Guy Ritchie & SHERLOCK HOLMES

Sherlock Holmes im Zeichen der Zeit

Andrew und Uwe sind wieder im Kino gewesen und haben einen Ausflug in alte Zeiten gemacht:

SHERLOCK HOLMES schleicht sich im Schatten von AVATAR leise an und schlägt umso mächtiger zu. Ein Film ganz auf der Welle des neu erfundenen Helden vergangener Tage. Ein Abebben ist nicht in Sicht, das Konzept geht immer wieder auf. Stellt sich die Frage:

Sind die klassischen Charaktere wirklich so stark, dass sie bei Neuverfilmungen stets aktuell bleiben, oder gar immer besser zu werden scheinen?

Sie sind unverwüstlich. Warum? Sie erscheinen beinahe wie Archetypen ihres jeweiligen Genres. Damals hatte man noch ein weites Feld für neue Charaktere und konnte sich das Beste rauspicken. Ist dann heute alles nur noch eine blasse Kopie?

Der berühmteste Hut der Detektivgeschichte ist abgelegt, dafür durfte die Pfeife bleiben. Damit ist nicht Sherlock Holmes gemeint. Guy Ritchies neue Filmversion eines der bekanntesten Detektive der Buch- und Filmgeschichte ist tatsächlich die Inkarnation der Neuinterpretation. Und sie funktioniert, wie kaum ein Remake, Re-Do, Restart in den letzten Jahren. Mit Ausnahme von Batman vielleicht. Oder Spider-Man. Oh, und die Helden aus STAR TREK. Alles starke Charaktere, die sich über Jahre oder Jahrzehnte als feste kulturelle Größe in der Gesellschaft etabliert haben. Man kennt sie, mit ihnen kommt die Welt in Ordnung, sie sind die Stützpfeiler der Gerechtigkeit. Jedenfalls auf dem Papier oder der Leinwand.

Die Bekanntheit der Charaktere gibt jedem neuen Film über einen klassischen Helden eine Vorgeschichte und damit einen Vorsprung mit. Aber sie engt auch ein, da Neues im Bekannten gefunden werden muss, um den Zuschauer zu überraschen. Denn die Grundstruktur der Kriminalgeschichte ist nur allzu bekannt: Böser Bube tut Böses, guter Bube geht heldenhaft in den Kampf gegen das Böse. Er gewinnt den Kampf und nebenbei als Belohnung eine neue Liebe. Das Neue ergibt sich immer nur aus der Variation des Wie: Wie geht der Gute vor? Die etablierten Charaktere decken bereits die ganze Bandbreite ab, das Feld ist abgegrast, Langeweile scheint programmiert.

Hatte man bis vor kurzem nur die Wahl, ob der Gute mit dem Kopf oder mit den Fäusten kämpft, lautet heutzutage die innovative und damit dann doch überraschende Antwort: Mit beidem! Hinzu kommt für Drehbuchautoren ein glücklicher Umstand: Weil wir in einer desillusionierten Welt leben, muss der Held nicht makellos und ausschließlich heldenhaft sein. Er darf Fehler machen und Fehler haben, wir lieben ihn dafür umso mehr. Im Gegenteil: Wir werden misstrauisch, wenn er keinen Fehler zugibt. Es ergeben sich spannendere Konstellationen mit höherem Identifikationspotenzial. Statt sich krampfhaft neue Figuren auszudenken, kann man nun die alten beibehalten und schwungvoller verpacken. All das beherrscht der neue SHERLOCK HOLMES virtuos und macht so einfach nur gute Laune.

BATMAN war dieser von Grund auf düstere Held. In den Sechzigern wurde er zum poppig bunten Fernsehheld. Tim Burton in den Achtzigern verlegte die wiederentdeckte, gequälte Seele des dunklen Ritters in ein überdrehtes Umfeld. Im orientierungslosen 21. Jahrhundert wird beinahe jedes über- und widernatürliche Element entfernt. Die Geschichten um Batman werden von den psychologischen Tiefen der Figuren bestimmt. Jedes Jahrzehnt hat eine Weiter- oder Neuentwicklung des Charakters erlebt. Der Zeitgeist bestimmt den Erfolg.

Guy Ritchie hat diesen stets überlegenen Helden aus der Baker Street dem Zeitgeist angepasst. Der sich im FIGHT CLUB wohlfühlende Holmes ist längst nicht mehr Großvaters Holmes. Aber ist es überhaupt noch Holmes? Was sich oberflächlich wie ein typischer Film von Ritchie ausnimmt, dringt mit den Stilmitteln des Regisseurs in das Innerste des von Robert Downey gespielten Detektivs vor. Mit überraschenden Kniffen bringt er den desillusionierten Neuen mit dem analytischen Alten zusammen. Der sich aus einer Wettleidenschaft herausprügelnde Holmes kann nur Dank seines wachen und allumfassenden Verstands wirklich gut kämpfen.

Eine nicht enden wollende Explosionskette, in der sich Holmes bewegt, gehört in ihrer überwältigenden Inszenierung zu den aufsehenerregendsten Momenten der modernen Kinogeschichte. Auch am Ende, als im Showdown dieser bis dahin stimmige Film in den vollen Hollywood-Modus zu gleiten droht, durchbricht das tadellos konzipierte Drehbuch die modernen Sehgewohnheiten. Allerdings nicht auf der bildlichen Ebene, sondern in der Erzählstruktur. Gebrochene und auch gelangweilte Charaktere, die ohne ihre sie fordernde Aufgabe kaum bestehen können, sind alles andere als selten. Und doch ist dieser Sherlock Holmes anders. Er ist anders, weil wir ihn kennen. Als modernes Kulturgut muss er weder erklärt noch vorgestellt werden oder gar Akzeptanz aufbauen.

Es ist die Vermenschlichung, die den Erfolg begründet. Ironischerweise funktioniert sie umso besser, je fiktiver ein Charakter von der Anlage her ist. Niemand wird behaupten, dass er tatsächlich damit rechnet, um die nächste Straßenecke Batman zu begegnen. Und doch erwartet man heute, auch diesen Helden „real“ verkörpert zu sehen. Gerade weil Holmes im neuen Film oft so aussieht, als hätte er in seinen Klamotten den Tag auf dem Sofa verschlafen, nimmt man ihm das Genie ab. Ein Paradoxon, denn damit entspricht er ja eigentlich wieder dem Klischee des leicht trotteligen Professors, des Fachidioten, der sich nicht um gesellschaftliche Konditionen und soziale Kontakte kümmert.

Viele Szenen sind mit Super-Zeitlupe aufgenommen. In Zeiten, in denen Kameras gerne die Action-Szenen zerschütteln, um so dokumentarische Wirkung zu erzielen, geht auch dieser Film neue Wege Richtung Realismus. Ich sehe als Zuschauer alles genau, ich bekomme die Wirkung der Aktionen exakt beschrieben, also ist es realistisch, was mir da gezeigt wird. Und ich bin ein Eingeweihter, der alles detailliert weiß. Zugegeben, der Showdown leidet, was die Originalität betrifft, unter einem Mount-Rushmore-Komplex. Aber wenn selbst Hitchcock zum Mittel der schwindelerregenden Sehenswürdigkeit gegriffen hat, um dem Zuschauer zu zeigen, dass er jetzt buchstäblich beim Höhepunkt des Films angekommen ist, wer will es dann Guy Ritchie übel nehmen?

Den Amerikaner Robert Downey Jr. mit einem nahezu perfekten britischen Englisch durch die vom Computer geschaffenen Häuserschluchten des viktorianischen Londons jagen zu sehen, ist eine besondere Freude. Als Inbegriff des tadellosen Watsons könnte der echte Londoner Jude Law durchgehen, wenn man durch sein Spiel nicht ständig das Gefühl vermittelt bekommen würde, dass auch hier unergründliche Tiefen schlummern. Am Ende eines stimmigen Filmvergnügens, das mit Witz, Spannung, sogar ein bisschen Tiefgang und überzeugender Optik zu unterhalten versteht, lauert dieses gemeine Gefühl, noch nicht genug gesehen zu haben.

Jüngeren, unbescholtenen Konsumenten wird der Zugang zu diesem hellen Kopf mit finsterer Seele noch viel leichter fallen. Wer älteren Semesters schon Abenteuer des Meisterdetektives gesehen, gelesen oder gehört hat, der dürfte angenehm überrascht werden. Diese überaus moderne, stilsichere Variante einer Neuinterpretation bleibt der von Arthur Conan Doyle ersonnenen Philosophie treu, dass während des zeitlichen Umbruchs in eine vernunftorientierte, aufgeklärte Epoche das wissenschaftliche Weltbild gestärkt werden muss. So wird die hier explizit auf Schwarze Magie ausgelegte Handlung am Ende selbstverständlich entlarvt. Und wer vom Hören-Sagen den biederen Peter Cushing nicht in Einklang mit der von Downey gespielten Figur bringt, dem sei versichert, dass bereits der Autor Doyle selbst seinen Detektiv zu einem hervorragenden Faustkämpfer machte, der durchaus auch Kenntnis von fernöstlichen Kampftechniken hatte.

Hat am Ende Guy Ritchie den ersten wahren Sherlock Holmes von der Vorlage zur Leinwand gebracht?

Starke Charaktere erfordern starke Schauspieler. Wenn das Innere eines Menschen nach außen gekehrt werden soll, muss der Schauspieler dies zeigen können. Das Duo Downey und Law ist dazu in der Lage. Die beiden haben zum Glück sehr viel mehr Chemie als so manches Paar aus den romantischen Komödien der letzten Jahre. Und wenn man nicht gerade von der hervorragenden Optik des Films abgelenkt ist, lohnt es sich immer, einen Blick auf die Mimik dieser Schauspieler zu werfen – selbst dann, wenn sie nur am Rand der Leinwand zu sehen sind. Man nimmt ihnen ab, schon jahrelang zusammenzuarbeiten, obwohl sie eigentlich zum ersten Mal gemeinsam vor der Kamera stehen.

Werden uns heute die wahren Personifikationen der klassischen Charaktere gezeigt? Ja und nein. Holmes & Co. wirkten noch nie so real und greifbar wie heute, berühren uns und bieten viel Identifikationspotenzial. Doch jede Zeit braucht ihre eigene Reinkarnation. Ein anderer Doktor aus England hat es vorgemacht, wie man sich über die Jahrzehnte hinweg immer wieder erfolgreich regenerieren kann. Wünschen wir dieser Inkarnation von Holmes und Watson viel Erfolg. Und freuen wir uns auf eine neue, wenn die Zeit dafür reif ist.

Der klassische Charakter eines Batman, Kirk oder sogar Holmes ist in seiner Zeit durchaus stark gewesen. Aber vielleicht nicht zeitlos. War Rhett Butler für seine Generation der bewundernswerte Treibauf, dürfte er heute Scarlett nicht einfach nur verlassen, sondern müsste umgehend mit Puffmutter Belle Watling drei uneheliche Kinder zeugen, die für ihn alles auf der Welt bedeuten. Es sind also greifbare, starke Charaktere, die nur die Zeit überdauern, weil sie ständig den Zeichen der Zeit unterworfen werden. Sie erfahren nicht so sehr Entwicklung als vielmehr Neuinterpretation. Superman ist bei seinem letzten Abenteuer nicht an einem schlechten Film gescheitert, sondern am unverrückbaren Festhalten an seinen bekannten Werten. Den Werten, die ihn allerdings erst zu einer Ikone werden ließen.

Das stete Bemühen dieser Figuren hält sie frisch, macht sie immer wieder aktuell und lässt sie nicht altern. Aber starke Charaktere bleiben nicht einfach starke Charaktere, wenn man nicht an und mit ihnen arbeitet. Sie dürfen nicht in ihrer Gesamtheit einfach neu erfunden werden. Man muss sie auseinandernehmen und die Teile einzeln bearbeiten. Zu diesen Einzelteilen gehören nicht nur Wesenszüge der Figur, sondern auch die Bedeutung eines Charakters für den gesellschaftlichen Status Quo. Interessanterweise hatte man mit Sherlock Holmes das Glück, dass er sich im Laufe der Jahrzehnte soweit verändert hat, dass man tatsächlich zu den Ursprüngen zurückgehen konnte und dabei nur augenscheinlich einen neuen Holmes präsentierte.

Nun darf der Detektiv ganz unbeschwert drogenabhängig sein. Der düstere Holmes und der strahlende Watson werden endlich als sich ergänzende Einheit entlarvt. Und auch die eine oder andere Prügelei ist ganz im Sinne des Erfinders Conan Doyle. Und wirft man einen vergleichenden Blick auf die weltlichen und gesellschaftlichen Umbrüche der damaligen und heutigen Zeit, verwundert es nicht, dass der ursprüngliche Holmes aktueller nicht sein könnte.

Ist das nicht elementar, mein lieber Watson?

Bildquelle: Warner Bros. Pictures
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