällig. Was bleibt, ist ein Gefühl des Besonderen, das im ersten Augenblick schwer greifbar ist.

Das Team das ALIVE IN JO’BURG schon zu einer Besonderheit machte, vollendet hier grandios seine düstere, aber glaubhafte Vision. Mit dem Schwergewicht WETA hat sich die optische Dimension dieser Vision wesentlich gesteigert. Das Trickfilmstudio hat die Prawns überwältigend umgesetzt, nicht nur mit ihrem photorealistischen Aussehen, sondern vor allem durch das makellose Einfügen in die gegebenen Szenerien. Die gemeinsame Vergangenheit von WETA und Produzent Peter Jackson könnte durchaus auch für das enorm niedrige Budget von nur 30 Millionen Dollar verantwortlich sein. Denn orientiert an ähnlichen Produktionen dieser Größenordnung, sieht Gezeigtes nach wesentlich mehr aus. Doch solange die Budget-Frage in den Augen der meisten Kritiker mit dem Grad des Anspruchs einhergeht, darf dies ruhig Spekulation bleiben.

Der Film ist nicht gut, weil er ein geringes Budget hatte oder alle Kritiker dieser Welt ihn preisen. Er ist nicht deswegen gut weil er den Vergleichen zu Opas Kino standhält oder WETA die Prawns animiert hat. DISTRICT 9  ist deswegen so gut, weil er spürbar mit Herzblut gemacht wurde und keine Absicht hat, den Zuschauer mit plumper Art zu hintergehen.

DISTRICT 9

Darsteller: Sharlto Copley, Jason Cope, David James, Vanessa Haywood, Mandla Gaduka, Kenneth Nkosi, Eugene Khumbayiwa, Louis Minnaar, William Allen Young u.a.

Regie: Neill Blomkamp – Drehbuch: Neill Blomkamp, Terri Tatchell – Kamera: Trent Opaloch – Bildschnitt: Julian Clarke – Musik: Clinton Shorter – Produktionsdesign: Philip Ivey

Neuseeland / 2009 – circa 111 Minuten

Bildquelle: Tri Star / Sony Pictures
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