EDITORIAL: Nachwirkungen OSCARS 2012

Überrascht? Natürlich glaubt man auf den ersten Blick, dies könnte ein überalterter Beitrag sein. Das zeigt wieder einmal die Schnelllebigkeit unserer Zeit. Und wie wir mit dieser Zeit umgehen. Ist die Verleihung der Oscars schon eine Woche her – oder ist sie erst eine Woche her? Zumindest sind endlich die meisten Klugscheißer und Sport-Trolle wieder in den unendlichen Weiten des Netz untergetaucht. Los wird man sie ja nie wirklich.

Aber ehrlich, warum verbringt man drei Stunden seines Lebens vor dem Fernseher, um über eine Preisverleihung live zu bloggen, wie schlecht sie ist? Das geschieht nicht aus der Situation heraus. Liest man die Blog-Ankündigungen, haben alle Filmfreunde mit Blog bereits im Voraus kundgetan, über die Oscars einfach nur zu lästern. Ehrlich? Anstatt etwas in ihren Augen Schlechtes mit Nichtbeachtung zu strafen, beschließt man, alles, aber auch wirklich alles live schlecht zu reden. Das Netz macht es möglich. Welche Zeit wendet man dafür auf, welche Energie wird verschwendet. Sich im Netz zum Volltrottel zu machen, ist eine Tradition so alt wie der Zugang für jedermann möglich ist. Erschreckend ist nur, dass ausgerechnet sogenannte Brancheninsider und renommierte Seiten – oder Online-Ausgaben von profilierten Printmedien – dieses bewusste, von vornherein ausgemachte Schlechtreden begonnen haben. Aber um was zu demonstrieren?

Seit Jahren ist die Academy of Motion Pictures Arts and Sciences in ständiger Kritik, die Oscar-Verleihung müsste ausgedünnt werden, sollte sich einem jüngeren Publikum zuwenden, sollte sich etwas einfallen lassen, müsste interessanter werden. Wirklich? Aber wieso? Dass viele Menschen schlau daherreden, nützt der Academy herzlich wenig. Es ist keine Show im eigentlichen Sinne und keine Gala, sondern eine Preisverleihung. Eigenartig, dass keiner dieser ganzen Besserwissern den Auftritt von Cirque du soleil dieses Jahr vollkommen daneben fand. In dieser Zeit hätte man aber auch die einzigen zwei nominierten Songs präsentieren können. Oder ein Medley der Anwärter auf die Filmmusik.

Jedes Jahr überraschen die Produzenten der Oscars damit, dass es keine Überraschungen gibt. Als treuer Freund althergebrachter Traditionen und Anbeter jedes noch so glamourösen Namens findet man das tatsächlich sehr schade. Jeder möchte diesen besonderen Kick, findet ihn ab und zu in erfreulichen Dankesreden oder gelungenen Präsentationseinlagen. Es ist der krönende Abschluss des Preisvergabe-Marathons. Und da ist mit jedem Jahr die Erwartungshaltung hoch. Nun, die Razzie-Awards sind in den April hineingerutscht, aber die bedienen ein anderes Klientel an Zuschauern.

Kürzer soll sie werden, schreien die einen. Kategorien müssen verschwinden, skandieren andere. Aber was wird dann aus dem Wesen der Preisverleihung? Jeder Name möchte verlesen werden, jeder Empfänger möchte seinen mehr oder minder originell verpackten Dank loswerden. Es mag sein, dass der Charakter der Oscars nicht mehr so zeitgemäß scheint, aber deswegen muss man doch nicht gleich Kategorien streichen. Dieser Ruf ist unsinnig, weil gegen die Prinzipien der Academy. Zur Filmindustrie zählen eben nicht nur Blockbuster und Arthouse-Lieblinge. Ein Kommentar bei Nikki Finkes Deadline meint, man solle die Kurzfilme endlich aus dem Ablauf streichen, weil niemanden Preise für Filme interessieren, die keiner gesehen hat. Der Kommentator gab sich als einer jener Mitläufer zu erkennen, denen das Verteilen von Schelte unter der Gürtellinie ehrliche Freude bereitet, egal, ob vielleicht auch etwas überraschend Gutes während der Oscars passieren könnte.

Seit zwei Jahren vertreibt die Firma SHORTS INTERNATIONAL LTD die für einen Oscar nominierten Kurzfilme auf diversen Plattformen, zum Beispiel auch über iTunes. Dieses Jahr packten sie nicht nur die Kurz-Dokumentationen bei, sondern machten die gesamte Rolle fürs Kino tauglich und bespielten im Vorfeld der Verleihung weltweit sehr viele Leinwände. Das hat natürlich einen geschäftstüchtigen Hintersinn. Dafür verschwanden zu früheren Zeiten die Kurzfilme ständig unangekündigt auf irgendwelchen öffentlich-rechtlichen Sendern. Nun gibt es für jeden die Möglichkeit, die Kunst des kurzen Films zu genießen. Ja, und um am entsprechenden Abend auch für diese Kategorien fiebern zu können.

Der Kurzfilm ist keine Filmkunst, die sich vom aktuellen Kino in ihrer Erzählform so sehr unterscheidet. Nur dass man beim Kurzfilm viel experimenteller arbeiten und kreativere Stilmittel einsetzen kann. Eines dürfen die Schlaumeier, Klugreder und Filmversteher nicht vergessen: als das Kino laufen lernte, gab es nur Einakter. Rollen mit einer maximalen Lauflänge von 20 Minuten, in denen ganze Geschichten erzählt wurden. Wer die „Cinema 16“-Reihe auf DVD kennt, der hat die Kurzfilme gesehen, mit denen die heutigen Größen im Filmgeschäft ihren Einstand feierten. Warum diese Kategorie für einen unsinnigeren, weil einfallslosen Grund streichen, als sich einmal darauf einzulassen? Sich damit zu beschäftigen und die Originalität zu bewundern, mit der angehende Filmemacher ihre Visionen umsetzen.

Zugegeben, der deutsche Live-Action-Beitrag „Raju“ dieses Jahr war die ganze hohe Kunst langweiliger Filmhochschulen-Doktrin. Aber dafür entschädigten doch die bizarren Einfälle von „Tuba Atlantic“ oder die brüllend komische Auflösung von „Pentecost“. Nicht zu vergessen die peitschende Erzählform von „Time Freak“ und das ergreifend menschliche, aber nie sentimentale Ende des Gewinners „The Shore“. Dafür brillierten bei den Animierten die unterschiedlichsten Stilmittel. Bei „Wild Life“ und „Dimanche/Sunday“ teilweise sogar sehr riskante Umsetzungen in der Animation. Über den sehr geleckten, auf Konzept getrimmten Gewinner „The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore“ könnte man streiten, weil „A morning stroll“ dann doch mutiger war und sogar mit wechselnden Stilmitteln der Erzählung eine ganz eigene Ebene hinzufügte.

Wenn man sich nur einmal darauf einlassen würde, könnte man feststellen, dass Kurzfilme in ihrer Mannigfaltigkeit und Originalität dem kommerziellen Langfilm ohne Weiteres die Stirn bieten. Die heute populärsten Animationsfilme sind Pixar-Produktionen, nur weil die Pixar-Leute mit ihren kurzen Geschichten das Fundament dafür legen konnten. Und jetzt, wo jedermann jederzeit Zugriff auf diese kleinen, aber auch großen Kunstwerke hat, die im Bollwerk der alles dominierenden Oscar-Verleihung mitgezogen werden, ist der Ruf, diese Kategorien endlich abzuschaffen, viel absonderlicher geworden. Hollywood feiert mit den Oscars sich selbst, wer möge das bezweifeln, so war es von Anbeginn gedacht. Und in gewissen Kategorien honorieren eben diese Helden unseres Popcorn-Kinos diese frischen Freigeister und ihre noch unverdorbenen Visionen.

Vielleicht wird es wirklich endlich Zeit, dass die Oscars einen neuen Anstrich bekommen. Aber darüber soll sich jemand den Kopf zerbrechen, der etwas davon versteht. Diversen Live-Bloggern und ihren gehaltlosen Kommentatoren kann man dieses Verständnis durchaus absprechen. Auf keinen Fall will ich auf Gesichter wie „The Shore“s Terry und Oorlagh George verzichten, deren Natürlichkeit und echte Freude zu den besseren Momenten der 84. Preisverleihung gehörten. Und wer hätte je gedacht, dass William Joyce und Brandon Oldenburg mit ihrer Nervosität bei der Dankesrede nach dem Sieg von „The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore“ noch einmal die Kurve bekommen würden. Ach ja, die Show selbst war schon etwas fade, aber sie hatte ihre Momente.

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