Eine äußerst subjektive Besprechung: STAR TREK INTO DARKNESS

Autor Stefan Holzhauer ist Herausgeber von phantanews.de, nerdspace.de und blog.rumschlauen.de

Warnung: der nun folgende Text enthält Spoiler. Heftige Spoiler. Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte diese Besprechung nicht lesen. Auf gar keinen Fall. Wer schon drin war oder wer bereits auf einen »Darth Vader ist Lukes Vater!«-Typen gestoßen ist, der darf weiterlesen.

Ich habe euch gewarnt!

Ganze vier Jahre ist es her, da hat Hollywood-Wunderkind und Nerd-Liebling J. J. Abrams das STAR TREK-Franchise ordentlich auf den Kopf gestellt und ihm … nein »neues Leben eingehaucht« ist die falsche Umschreibung … es neu erschaffen. Die radikale Modernisierungskur, die trotzdem vielen Motiven der alten Serie treu blieb und mit vielen Kleinigkeiten Brücken zu »damals« schlug, kam nicht bei allen Fans gut an. Bei mir allerdings schon – und man muss sich einfach darüber im Klaren sein, dass heutzutage Kino anders gemacht wird, als in den 80ern oder 90ern.
Vier Jahre ist es her, und man musste sich in der Zwischenzeit fragen: würden Abrams und seine Kollaborateure in Sachen Drehbuch, Orci, Kurtzman und Lindelof, in der Lage sein, diese Qualität zu halten?

Sie konnten nicht nur das, J. J. Abrams bewies, dass er einen gewaltigen Arsch in der Hose hat, dass er sich traut, an den größten Ikonen der Serie zu rühren. Und dass er dabei auch noch erfolgreich ist.

Im 2009er-Film war die Handlung an sich streng genommen durchwachsen. Das lag allerdings daran, dass die neuen Versionen der Charaktere eingeführt und vorgestellt werden mussten, ebenso wie der Rahmen in der diese Neuschöpfung von Bekanntem spielte. Das führte dazu, dass es gewisse Schwächen beim Drehbuch gab, obwohl diese angesichts des Vorgestellten zu vernachlässigen waren; so etwas kommt bei Origin-Stories immer wieder mal vor und der Rest war einfach zu erfreulich, um auf den paar Schwächen herum zu reiten.

Diesmal mussten die Drehbuchautoren keine Basis-Elemente mehr einführen, konnten also eine »echte«, eine »vollständige« Geschichte schreiben, ohne erst die Grundlagen schaffen zu müssen. Würden sie etwas völlig Neuartiges liefern? Oder würden sie sich an bekannter TREK-Historie orientieren? Was sie getan haben ist: Beides.

Doch erst einmal zum Film selbst: die Action ist atemberaubend. Eigentlich völlig untypisch für STAR TREK ist fast die gesamte Zeit die Hölle los, stakkatoartig wird einem ein Augenaufreißer nach dem anderen präsentiert, dass man mit den Ohren schlackert. Dabei gibt es haufenweise Wendungen, mit denen man so nicht gerechnet hatte. Abrams und sein Team spielen mit Klischees, jonglieren mit Erwartungshaltungen, die man hat, wenn man die Serie(n) kennt und kehrt sie dann völlig unerwartet um, jedoch ohne völlig aus dem Rahmen auszubrechen, ohne den Kontext zu verlassen. Das kann man nicht anders bezeichnen als: »genial«. Manch einem mag es zuviel sein mit der Action, aber wenn ich ins Kino gehe und mir einen Popcornfilm ansehe, dann darf ruhig was los sein. Und man muss eins ganz klar sehen: STAR TREK-Filme hoben sich schon immer von den Serien ab und wiesen weit mehr Action auf – zumindest bis NEMESIS, der mit viel gutem Willen als Fernsehepisode mit Doppellänge durchgegangen wäre, aber nicht als Kinofilm. STAR TREK im Kino hatte diese Modernisierung dringend nötig, denn es muss neue Fans ansprechen, auch gerade junge. Und die sind ein anderes Kino gewöhnt, als wir Alt-Fans, ein modernes, eben ein actionreiches. Es handelt sich nicht mehr um das STAR TREK meiner Kindheit – zum Glück!

In Sachen 3D hielt man sich erfreulicherweise zurück. Was von manchen Popout-Fans bemängelt wird, nämlich das weitgehende Fehlen von 3D-Effekten um der 3D-Effekte willen, halte ich für einen gelungenen Kunstgriff. Abrams wollte diesen Film ursprünglich gar nicht in dieser Technik realisieren, aber bei Paramount hat man das – mit Dollarzeichen in den Augen – anders gesehen. Ich vermute einfach, dass Abrams eingelenkt hat, sich aber bereits entschlossen hatte, die Technik sparsam einzusetzen. In der Anfangssequenz hauen sie einem noch fliegende Speere um die bebrillten Augen, aber im späteren Verlauf wird das deutlich zurück gefahren, ohne vollständig darauf zu verzichten. Was Effekthascher-Freunde als Nachteil sehen, betrachte ich als grandiose Idee. Trotzdem: gerade für Warp-, Weltraum- oder Raumflug-Szenen, bei denen Sterne, Partikel oder Trümmer auf einen zufliegen, ist 3D ein echter künstlerischer Gewinn, weil es eine Tiefe erzeugt, die staunen lässt.

STAR TREK INTO DARKNESS ist ein düsterer Film. Er rührt an Grenzen, die früher in STAR TREK selten erreicht und noch seltener überschritten wurden. Es wird gestorben. Es wird gelitten. Aber genau dadurch wird auch eine dramatische Tiefe erreicht, die wir so im Rahmen des Franchise sehr selten zu sehen bekamen. Doch trotz der Düsternis schafft das Team aus Drehbuchautoren, Regisseur und Schauspielern es trotzdem, auch den Humor durchaus nicht zu kurz kommen zu lassen. Es gibt »leichte« Momente und es gibt auch Galgenhumor im Angesicht eines übermächtigen Feindes. In Sachen Scotty vielleicht fast einen Tick zu überdreht, aber zum einen ist das Simon Pegg und zum anderen sind es eben nicht mehr genau die Charaktere, die wir kennen. Und das ist auch gut so, denn man kann wieder überrascht werden. Und immer wieder verneigt man sich mit kleinen oder größeren Zitaten vor dem Vorbild.

Drei Figuren stehen ganz klar im Zentrum dieses Films: Kirk, Spock und Harrison. Glücklicherweise ist der Rest der Crew kein Stichwortgeber, sondern bekommt durchaus wichtige Dinge zu tun, mögen sie auch noch so klein ausfallen. Die Konzentration liegt dennoch klar auf diesem Dreigestirn. Und auch das macht natürlich viel Sinn, denn in einer TV-Serie kann man sich von Episode zu Episode an den Figuren entlang hangeln und ihnen allen großen Raum einräumen. In einem Film muss man sich aber auf wenige Fokuspunkte konzentrieren.

Positiv hervorheben möchte ich noch Peter Weller in der Rolle des machthungrigen und größenwahnsinnigen Admiral Marcus. Der spielt den von sich und seinen irren Zielen überzeugten und dabei völlig aus dem Ruder gelaufenen Sternenflottenoffizier äußerst kraftvoll und nachvollziehbar in seinem Irrsinn. Die gefährlichsten Irren sind halt immer die, die man auf den ersten Blick für normal hält. Weller bringt das prima rüber. Und ganz in alter Fernsehserien-Manier ist wieder einmal ein hochrangiger Sternenflottenoffizier eins der Probleme …

Doch kommen wir nun zum Punkt: Eine der der größten Ikonen der STAR TREK-Serie war und ist Khan, dargestellt von Ricardo Montalban. Der ist ein Monument. Ebenso wie der Film STAR TREK II – DER ZORN DES KHAN eines ist. Daran darf man einfach nicht rühren, richtig?

Falsch!

Bevor ich INTO DARKNESS gesehen habe, wäre ich noch der Ansicht gewesen, »wenn Abrams das tatsächlich macht, ist er irre und wird grandios scheitern«. Nach diesem Film bin ich baff. Zum einen, weil er es gewagt hat, weil er die Dreistigkeit besaß, an diesen Mythen zu rühren, zum anderen weil er es nicht nur erfolgreich getan hat, sondern weil er der Geschichte um Khan eine ganz andere Wendung und neue Dimension verliehen hat.

Denn selbstverständlich ist John Harrison niemand anderer als Khan Noonien Singh, der augmentierte Mensch aus einer anderen Zeit. Diesmal wiederbelebt, um ihn und seine Leute zu Instrumenten des kriegslüsternen Admirals und seiner mysteriösen Sektion 31 zu machen.
Benedict Cumberbatch ist natürlich eine Idealbesetzung für Khan. Er spielt den genetisch verbesserten Menschen mit einer trockenen Arroganz, die einfach eine Freude ist. Der Charakter muss nicht angeben, muss keine großen Sprüche klopfen, denn er weiß, dass er besser ist. Und dieses Wissen strahlt Cumberbatch aus seinem ganzen Spiel, seiner ganzen Darstellung ständig aus. Ein direkter Vergleich zwischen den beiden Khan-Darstellern wäre unfair, denn zum einen liegen Jahrzehnte des Kinos zwischen ihnen, zum anderen sind die Voraussetzungen der Handlung auch ganz andere. Meiner Ansicht nach ist Cumberbatch ein brillianter Khan, ein eiskalt kalkulierender Khan, einer, der für seine Ansichten und Ziele über Leichen geht. Dabei ist seine Handlungsweise sogar nachvollziehbar, denn immerhin hat Admiral Marcus ihn in seinen Dienst gepresst und seine Leute, seine Familie (und dieser Aspekt ist besonders wichtig!) als Druckmittel verwendet. Khan agiert trotz – oder gerade wegen – seiner Überlegenheit wie ein in die Ecke gedrängter Predator, der sein Rudel schützen will, ohne Rücksicht auf Verluste. Da mag sogar zeitweilig Sympathie für den Terroristen aufkommen.

Das war die eine verwendete Ikone. Die andere war in einem japanischen Trailer kurz zu sehen: zwei Hände auf den beiden Seiten einer Glasscheibe. Mein erster Gedanke als ich das sah, war: »Das macht der Abrams nicht wirklich?« Viele sagten: »Das ist eine bewusste Irreführung, virales Geschwurbel, das macht der Abrams niemals wirklich.«

Und doch: der Abrams macht es!

Aber auf eine derart brilliante Weise, dass  man sich eigentlich nur verneigen kann. Die Rollen von Spock und Kirk in dieser Form umzukehren: Kirk rettet das Schiff und wird tödlich verstrahlt und Spock außerhalb der Glastür des Warpkern-Wartungseingangs muss seinem Captain beim Sterben zusehen – wer auch immer diese Idee hatte, dem gehört eine Medaille verliehen. Mehr Verneigen vor dem Original bei dennoch maximaler Veränderung der Zeitlinie geht gar nicht mehr.
Das hätte übelst ins Auge gehen können, aber wie es hier inszeniert ist, stellt es eine Meisterleistung dar, vor der zumindest ich mich nur in Ehrfurcht verneigen kann. Die vorhandenen Versatzstücke nehmen und sie in dieser Form zu etwas neuem anzuordnen, zudem auch noch zu etwas, das nahezu perfekt funktioniert, finde ich einfach grandios. Und genau hier liegt die Stärke dieser neuen Reihe: mit den Erwartungen des Zuschauers, den Charakteren und dem vorhandenen Hintergrund spielen und alles in einen neuen Kontext setzen, so dass eben Unerwartetes geschieht. Aber immer mit einem Auge darauf, wie es “früher” war. Der Kinogänger, der kein Fan ist, bekommt einen höchst unterhaltsamen Film und der Eingeweihte bekommt so viel mehr als das.

Der Gipfel der Zitate ist dann erreicht, wenn die ENTERPRISE am Ende nicht aus dem Mutara-Nebel, sondern aus der Wolkendecke der Erde auftaucht, aber man auch dieses Verneigen vor dem Original eindeutig als das zuordnen kann, was es ist: eine hochachtungsvolle Hommage.

Die Szenerien sind stellenweise erschreckend glaubwürdig. Das mag auch daran liegen, dass Abrams so wenig wie möglich vor Greenscreen hat drehen lassen und die Schauspieler in realen Kulissen oder sogar on Location agierten. Das führt zusammen mit einer nicht unerheblichen Menge an Statisten dazu, dass wir beispielsweise in London oder San Francisco die bislang glaubwürdigsten Darstellungen des »ganz normalen Lebens auf der Straße« zu sehen bekommen, die wir je in STAR TREK hatten. Das wirkt alles teilweise schon erschreckend realistisch, insbesondere wenn in diese sich »echt« anfühlende Welt ein Dreadnought-Schiff abstürzt … Man fühlt mit, man denkt sich unwillkürlich: »Ach du Scheiße …«, denn da leben Menschen.

Kleinigkeiten haben mich gestört. Beispielsweise die Tatsache, dass irgendwie gefühlt jedes vierte Mitglied der Sternenflotte in einer anderen Uniform herum gelaufen ist. Aber darüber kann man hinwegsehen, auch heute haben unterschiedliche Militär-Abteilungen verschiedene Uniformen, sogar noch unterteilt in Einsatz und Galaoutfits. Dann die Lensflares. Ja, es gibt sie, es gibt sie auch an unpassenden Stellen und sie haben mich teilweise ein wenig genervt. Aber nicht zu sehr. Ich habe allerdings inzwischen den Eindruck, dass Abrams das absichtlich tut, um sich über die Lensflare-Hasser lustig zu machen. Soll er. Es gibt Schlimmeres.

Das sind aber wie gesagt alles Kleinigkeiten und tun dem ansonsten grandiosen Film keinerlei Abbruch. Wer ihn sich ansieht, der muss sich darüber im Klaren sein, dass es sich um ein modernes, ein actionreiches STAR TREK handelt, ein STAR TREK des 21. Jahrhunderts. Das aber seine Wurzeln weder verheimlicht noch verrät. Der Regisseur nennt die tausend kleinen Anspielungen “Liebesbriefe an die Fans”, bei mir sind sie angekommen. Wenn dann am Ende von INTO DARKNESS die ENTERPRISE zu ihrer Fünfjahres-Mission aufbricht und Chris Pine (bzw. sein Synchronsprecher) die seit ca. 47 Jahren bekannten Teaserworte »Der Weltraum, unendliche Weiten …« spricht, dann geht einem einfach das Herz auf. Und es wird einem auch ein wenig bang, denn: was wird jetzt kommen? Was kann jetzt noch kommen? Ein weiterer Film ist wohl eher unwahrscheinlich, zumindest mit J. J. Abrams am Ruder, denn der wird sich nun mit Hochdruck um STAR WARS EPISODE VII kümmern, die bekanntermaßen 2015 in die Kinos kommen soll. Und erneut vier Jahre auf eine STAR TREK-Fortsetzung warten? Orci und Kurtzman sprachen vor einiger Zeit über eine Zeichentrick- oder Animationsserie, die sie gern machen würden. Ist der Start der fünfjährigen Mission am Ende des Films der Aufhänger hierfür? Möglich wäre es. Aber eins ist sicher: eine Fernsehserie mit dieser Besetzung wird es auf keinen Fall geben, der umgekehrte Weg von damals, also von der Kinoleinwand aufs Fernsehgerät halte ich für nahezu völlig ausgeschlossen.

Leider.

Ich hoffe auf einen weiteren Kinofilm.

Fazit: grandioses Science Fiction-Abenteuer mit alten Haudegen in neuer Interpretation, voller Dramatik, Action und exzellenten Darstellern, das man sich keinesfalls entgehen lassen sollte. Mit reichlich Verneigungen vor der alten Serie, aber auch mit mehr als genug Chuzpe und Eigenständigkeit, um etwas wirklich Neues aus der erkalteten Asche des Vorbilds wachsen zu lassen.

Volle Punktzahl.

Eine erste spoilerfreie Besprechung.

STAR TREK INTO DARKNESS
Darsteller: Chris Pine, Zachary Quinto, Zoe Saldana, Bendict Cumberbatch, Karl Urban, Alice Eve, Simon Pegg, Anton Yelchin, John Cho und Bruce Greenwood u.a.
Regie: J.J. Abrams
Drehbuch: Roberto Orci, Alex Kurtzman, Damon Lindelof
Kamera: Daniel Mindel
Bildschnitt: Maryann Brandon
Musik: Michael Giacchino
Produktionsdesign: Scott Chambliss
zirka 132 Minuten
USA 2012

Promofotos Copyright Paramount Pictures
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