Almodóvar LEID UND HERRLICHKEIT

Dolor y Gloria 1, Copyright StudioCanalDOLOR Y GLORIA – Bundesstart 25.07.2019

Vermarktet wird LEID UND HERRLICHKEIT als fiktionale Autobiografie. Das lässt natürlich einige Interpretationen zu. Und dennoch ist es dabei auch in allen Facetten so zutreffend. Ein Regisseur, noch immer geschätzt, aber seit Jahren in kreativer Starre, muss sich seiner Vergangenheit stellen. Nebenher blickt er auf seine Kindheit zurück, doch vornehmlich ist es der Bruch mit seinem ehemals besten Freund, Liebhaber und Hauptdarsteller, der ihn zur Reflexion über sein Leben zwingt. Pedro Almodóvar hat noch nie einfache Filme gemacht. Seine meist selbstverfassten Geschichten verschachteln immer wieder komplexe Lebensentwürfe und gesellschaftlich schwierige Themen. Und da zählt tatsächlich auch noch Homosexualität dazu, nur als Beispiel. Die Kunst von Almodóvar war es stets, all das einfach, leicht und selbstverständlich zu erzählen. Wo andere tiefe Verzweiflung und Ängste sehen und inszenieren würden, bringt der Spanier eine entspannte Natürlichkeit auf die Leinwand.

Ein sehr schönes Beispiel für Pedros einnehmende Unbekümmertheit ist eine 18er Altersfreigabe in Amerika, während LEID UND HERRLICHKEIT in Deutschland ab 6 Jahren frei gegeben ist. Die Begründung ist der ungezwungene, natürliche Umgang mit Drogen und Homosexualität, der zu keinem Zeitpunkt verführerisch, anstößig oder aufdringlich dargestellt ist. Und wenn LEID UND HERRLICHKEIT auch ein Drama ist, bewegt er sich niemals in die Richtung von Melodramatik. Im Gegenteil, immer wieder muss der Zuschauer verständnisvoll Lächeln, oder wird zu einem herzhaften Lachen verführt. Aber niemals gibt es erzwungenen Witz, oder kalkulierte Schenkelklopfer. Alles ergibt sich aus den Figuren heraus, die so elegant und ehrlich von ihren Darstellern verkörpert werden. Genau dieses herausragende Ensemble, fast selbstredend die meisten alte Almodóvar-Kollaborateure, kann auf große Geschichten und Schicksal bestimmende Wendungen verzichten. Die fesselndsten Momente werden nicht von großen Ereignissen bestimmt, sondern von glaubhaften und unaufdringlichen Charakteren gestaltet. Und das trifft auf alle Schauspieler zu, und natürlich angeführt und fast erhaben von Antonio Banderas.

Dolor y Gloria 2, Copyright StudioCanalMercedes: “Wenn dir etwas komisch vorkommt, dann ruf mich an.”
Maya: “Señora Mercedes, hier ist alles komisch.”

Die schlichten und unprätentiösen Kamerabilder unterstreichen die lebensbejahenden Farben, welche die einzelnen Settings beherrschen. Ebenfalls ein Markenzeichen von Pedro dem Filmemacher, der in der fiktionalen Autobiografie soviel von sich erzählt, ohne konkret werden, oder Fakten richtig zuordnen zu müssen. So sind einige Merkmale des filmischen Jungen, im wirklichen Leben Almodóvars Mutter zuzuschreiben. Manche Geschehnisse sind abgeändert oder verkürzt. Aber nicht, wie bei ähnlichen Filmen aus dramaturgischen Gründen, sondern weil sich die Geschichte durch eine gewisse Eigendynamik einfach so entwickelt hat. Es ändert nichts an den Figuren, nichts an ihrer Wesensart, nichts an den emotionalen Momenten.

Am gewichtigsten ist ohnehin Antonio Banderas’ Rolle, der zu Beginn von Pedro Almodóvars Karriere als eine Art Glücksbringer und treibende Kraft hinter dem Regisseur stand. Banderas’ früher und plötzlicher Wechsel nach Hollywood wurde nicht sehr gut aufgenommen und es kam zum Zerwürfnis zwischen den Beiden, das 22 Jahre anhielt. Solange hat es gedauert, bis sich Pedro und Antonio wieder zusammen gerauft haben. In LEID UND HERRLICHKEIT ist nun der vermeintliche Verräter von einst, der Betrogene von damals. Ein stärkeres Zeichen von Wertschätzung und Vertrauen kann man wohl kaum setzen. Am Ende überrascht der Film dann noch mit einer weiteren Ebene und erhöht ein letztes mal das Spiel mit Fakten und Fiktion. In den Händen von Pedro Almodóvar verschmelzen beide zu einer ganz eigenen Wahrheit. Eine alternative Realität, die überzeugt und man nicht anders erfahren möchte.

Dolor y Gloria 3, Copyright StudioCanal

Darsteller: Antonio Banderas, Asier Etxeandia, Leonardo Sbaraglia, Nora Navas, Asier Flores, Julieta Serrano, César Vicente und Penelope Cruz u.a.
Drehbuch & Regie: Pedro Almodóvar
Kamera: José Luis Alcaine
Bildschnitt: Teresa Font
Musik: Alberto Iglesias
Produktionsdesign: Antxón Gómez
Spanien / 2019
113 Minuten

Bildrechte: StudioCanal
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