Genial: END OF WATCH

END OF WATCH – Bundesstart 20.12.12

Sie sind charmante Rüpel, ehrliche Freunde, nervende Kollegen, ehrgeizig im Beruf, warmherzig in ihren Beziehungen. Und sie glauben, dass sie etwas bewirken können. Keiner von ihnen hat Dreck am Stecken, es gibt keine dunkle Vergangenheit, und es gibt auch nichts Dummes was sie im Verlauf tun werden. Trotz der bekannten Darstellernamen Gyllenhaal und Pena, sind die Figuren Brian und Mike die ehrlichsten und authentischsten Charaktere im vergangenen Kinojahr und im Polizeifilm überhaupt. David Ayer hat als Regisseur und Autor sehr viel Mut bewiesen, einen Film wie diesen mit derart bekannten Namen zu besetzen, denn END OF WATCH funktioniert allein über die Glaubwürdigkeit seiner Figuren in einem ebenso glaubwürdigen Umfeld, was mit etablierten Darstellern oft schwierig wird. Und doch hat David Ayer wohl einen der besten Cop-Film seit COLORS gemacht.

Es gab eine Zeit, da war ein gewisser Stil in Kameraführung und Schnitt als „MTV-Style“ verrufen. MTV war das Synonym für eine moderne Art der visuellen Stimulation. Aber schnelle Schnittfolgen und dazu verquere Kameraeinstellungen waren tatsächlich nur ein Kind der Neunziger. Die stets modernen Trends hinterher hechelnde Filmindustrie hat MTV adaptiert, dabei aber vergessen, wann es Zeit ist loszulassen. Der mit wirren Schnitten und eigenartigen Kamerapositionen bekannt gewordene MTV-Style bestimmt bei vielen Filmen noch immer die visuelle Umsetzung diverser Kinostoffe. END OF WATCH ist einer der ersten großen Kinofilme, der die optischen Zeichen der Zeit begriffen hat, um vom Zeitgeist der MTV-Optik zur aktuellen Sehgewohnheit von YouTube umzuschwenken. Das bedeutet Bilder von verschiedenen Quellen, die tatsächlich Vorort sein könnten, seien es Überwachungskameras oder Selbstgedrehtes. So wird schon der Anfang zu einem rasanten Einstieg, den man so noch nicht gesehen hat. Die Verfolgungsjagd durch die Straßen von South Central steigert sich durch nur eine fest installierte Kamera gesehen, zu einem Meisterstück von Stunt-Arbeit.

Ayer zeigt sehr nüchtern, aber ab und an auch einmal ausgelassen, den Alltag der Partner Brian und Mike, die ihren Streifendienst in South Central Los Angeles verrichten, der gefährlichsten Ecke des Großstadtmolochs. Dem Zuschauer wird augenblicklich bewusst, dass jederzeit alles passieren kann. Brian und Mike sind eben keine Helden der Straße, sie sind Polizisten aus Überzeugung die Welt wenigsten ein kleines bisschen besser machen zu können. Was David Ayer den Zuschauer aus der Sicht der Cops erleben lässt, geht dann auch oftmals an die Schmerzgrenze, denn nichts ist diesem Film ferner, als diesen Alltag mit Klischees zu füllen. END OF WATCH macht den Eindruck von wahllos ineinander verschachtelter Episoden, wo die Handlung abhanden gekommen ist. Tatsächlich vermisst man auch keine wirkliche Handlung, weil die phänomenalen Darsteller die gesamte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es ist unglaublich spannend nicht nur ihre Einsätze zu beobachten, sondern die Figuren auch privat kennenzulernen. Anna Kendrick und Natalie Martinez, die eine als Freundin von Brian, die andere als Frau von Mike, machen keine Ausnahme in den überaus realistischen, ehrlichen Darstellungen. Diese Menschen sind echt, und das beeindruckt am meisten.

Ohne dass man es wirklich wahrnimmt, hat sich aus den diversen Episoden ein kleiner roter Faden heraus gesponnen. David Ayer führt Brian und Mike zu einem Abschluss des Films, den man so nicht erwartet hätte. Aber er betrügt den Zuschauer nicht, sondern bleibt seinem Realismus treu. Ein abschließender Zeitsprung verdeutlicht noch einmal die Genialität der Darsteller und des Regisseurs, dass Emotionen viel spannender sein können, als die wildesten Schießereien. Das macht END OF WATCH definitiv zu einem der besten Cop-Filme überhaupt.

Entspannte Momente, Copyright Open Road Films / Tobis Film

Darsteller: Jake Gyllenhaal, Michael Pena, Natalie Martinez, Anna Kendrick, David Harbour, Frank Grillo, America Ferrera, Cle Sloan, Jaime Fitzsimmons, Cody Horn u.a.
Regie & Drehbuch: David Ayer
Kamera: Roman Vasyanov
Bildschnitt: Dody Dorn
Musik: David Sardy
Produktionsdesign: Devorah Herbert
USA / 2012
zirka 109 Minuten

Bildquelle: Open Road Films / Tobis Film
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