THE JUNGLE BOOK

Jungle-Book-1, Copyright Walt Disney Studio Motion PicturesTHE JUNGLE BOOK – Bundesstart 14.04.2016

Die Diskussionen um Sinn und Unsinn von Remakes, Reboots, Sequels, oder Prequels wird niemals abreißen. Aber das hat auch seine guten Seiten. Die Studios werden dadurch in die Verpflichtung genommen. Einen Klassiker wie DAS DSCHUNGELBUCH allerdings neu zu interpretieren, macht das Maus-Haus zu einer leichten Zielscheibe. Schließlich ist dieser Film der führende Klassiker in Disneys langer Animations-Reihe. Sicher war auf alle Fälle, dass man beim augenblicklichen Stand der Computer Animationstechnik auf keinen Fall zur herkömmlichen Gestaltung von regulären Zeichentrickfilmen zurück gehen konnte. Dazu musste das Studio immerhin 175 Millionen Dollar investieren. Sehr viel Geld für einen Familienfilm, der in erster Linie die ganz jungen Zuschauer im Blickfeld hat.

Dereinst fand der Panther Bagheera das Menschjunge Mowgli im Dschungel. Er brachte das kleine Kind zu dem Wolfsrudel um Akela, wo er von Raksha liebevoll angenommen und aufgezogen wird. Doch der mächtige Tiger Shere Khan kehrt in den Dschungel zurück, und nur der wegen der Dürre ausgerufene Wasser-Friede, bewahrt Mowgli vor dem sofortigen Tod durch den Menschen hassenden Tiger. Die Zeit wird knapp, wenn man den Jungen in Sicherheit bringen will.

Als einziger Live-Action-Darsteller hat Neel Sethi mit seinem Mowgli eine sehr schwierige Aufgabe zu bewältigen, will er neben den grandios animierten Tieren bestehen. Aber Sethi besteht diese Aufgabe mit einer scheinbar Finger schnippenden Leichtigkeit. Er wird Eins mit den ihm eigentlich zum Zeitpunkt der Dreharbeiten nur animatronischen Figuren um ihn herum. Doch viel interessanter ist, dass Sethi auch genug Potential für sich selbst freisetzen kann, um als eigenständiger Charakter glaubwürdig in allen Phasen wahrgenommen zu werden.

Doch ein DSCHUNGELBUCH funktioniert natürlich erst über eine ernst zu nehmende Darstellung von Tieren, die eben nicht über Puppen, oder wirklich lebenden Tieren transportiert werden soll. Und hier setzt JUNGLE BOOK einen Meilenstein. Obwohl man den Tieren eine Hauch von Künstlichkeit zugestand, aber nur einen Hauch, bleibt jedes einzelne doch auf einer überzeugend realen Ebene. Dazu vermenschlicht er nicht einen einzigen seiner künstlichen Kreationen über Mimik oder Bewegung. Die Tiere bewegen sich, wie ihre echten Artverwandten. Werden normalerweise zuerst die Dialoge aufgezeichnet, um danach die Bewegungsabläufe der noch zu generierten Figur anzupassen, mussten die Schauspieler hier bereits gegebenen Bildern den Tieren mit ihren Stimmen einen Charakter verleihen. Selbst in der deutschen Synchronisation funktioniert das noch erstaunlich überzeugend. Nur bleibt es ein Rätsel, warum es die FFS in Berlin nicht fertig gebracht hat, die üblichen Synchronsprecher für die Rollen zu besetzen. Zumindest die Stimmen von Murray, Kingsley und Johansson wären als markanter Wiedererkennungseffekt perfekt gewesen.

Man hat einiges verändert. Es wurde Charaktere weiter ausgebaut, Szenen gestrichen, Sequenzen neu interpretiert. Es wurde viel modernisiert, neue Geschichten in den Handlungsablauf eingefügt, bekannte Szenen  mit neuem Ausgang versehen. Aber herausgekommen ist nicht etwa eine veränderte Fassung des allseits beliebten Klassikers. Man blieb dem Original treu. Auch wenn die unverkennbare Anspielung auf Coppolas APOCALYPSE NOW den Film in eine andere Zeit hebt und ihm seine eigene Szene von ungewohnt popkultureller Anspielung zuspricht. Hier entlarven sich die Cineasten mit einem vernehmlichen Schnaufen im Kino, aber dies auch zu Recht, und mit viel Freude. Dennoch blieb man dem Original treu. Puritaner könnten sogar behaupten, so als Gedankenspiel, dass Wolfgang Reitherman sein DSCHUNGELBUCH im Heute genauso inszeniert hätte. Was man in Wirklichkeit aber nicht wollte. Man kann von einem überaus gelungenen Remake sprechen, aber gleichzeitig von zwei völlig separaten Filmen. Und das macht den Film wieder zu einem besonderen Erlebnis.

Die optische Umsetzung ist grandios. JUNGLE BOOK ist einer der sehr seltenen Live-Action (?!) Filme, wo 3D auch die richtige Anwendung erfährt. Obwohl Kameramann Bill Pope nichts aus der Leinwand springen lässt, sondern die Tiefenwirkungen hinter der Leinwandgrenze hält. Obwohl es ein Leichtes gewesen wäre Kinder mit den Krallen von Shere Khan vor ihren Gesichtern zu erschrecken. Aber Pope konzentriert ganz zu Recht auf Landschaften und die Dimensionen innerhalb der Szenenbilder. Zudem hat man die Dschungeltiere gegenüber Mowgli stets proportional übersteigert. Der Dschungel ist nicht des Menschen bester Freund, und das wird durch die Gegenüberstellung der Figuren in den Bildern immer wieder deutlich.

Das Komponist John Debney immer wieder musikalische Motive aus dem 1967er Vorgänger aufgreift, sorgt besonders bei Fans und Cineasten für ein wahres Gänsehautgefühl. Doch genau im musikalischen Sinne, stößt dieser Film gleichermaßen auch an seine Grenzen. Das man drei Lieder der Sherman-Brothers aus dem Original übernommen und inszeniert hat, mag für den nostalgischen Touch gewollt sein. Doch leider passen die Musical-Einlagen ganz und gar nicht in den Ton und die Atmosphäre des Films. Natürlich lässt man sich im ersten Moment hinreißen, doch hier hätte man konsequent einen Schritt zurücktreten müssen. Dazu kann man ohne Weiteres die Elefanten-Sequenzen heran ziehen, die so überraschend gelungen neu interpretiert wurde.

Man kann ohne Übertreibung behaupten, dass THE JUNGLE BOOK neue Maßstäbe im Bereich der Familienunterhaltung setzen wird. Nicht perfekt, aber perfekte Unterhaltung. Ein grandioser Film, der verdeutlicht, dass in Hollywood noch sehr viel Potential steckt, wenn man den kreativen Köpfen ihren Spielraum lässt. JUNGLE BOOK geht zu Herzen, durchaus mit gewolltem Pathos. Er ist durchaus spannend, sogar mit überraschenden Wendungen. Er ist optisch perfekt, wenngleich notwendigerweise am Reißbrett entworfen. Dies ist der Film, der allen Kritikern von Remakes kräftig ans Schienbein tritt. Ja, es werden wieder andere Beispiele kommen. Doch zum Leid des Zuschauers wird es noch viel länger dauern, bis wieder ein Meisterwerk wie THE JUNGEL BOOK daraus erwächst.

THE JUNGLE BOOK, Copyright Walt Disney Studio Motion Pictures

 

Darsteller: Neel Sethi
mit den Stimmen von:
Baloo: Bill Murray / Armin Rhode
Bagheera: Sir Ben Kingsley / Joachim Król
Shere Khan: Idris Elba / Ben Becker
Raksha: Lupita Nyong’o / Heike Makatsch
Kaa: Scarlett Johansson / Jessica Schwarz
Akela: Giancarlo Esposito / Justus von Dohnányi
King Louie: Christopher Walken / Christian Berkel
u.a.

Regie: Jon Favreau
Drehbuch: Justin Marks, nach Rudyard Kipling
Kamera: Bill Pope
Bildschnitt: Mark Livolsi
Musik: John Debney
Produktionsdesign: Christopher Glass, Abhijeet Mazumder
USA / 2016
105 Minuten

Bildrechte: Walt Disney Motion Pictures Studio
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