FAST VERHEIRATET fast perfekt

Ein weiteres Schwert aus der Apatow-Schmiede, das zwar weniger scharf schneidet, dafür perfekt in der Hand liegt. Judd Apatow hat, ohne dass man übertreiben muss, die Komödienlandschaft im Mainstream der letzten sieben Jahre geprägt und auch in eine neue Richtung geführt. Im Kino nahm das seinen Anfang mit JUNGFRAU (40), MÄNNLICH, SUCHT und fand seinen vorläufigen Höhepunkt 2011 mit BRAUTALARM. Dazwischen lagen grotesk schlechte Produktionen, aber auch PINEAPPLE EXPRESS oder SUPERBAD. Die Erwartungen an FAST VERHEIRATET waren daher gemischt, die Hoffnung allerdings lag hoch. Geht eine Judd-Apatow-Produktion an den Start, dann ist das weniger ein Produkt von Apatow selbst, als vielmehr sein Produzenten-Vertrauen in die geistigen Genies des jeweiligen Wahnsinns. So greifen Darsteller, Autoren und Regie wesentlich kompakter ineinander als bei anderen Studioproduktionen. Darsteller Jason Segel schrieb zu FORGETTING SARAH MARSHALL selbst das Drehbuch, wie auch Hauptaktrice Kirsten Wiig bei BRAUTALARM. So setzte sich Segel auch für FAST VERHEIRATET wieder an das Textprogramm, zusammen mit Nicholas Stoller, dem Sarah-Marshall-Regisseur, der hier gleich die Regie mit übernahm.

Violet Barnes und Tom Solomon sind das perfekte Paar, daher wird es nach einem Jahr endlich Zeit zu heiraten. Doch schon der Heiratsantrag setzt Zeichen für das, was kommen mag. Jobwechsel, Umzug, Todesfälle. Immer wieder müssen Violet und Tom ihre anberaumten Hochzeitstermine verschieben. Bis sie nach fünf Jahren feststellen müssen, doch nicht füreinander geschaffen zu sein.

Hier zeigt Jason Segel, der scheinbar in allen Gewässern schwimmen möchte, wie auch in dem kommenden JEFF, DER NOCH ZU HAUSE LEBT, dass er erneut in den leisesten Untertönen zu überzeugen versteht. Er muss nicht die prall gefüllte Vulgärkiste aufmachen, um maximalen Unterhaltungswert aus dem Material zu holen. Ganz im Gegenteil, aus FIVE-YEAR ENGAGEMENT wurde eine Komödie, die Nora Ephron in ihren besten Jahren inszeniert hätte. Auch die Chemie von Segel mit der wunderbaren Emily Blunt hat etwas, das Hanks und Ryan seinerzeit so unwiderstehlich machte.

Gegenüber den sonst gewohnt derben, teilweise sehr überspitzten Schenkelklopfer-Momenten aus dieser Produktionsrichtung nimmt sich FIVE-YEAR ENGAGEMENT erstaunlich zurück. Und das zum Besten für  Geschichte und Darsteller. Trotz peinlicher Hindernisse und Stolpersteine, wie der  Heiratsantrag, bleiben jeder Punkt der Geschichte und die Reaktion der Figuren nachvollziehbar und realistisch. Erst im Nachhinein wird dem Zuschauer bewusst, wie authentisch die Charaktere eigentlich tatsächlich waren. Gerade diese Authentizität macht den Film erst so unterhaltsam und witzig. Wie sich die Figuren verändern, die natürliche Akzeptanz innerhalb einer Beziehung, aber auch der Wandel von dieser Akzeptanz zum Selbstverständnis. Wer etwas tiefer sehen will, kann auch ganz tiefsinnige Momente in FIVE-YEAR ENGAGEMENT finden. Stroller und Segel haben ihre Dialoge und Situationen auf den Punkt gebracht. Ein Streit entsteht nicht aus um des Streites Willen. Und versöhnliche Worte müssen nicht in Versöhnung kulminieren. Es wird gewitzelt, es wird gelacht, fremdschämen ist allemal drin, und immer wieder kann sich der Zuschauer in der einen oder anderen Situation selbst entdecken. Oder vielleicht in allen Situationen.

Der emotionalere dritte Akt ist nicht so flüssig wie die 80 Minuten davor, was allerdings daran liegt, dass Buch und Regie ihrer Linie einer nachvollziehbaren und nachfühlbaren Geschichte treu bleiben. Mit 124 Minuten ist FIVE-YEAR ENGAGEMENT als Komödie sowieso ungewöhnlich lange, und mehr Tempo im dritten Akt hätte dem Film bestimmt gutgetan. Aber die dem Zuschauer ans Herz gewachsenen Charaktere und ihre einnehmenden Darsteller machen dabei einiges wieder wett. Das ist das unbestreitbare Novum an Nicholas Strollers Regie, dass er dem Zuschauer nichts vormacht, sondern ihn mitnimmt. FIVE-YEAR ENGAGEMENT ist mitunter ein brüllend komisches Spiegelbild, das aber niemanden bloßstellt, weder den angesprochenen Zuschauer noch seine ehrlichen Figuren. Wobei die leisen Töne in einem perfekten Gleichgewicht zu den extrovertierteren Szenen stehen. Und das macht den Film zu einem Muss für junge Erwachsene und alle Altersgruppen danach.

Five-Year Engagement
Darsteller: Jason Segel, Emily Blunt, Chris Pratt, Alison Brie, Rhys Ifans, Kevin Hart, Mindy Kaling, Mimi Kennedy, David Paymer u.a.
Regie: Nicholas Stoller
Drehbuch: Jason Segel, Nicholas Stroller
Kamera: Javier Aguirresarobe
Bildschnitt: William Kerr, Peck Prior
Musik: Michael Andrews
USA / 2012

zirka 124 Minuten

Bildquelle: Universal Pictures International / Universal Pictures
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Im Kino gesehen abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort