EDITORIAL: Immer auf die Kleinen

Jedes Kinojahr hat so seinen Schläfer. 2010 war das zweifellos „Inception“, ein Film, der mit seinem Trailer vorab viel versprach, aber dennoch thematisch überhaupt nicht einzuordnen war. Der Erfolg von „Inception“ baute nicht auf dem Namen seines Erfinders, sondern das überraschte Publikum entdeckte intelligentes Kopfkino innerhalb des Hardcore-Mainstream. „Inception“ blieb entgegen der üblich gewordenen Kassen-Gewohnheiten drei Wochen auf Platz eins der U.S.-Charts. Die Industrie war perplex. Der Film verlor zwar von Woche zu Woche 30% Einspielergebnis gegenüber seiner Vorwoche, aber das ist im Vergleich zum üblichen Verlust nicht sehr viel. 50% Abfall sind keine Seltenheit. Was herausstach, war nicht der geringere, prozentuale Verlust, sondern dass sich „Inception“ in der zweiten Woche gegen Nicholas Cages Zauberlehrling behauptete und er in der dritten Woche sogar Angelina Jolie mit „Salt“ den ersten Platz verweigerte.

Im Übrigen verloren „Duell der Magier“ und „Salt“ in ihren zweiten Wochen jeweils 45%. Aber was soll die Zahlenspielerei? Sie hilft nicht, das Phänomen zu verstehen, das die Industrie diese Woche vollkommen irritiert. „The Help“ tut es dem Vorjahres-Hit „Inception“ gleich und setzte sich die dritte Woche in Folge auf Platz eins. Gestartet war „The Help“ in der ersten Woche gar nur auf Platz zwei. Jetzt könnte man sagen, dass Überraschungen eben passieren im Filmgeschäft, wäre „The Help“ nicht ein Südstaaten-Drama, das in den Sechzigern spielt und von schwarzen Bediensteten handeln würde. Mit Darstellern, die bei Arthouse brillieren, aber keine Blockbuster-Zugkraft haben.

Was die Studios ohnmächtig reagieren lässt, ist die Liste der von „The Help“ auf die zweiten Plätze verwiesenen Filme. „Final Destination 5“, „Conan 3-D“, „Fright Night 3-D“, „Colombiana“, „Don’t be afraid of the dark“,„Apollo 18”, und schließlich „Shark Night 3-D”. Qualitativ und inhaltlich nicht die besseren Filme, sicherlich, aber Produktionen mit viel mehr Marketingkraft und leichter zu erreichenden Zielgruppen. Wobei hinzukommt, dass die Blockbuster-Zielgruppe auch noch ein Vielfaches größer ist. Von den sieben aufgezählten Filmen wurden vier in 3-D gezeigt. In Amerika bedeutet dies einen Preisaufschlag zwischen drei und fünf Dollar pro Eintritt. Dass dort drüben nur blanke Zahlen als Indikator für das Marketing genommen werden und keine Zuschauerzahlen, kommt dem normalen Blockbuster gerne zugute. „Avatar“ hat mit einer gesamten Milliarde Dollar über dem Ergebnis von „Titanic“ noch nicht annähernd die Zuschauerzahlen des Untergangsepos erreicht.

Eindeutiger kann die Aussage des Publikums an Studios, Filmemacher und Kinoketten nicht sein. Wie immer und immer wieder in den letzten Jahren, gibt es Anzeichen zum Umdenken. Und als solches könnte man „The Help“ auch verstehen. Doch der Trugschluss liegt darin, dass der Freund des gepflegten Vampir-Grusels sich an der Multiplex-Kasse nicht plötzlich doch für ein mit hauptsächlich Frauen besetztes Drama entscheidet. Genauso wenig wird der Splatter-Freund seinen Unmut über 3-D damit kundtun, einen dialoglastigen Problemfilm zu wählen.

Auf der anderen Seite ist aber der Erfolg des einen Films wohl doch Indikator für die Probleme der anderen Filme. „Inception“ konnte sich 2010 gegen „Salt“ leicht durchsetzen, weil der Jolie-Starrer ein viel zu aufgesetzter Konzeptfilm war, während „Inception“ tatsächlich Neues brachte. „The Help“ hingegen setzt sich nicht durch, zieht keine Zuschauer von einem anderen Film ab. Aber von den bereits angesprochenen sieben anderen Filmen sind vier in 3-D, einer eine Fortsetzung, drei ein Remake, und drei haben eine ausgelutschte Prämisse, wobei einer davon an einer Altersfreigabe krankt, die in dieser Sparte keinen aus dem Straßencafé lockt.

Nach wie vor krankt es in der großen Unterhaltungsindustrie, was die Verantwortlichen nicht zur Kenntnis nehmen können. In einer Welt, wo der Starttermin von „Spider-Man 2“ bereits feststeht, bevor der erste Teil fertiggestellt ist, hat das Kalkül längst den gesunden Verstand abgelöst. Bereits vor 17 Jahren beschwor in einem einzigartigen Pamphlet ausgerechnet Jeffrey Katzenberg die Industrie zu einem Umdenken, selbst einer der ganz großen Verdiener am Mainstream-Kino. Wenn mittlerweile multinationale Großkonzerne über Für und Wider in einer Branche entscheiden, die früher mit Herz und Leidenschaft gelenkt wurde, kann sich da nur sehr wenig bewegen. Eine traurige Wahrheit.

Die traurige Wahrheit für den Blockbuster ist aber auch der kleine, feine Triumph des kleinen Films. Was die Branche im Augenblick so perplex zurücklässt, sorgt für große Schlagzeilen. Und deren Ohnmacht lenkt viel Aufmerksamkeit auf die immer und immer wiederkehrende Frage, warum der Markt so reagiert. Und das bringt automatisch „The Help“ mit ins Spiel und sehr viel Beachtung. Mehr Beachtung, als DreamWorks seinem bescheidenen Film mit einem kleinen Werbe-Etat jemals zugestanden hätte. Und das freut auch jemanden, der lieber abgetrennte Gliedmaßen und Frauen mit Waffen sieht, aber die Schnauze voll hat von nichtsnutzigem 3-D und dem Wiederkäuen abgewrackter Ideen.

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