THE DROP – BARGELD

THE DROP – Bundesstart 04.12.2014

Drop-Bargeld-1, Copyright  20th Century Fox of GermanyMoney Drops, so klärt uns der Erzähler gleich zu Anfang auf, sind zum Beispiel Kneipen, in denen die erpressten Schutzgelder einer bestimmten Nacht aus den verschiedenen Bezirken abgegeben werden, von wo aus das Geld schließlich  im Gesamten an die Mafia weiter geleitet wird. Die Bar von Marvin war einst sein ganzer Stolz, ist es irgendwie noch, doch nun ist sie in den Händen der tschetschenischen Mafia. Sie heißt “Cousin Marv’s”, und trägt somit seinen Namen, ist aber eigentlich eine Ehrerbietung an Cousin Bob. Später im Film werden wir erfahren warum diese Beziehung nicht einfach nur wichtig, sondern auch bindend ist. Und damit erfahren wir auch, wie es zu dem sich entwickelnden Drama kommen konnte. Denn THE DROP ist nicht der zu erwartende Action-Film, oder etwas ein psychologisches Drama. Vielleicht ist er eine gute Mischung von beidem, auf alle Fälle eine sehr eindringliche Gangster-Ballade. Ein Heldenlied im Gangstermilieu. Marv und Bob sind eigentlich keine Gangster, aber ihr Leben wird von solchen bestimmt. Sie fügen sich, als wäre es das Normalste. Und so sollte es auch sein, weil alles andere aussichtslos wäre. Es sei denn eine Grenze wird überschritten. Es sei denn, etwas tritt in dein Leben, die alle bisherigen Gegebenheiten auf den Kopf stellen.

Wir haben Tom Hardy schon in allen Rollen erlebt. Und wir haben Tom Hardy schon in allen Rollen überzeugend erlebt. Sein Bob, kommt den Charakter Locke aus NO TURNING BACK am nächsten. Sehr besonnen, zielgerichtet, und sich jeglicher Umstände bewusst, immer ruhig, und abwägend. Und als er einen misshandelten Pitbull-Welpen in der Abfalltonne der ihm noch unbekannten Nadia findet, ist er extrem besorgt, weiß aber, dass er keine Verantwortung übernehmen sollte. Doch an dieser Stelle treffen mehrere Ereignisse aufeinander. Da ist die nicht unattraktive Nadia, ein Überfall auf “Cousin Marv’s”, und die unerwartete Fürsorge für Rocco, den Welpen. So nimmt die Ballade ihren Lauf, und ist diese in ihrer ursprünglichen Definition ein Heldenlied, muss es im modernen Gebrauch nicht unbedingt ein Held sein. Es gibt nur wenige Filme in dieser Kategorie, die wirklich überzeugen, weil sie wirklich verstehen, dich an die Hand zu nehmen. Da gab es vor nicht allzu langer Zeit den grandiosen KILLING THEM SOFTLY, ebenfalls mit dem überragenden James Gandolfini. Oder als weit bekannteres, und jüngeres Beispiel Nicolas Winding Refns DRIVE. Doch THE DROP hat nicht die verschachtelte Komplexität von KILLING THE SOFTLY, und auch nicht DRIVEs Charakter bezogene Fixierung.

THE DROP schafft es einen ganz eigenen Weg zu gehen, in dem er einfach erzählt. Der Film zeigt eine Totenfeier eines Kameraden in der Bar, was Marvin gegen den Strich geht. Er erwähnt Nadias ehemalige Beziehung, ohne das sie eine Rolle spielen würde. Mit Rocco übernimmt Bob das erste Mal Verantwortung jenseits der Theke, hinter der er für seinen Cousin arbeitet. Der Film erklärt das Gefüge der Hierarchien bei der Mafia. Er zeigt auch eine gewisse, unerklärt Spannung zwischen Marv und Bob. All das scheint wie eine lose Ansammlung von Informationen, wir tauchen ein in das Leben von Bob, wir lernen ihn auf eine sehr direkte, unverspielte Art kennen. Und gerade in dem Moment, als wir uns zu fragen beginnen, worum es eigentlich wirklich geht, beginnt Dennis Lehane seine ersten Fäden zusammen zu binden. Lehane ist ein Krimischreiber, der seine eigenen Romane gerne einmal für die Leinwand adaptiert. Das hat mit Clint Eastwoods überwältigenden MYSTIC RIVER angefangen, muss mit GONE, BABY, GONE besondere Erwähnung finden, und hat mit Scorseses SHUTTER ISLAND sehr viel Aufmerksamkeit erreicht. Zählt man dann noch Lehanes Beiträge zu der phänomenalen Serie THE WIRE hinzu, sollte jeder wissen, was ihn bei THE DROP erwartet.

Es ist erst der zweite Spielfilm von Michaël R. Roskam, doch der weiß genau was er tut. Wenngleich THE DROP als langsames, betuliches Kino bezeichnet werden könnte. Und diese Tendenzen sind einfach gegeben. Aber gerade daraus zieht der Film seine hypnotische Kraft. Er gibt nichts vor, und er versteht immer wieder zu überraschen. Auf einmal tun sich reichhaltige Wendungen in der Handlung auf. Verfolgen wir das Geschehen anfangs noch aus einer gewissen Distanz, rücken die Charaktere mit jedem Handlungspunkt näher. Der passive Bob wird gegen jede Vernunft immer weiter in die Ecke gedrängt. Kameramann Nicolas Karakatsanis hat das alles mit sehr klar strukturierten Bildern in Szenen gesetzt, und setzt den Fokus stets auf das Wesentliche. Es ist eben auch eine sehr klar strukturierte Geschichte, wo sich die für uns überraschenden Wendungen letztendlich nur als logische Konsequenz des Handlungsverlaufs heraus kristallisieren. Und das macht die Geschichte wieder so unheimlich spannend, obwohl THE DROP sehr darauf bedacht ist, kein beliebiges Spannungskino zu sein. Regisseur Roskam lässt uns glauben, dass wir die Figuren und ihre Welt kennen würden, bricht aber dann nach und nach immer mehr von diesem Wissen ab.

Man muss sich bei THE DROP darauf einlassen, dass er sehr ruhig, dafür intensiv inszeniert ist. Weil aber auch dieses fantastische Ensemble ohne weiteres Szenen tragen kann, ohne das in diesen gesprochen wird, oder etwas passiert. Dabei kann es leicht passieren, dass wir THE DROP all zu schnell als langweilig herab würdigen könnten. Nicht aber, wenn wir begreifen, wie sich die ganzen gar nicht als Puzzleteile erkenntlichen Stücke schließlich zusammen fügen. Es ist ergreifend, dass man James Gandolfini für seinen nun letzten Leinwandauftritt, gerade in einem bescheiden Juwel bewundern darf.

Drop-Bargeld-2, Copyright  20th Century Fox of Germany

Darsteller: Tom Hardy, James Gandolfini, Noomi Rapace, Matthias Schoenaerts, John Ortiz, Elizabeth Rodriguez, Michael Aronov, Morgan Spencer u.a.
Regie: Michaël R. Roskam
Drehbuch Dennis Lehane, nach seiner Kurzgeschichte
Kamera: Nicolas Karakatsanis
Bildschnitt: Christopher Tellefsen
Musik: Marco Beltrami, Raf Keunen
Produktionsdesign: Thérèse DePrez
USA / 2014
106 Minuten

Bildrechte: 20th Century Fox of Germany
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Im Kino gesehen abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort