DAS VERSCHWINDEN DER ELEANOR RIGBY

THE DISAPPEARANCE OF ELEANOR RIGBY – Bundesstart 27.11.2014

Disappearance-of-Eleanor-Rigby-1, Copyright ProkinoFalls sie sich nicht mehr an Ned Benson, den Regisseur und Drehbuchautor erinnern können. Keine Schande, hat er doch erst sechs Filme als Filmautor umgesetzt. Drei davon waren Kurzfilme. Die anderen Drei tragen den gleichen Titel THE DISAPPEARANCE OF ELEANOR RIGBY. Vielleicht ist es genau das, was dieses Projekt so ambitioniert macht. Ned Benson, noch unvorbelastet von der Traumfabrik-Maschinerie, trug wie jeder Filmstudent die innovativen Ideen in seinem Herzen, als er bei der Columbia University seinen Abschluss machte. Und sie als Zuschauer müssen zugeben, dass seine Idee zu ELEANOR RIGBY tatsächlich etwas herausforderndes hat. Warum muss es immer nur ein Jugendbuch sein, das man wahllos und beliebig dem schnöden Mammon zum Trotz, in mehrere Kinoverfilmungen aufteilt? Wie wäre es mit dem richtigen Leben? Wir alle stellen uns die Frage, wie das Leben funktioniert, was uns ausmacht, und warum wir welche Entscheidungen treffen. Das alles ist sehr komplex, und danach hat Ned Benson seine Geschichte konzipiert. Eine einzige Geschichte aus zwei Perspektiven gesehen, in zwei separaten Filmen erzählt. Clint Eastwood hat das im größeren Sinne schon mit der Schlacht von IWO JIMA mehr als erfolgreich umgesetzt. Aber was sind Politik und Kriegsmechanismen, gegen die Verletzlichkeit der menschlichen Seele. Ned Benson hatte sich zweifellos das schwierigere Unterfangen ausgesucht.

Nach einem Selbstmordversuch zieht Eleanor Rigby wieder bei ihren Eltern ein, um ihrem Mann Conor meiden zu können. Conor wiederum kann das ehemals gemeinsame Appartement nicht ertragen, und zieht vorerst bei zu seinem Vater. Conors Bemühungen, mit seiner Frau in Kontakt zu treten, enden immer wieder mit Enttäuschungen. Eleanor hingegen braucht ihren Mann, sie will ihn, kann aber nicht gegen ihre Gefühle. Was diese Beziehung bis zu diesem Stadium zerstörte, erfahren wir erst nach und nach bruchstückweise im weiteren Verlauf der Handlung. All diese bitteren Gefühlswallungen werden auf einmal immer verständlicher, immer nachvollziehbarer. Aber keine der Figuren wird auf den Prüfstand gestellt, oder muss die eigentlich dramaturgische Opferrolle übernehmen. Es ist nicht die gemeinsame bittere Erfahrung, welche sich zwischen Eleanor und Conor stellen wird, sondern tatsächlich ihre gegenseitige Liebe. Wie viel Liebe kann ein Mensch ertragen?

Ned Benson hat zwei Filme gemacht. In HIM erzählt er die scheinbar unverständliche Entfremdung aus der männlichen Sicht von Conor. In HER konzentriert sich der Film lediglich auf die Sichtweise von Eleanor. Ein cineastisches Experiment, das auf dem Toronto Film Festival 2013 begeistert und gefeiert aufgenommen wurde. Und wer, wenn nicht die Weinstein-Brüder, sollte dabei umgehend das Potential der beiden Filme erkannt haben. Jetzt kennen sie und ich die Weinsteins, die immer wieder glauben einen Film besser zu verstehen als ihre jeweiligen Macher. Gerade Harvey fällt dadurch auf, aufgekaufte Filme gerne noch einmal zu modifizieren. Nicht nachvollziehbar, welchen Meisterwerken er damit geschadet, oder sie tatsächlich effizienter gemacht hat. So bei ELEANOR RIGBY, wo bereits zwei filmische Variationen von ELEANOR RIGBYs dritten Teil THEM kursieren. Die Weinsteins wollten aus den zwei, eigentlich bereits ins Herz geschlossenen Filmen, einen für die Massen kompakteren Einteiler machen, und gingen das nach Erwerb der Rechte selbst an, was bei den Brüdern bisher ganz normale Praxis war, und immer wieder einmal gegen die künstlerischen Absichten der Macher ging. Die der Öffentlichkeit zugänglichere Version zur Entstehung von THEM, ist Ned Bensons eigenes Umdenken nach dem Toronto Film Festival, und persönliche Vorstellung von einer in sich verwobenen Darstellung beider Gefühlswelten von Eleanor und Conor. Wenn wir letzte Variation einfach so akzeptieren, dann können wir auch weiterhin an die Möglichkeit des freien Kinos glauben. Denn auch wenn die Weinstein Corporation der dickste Strohhalm im sogenannten unabhängigen Kino sind, benehmen sie sich gnadenlos gewinnorientierter und ausnahmslos restriktiver ihren angekauften Filmemachern gegenüber, als es die großen Studios tun.

Man wird auch hierzulande abwarten müssen, bis man in nächster Zeit eventuell in den Genuss von HIM und HER kommen könnte. Vorerst muss sich selbst der experimentierfreudigste Zuschauer mit THEM begnügen. Und, zugegeben, der bietet tatsächlich großartigstes Gefühlskino. Sollte er Szenen haben, denen man Kitsch vorwerfen könnte, dann merken sie als Zuschauer sehr schnell, dass das hier trotzdem echt ist. Dieser ungebrochene Realismus kommt daher, dass Ned Benson die Problematik und das Drama eben nicht direkt ansprechen lässt, sondern durch nebensächliche, eben realistische Situationen, den Kern indirekt reflektiert. Wie selbstverständlich Eleanor und ihre Familie mit dem Alkoholismus der Mutter umgeht. Wie sich Conor seinem entfremdeten Vater annähert. Da werden keine salbungsvollen Worte gesprochen, oder künstlich unangenehme Momente geschaffen, um den dramatischen Effekt zu erhöhen. Genauso wenig müssen Eleanor und Conor ihr Dilemma ausdiskutieren. Warum auch, wenn sie sich doch bis in die tiefsten ihrer Seele kennen. Und so näheren sie sich als Zuschauer den Figuren immer näher an, in dem sie über Umwege und Abkürzungen nicht einfach die eigentliche Geschichte kennen lernen, sondern darüber noch wesentlich vielschichtiger mit den Charakteren vertraut werden.

Ob es dazu wirklich eine von der Schulter geführte Kamera gebraucht hätte, ist mehr als fraglich. Dieser Stil, den irgendeine Filmhochschule wohl einmal mit dem Begriff von Authentizität in Verbindung gebracht haben muss, wirkt immer wieder nur verstörend, und lenkt ab. Eine verwackelte Kamera ersetzt nicht den Blick eines Menschen, auch wenn dieser anderen Menschen hinterher läuft. Der Mensch sieht dreidimensional, was die Kamera nicht kann, und dementsprechend angeglichen eingesetzt werden sollte. Wenn Conor auf der Straße Eleanor hinter her geht, dann kann das menschliche Auge die Unruhe des Schritts ausgleichen. Keine Kamera kann das simulieren, also sollten die Filmschaffenden dieser Welt endlich einmal zur Einsicht gelangen. Es stört, wenn die Kamera wackelt, weil es absolut unnatürliche Sehgewohnheiten sind. Sehr witzig ist hingegen, dass Son Lux’ elektronischer Soundtrack immer wieder Hans Zimmers INTERSTELLAR-Untermalung in Erinnerung ruft, ohne das Son Lux diese Musik wirklich nachempfunden hätte. Aber da in beiden Filmen Jessica Chastain keine unerhebliche Rolle spielt, ist es ein nicht zu verkennender Nebeneffekt.

Wie viel Liebe kann ein Mensch ertragen? Oder kann man den Verlust von Liebe ertragen? Eleanor und Conor haben ein eher alltägliches, wenngleich sehr trauriges Schicksal erlitten. Und was sie bis dahin zusammen erreicht und aufgebaut haben, hat nichts mit materiellen Dingen zu tun, sondern mit der gegenseitigen Ergebenheit, dem Vertrauen, und vor allem dem brauchen und gebraucht werden. Dabei ist allerdings die Empathie füreinander allein nicht Ausschlag gebend. Denn diese unzertrennliche Liebe, welche nicht mehr zueinander finden mag, wird auch sehr subtil von ihrem Umfeld beeinflusst. Der hilflose Vater, die schonungslose Lehrerin, der verzweifelte beste Freund, die verunsicherte Schwester. Um den zentralen Kern, hat Benson ein Panoptikum an speziellen, aber niemals exaltierten Figuren gesponnen, die jeder von uns kennt, die man gleichermaßen schätzt und genau dafür so verabscheut. Die Welt der ELEANOR RIGBY, ist eine bekannte Welt, mit all den üblichen Reibungspunkten, mit all dem bekannten Verständnissen füreinander, mit all den geliebten Freuden und gehassten Streitereien. Was passieren kann, wenn dieser Pfad unerwartet an diesem Bekannten, selbst dem ungeliebten Vertrauten, einfach vorbei führt, das erzählt dieser ungemein grandios gespielte Film. Wo nicht nur Jessica Chastain und James McAvoy in Stein meißeln, warum sie zu den angesagtesten Jungdarstellern in der Filmszene gehören, sondern der Rest des Ensembles wie selbstverständlich zeigt, warum nur sie diese spezifische Rolle spielen konnten. Und wie im richtigen Leben, werden sie als Zuschauer nicht vorhersehen können, wie das enden wird. Und wenn sie auch hoffen mögen, wie die Geschichte ausgeht, so ist das nicht zwangsläufig der Fall.

Disappearance-of-Eleanor-Rigby-2, Copyright Prokino

Darsteller: Jessica Chastain, James McAvoy, Viola Davis, Ciarán Hinds, Isabelle Huppert, William Hurt, Bill Hader, Nina Arianda, Jess Weixler u.a.
Drehbuch & Regie: Ned Benson
Kamera: Christopher Blauvelt
Musik: Son Lux
Produktionsdesign: Kelly McGehee
123 Minuten

Bildrechte: Prokino
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Im Kino gesehen abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort