fast verpasst: UNDER THE TREE

Under The Tree 1, Copyright FARBFILM VERLEIHUNDIR TRÉNU – Bundesstart 16.05.2019

Die Mitternachtssonne kann einem schon auf das Gemüt schlagen. Das merkt man Inga an, die in ihrem baukonformen Reihenhaus kaum Wasser oder Soda trinkt. Da kommen die Nachbarn gerade recht. Höflich und im lockeren Plauderton äußern diese Bedenken, über das Wachstum des angrenzenden Baumes. Soetwas wird nie wohlwollend aufgenommen. Aber man merkt schnell, das es unter der Oberfläche schon länger brodelt. Nach fast zwei Jahren hat sich der Farbfilm-Verleih dazu durchgerungen, dem Festival-Liebling endlich auch in Deutschland eine Chance im Kino zu geben. Noch bevor er bereits drei Monate später auf DVD erscheinen wird. Dabei begeht Farbfilm einen fatalen Fehler, den sie hoffentlich für die Heim-Kino-Auswertung nicht wiederholen werden. Zum Wohle von UNDIR TRÉNU.

Schnell werden Worte gewechselt, die man zuerst nicht bereut. Nachbarin Eybjörg möchte Ingas Baum los werden, weil dieser Schatten auf ihre Terrasse wirft. Während sich die Frauen mit giftigen Ehrgeiz zuerst verbal in die Schlacht begeben, versuchen es die Ehemänner Baldvin und Konrad mit duckmäuserischer Vernunft. Dazwischen trollt sich noch Inga und Baldvins Sohn Atli, der Eheprobleme auf die Reihe bekommen muss, und dafür erst einmal zurück ins elterliche Heim gezogen ist.

Regisseur Hafsteinn Gunnar Sigurðsson inszenierte diesen Reigen von ansteigenden Aggressionen mit auffallender Kühle. Er will keine Partei ergreifen, sondern den Zuschauer selbst entscheiden lassen. Wobei die Sympathien fast schon selbstverständlich klar abgesteckt zu sein scheinen. Doch die Geschichte hält noch einige Überraschungen bereit, welche die vorgefertigte Meinung des Publikums schnell auf die Probe stellt. Schließlich ist dies eine isländische Produktion, und nichts für Hollywoods 19 bis 49 Jahre Demografie. Auch wenn zuletzt zum Beispiel BAD NEIGHBORS mit einem eskalierenden Nachbarschaftsstreit durchaus blendend unterhielt. Doch zurück nach Island, wo die Sonne eben andere Schatten wirft.

Es ist schwer nach zu vollziehen ob es das Drehbuch vorgab, welches der Regisseur mit Huldar Breidfjord schrieb, oder der Inszenierung geschuldet ist, dass sich UNDER THE TREE in weiten Teilen auch ohne Dialoge erzählt. Die immer wieder sehr witzigen Texte, bilden dabei eine erweiternde Ebene in der Erzählung. Aber Sigurðsson ruht sich nicht auf dem Witz, oder den vielen skurrilen Einfällen aus. Auch die einzelnen Sequenzen sind so straff gestaltet, dass weder Leerlauf entsteht, noch unwichtiger scheinende Passagen einen aus dem Fluss bringen. Man mag über einen Handlungsstrang etwas stolpern, weil er eine andere Geschichte zu erzählen scheint. Doch am Ende fügt sich alles, macht Sinn, und niemand kann dem Erzähler vorwerfen, die bitterböse Auflösung an den Haaren herbei gezogen zu haben.

Monika Lenczewskas Bilder sind oft statisch, der Zuschauer wird zum Voyeur in diesen Einstellungen, weil er immer glaubt jeden Moment etwas neues entdecken zu können. So spielt die Kamera mit der Erwartungshaltung. Zudem sind die Farben blass, wirken fast ausgeblichen, dennoch scheinen manche Bilder zu überstrahlen. Besonders bei den entlarvenden Überflügen, wird das Vorort-Idyll zur Tristesse. Hervortun kann sich nur der Nachbar, der sich seine eigenen Werte schafft, um dabei andere zu reduzieren. Die Autoren Breidfjord und Sigurðsson mögen ihre Geschichte etwas übersteigern, aber sie wäre nicht nur möglich, sondern findet tatsächlich überall, und öfter als man denkt, statt. So ist das Lachen des Zuschauers oftmals die Folge eines ständigen Wiederekennungseffektes.

Fast selbstredend sind die isländischen Darsteller allesamt weitgehend unbekannte Gesichter im internationalen Kino. Umso erfrischender ist auch ihr Spiel, das schnell Identifikationen für das Publikum schafft. Wobei jeder Vernunft begabte Mensch auf dererlei Situationen im eigenen Leben gerne verzichten kann. Ingas verbissene Kälte, Baldvins Unsicherheit, Eybjörgs Verschlagenheit, oder Konrad, der nur zum Mitläufer wird. Man erkennt sich in Björgvinsdóttir, Sigurjónsson, Bachmann oder Björnsdóttir. Sie bilden ein glaubwürdiges Ensemble, bei dem man sehr viel lacht, aber auch gleich oft vor Schrecken oder Fremdschämen die Hand vor das Gesicht hält.

Skandinavische Filme sind eben selten ein Hort der Glückseligkeit, auch wenn sie ungemein amüsieren. Farbfilm hat nur den Fehler begangen, UNDER THE TREE als reine Komödie zu vermarkten. Das tat ihm im Vorfeld gar nicht gut. Gerade im Arthouse ist die Mundpropaganda schärfer und entscheidender als im von Massen beeinflussten Mainstream. Dabei würde man bei UNDER THE TREE so viel verpassen, der einmal mit seiner Sonne ganz andere Schatten auf bitterböse Satiren wirft. Oder wie ein Besucher meinte, es ist nicht wirklich normal, aber es ist wahr.

Under The Tree 2, Copyright FARBFILM VERLEIH

Darsteller: Edda Björgvinsdóttir, Sigurður Sigurjónsson, Steintór Hróar Steintórsson, Selma Björnsdóttir, Torsteinn Bachmann, Lára Jóhanna Jónsdoóttir, Sigríður Sigurpálsdóttir Scheving u.a.
Regie: Hafsteinn Gunnar Sigurðsson
Drehbuch: Huldar Breidfjord, Hafsteinn Gunnar Sigurðsson
Kamera: Monika Lenczewska
Bildschnitt: Kristjan Lodmfjord
Musik: Daniel Bjarnason
Island – Dänemark Daniel Bjarnason – Deutschland – Frankreich – Polen
2017 / 89 Minuten

Bildrechte: FARBFILM VERLEIH
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