FORD v FERRARI: Le Mans 66

Ford vs Ferrari a, Copyright 20th CENTURY FOXFORD v FERRARI – Bundesstart 14.11.2019

Wie bei jedem guten Sportfilm, wird die Sportart mit einem menschlichen Drama verbunden. Es ist die sich gegenseitig befruchtende Symbiose, welche die Akzeptanz bei einem breiteren Publikum schafft und die Faszination für beide Seiten weckt. Der glücklose Underdog bei HAIE DER GROSSSTADT, der all zu ehrgeizige Skifahrer bei SCHUSSFAHRT, die unterprivilegierte Boxerin in MILLION DOLLAR BABY, geradezu jedes Mädchen ohne Freunde und Freund in geradezu jedem Tanzfilm, oder die Rivalität zweier Menschen in RUSH. Gerade RUSH hat Filme um den Rennsport revolutioniert. In Schnitttempo, verwegenen Kameraperspektiven und der perfekten Montage, konnte er den anfänglich wenig interessierten Zuschauer die Faszination für Geschwindigkeit nahe bringen. Nicht weil er erklärte, was der Zuschauer sah, sondern diesen teilhaben ließ und durch Bild und Schnitt vermittelte was auf der Rennstrecke passierte, und warum.


Bei RUSH war es die Rivalität von den konträren Charakteren der Rennfahrer James Hunt und Niki Lauda. Ein paar Jahre vorher gab es diesen Wettstreit zwischen zwei ebenso unterschiedlichen Autobauern, Achtung Spoiler… Ford und Ferrari. Anfangs wird erwähnt, dass Ferrari soviel Sorgfalt und Penibilität in seine Fahrzeuge steckt, dass sie gerade im Monat soviel Autos bauen, wie Ford an einem Tag. Der eine baut Rennwagen, der andere Familienkutschen. Und es ist ein amerikanischer Film. Wer könnte da nicht erahnen, welches Ende das titelgebende Rennen bringen wird. Enzo Ferrari ist ein fanatischer Träumer, Henry Ford II in Tradition verwurzelter Geschäftsmann. Der Autokonstrukteur und -designer Carroll Shelby besticht als bodenständiger Idealist, als bester Rennfahrer erweist sich das unberechenbare Ungestüm Ken Miles. Konfliktstoff gibt es also an allen unbefriedeten Fronten. Da muss sich jeder mit jedem auseinander setzen, dabei stehen sich die jeweiligen Hitzköpfe meist selbst im Weg. Bei all den dramatischen Unwegsamkeiten fällt es dann kaum auf, dass Miles’ Frau Mollie in ihrer Charakterisierung nicht ganz standfest bleibt, und ihre persönliche Einstellung gerne nach den Erfordernissen des Spannungsbogen ausgerichtet wird.

Die emotionale Ausrichtung ist ohnehin vollkommen auf Matt Damon und Christian Bale konzentriert. Es gibt einige handlungstechnische Einschübe mit Jon Bernthal als Lee Iacocca, Tracy Lett als Ford und Josh Lucas in der Rolle des intriganten Vizepräsidenten von Ford Motor Company. Sie geben einen willkommen Blick hinter die politischen Aspekte diverser zweifelhafter Entscheidungen. Letztendlich spielen diese aber immer wieder dem darstellerischen Repertoire der Figuren von Damon und Bale zu. Regisseur James Mangold hat FORD v FERRARI extrem herkömmlich nach bekannt gefälligen Gesichtspunkten inszeniert. Auch wenn es eine intensive Erfahrung ist, Damon und Bale auf ihrem steinigen Weg zu beobachten, so absehbar bleiben auch die Auflösungen fast jeder Sequenz. Das Buch von Butterworth, Butterworth und Keller geizt auch nicht mit einigen Szenen von befreiendem Humor, aber stets bodenständig, doch auch hier auffallend dem Konzept einer allgemein sicheren Inszenierung geschuldet.

Ford vs Ferrari b, Copyright 20th CENTURY FOXWas sofort positiv ins Auge sticht, ist Phedon Papamichaels Farbgebung und Kontrastgestaltung, die unverkennbar an die monumentalen Bilder von 70mm-Filmen der Sechzigerjahre angelehnt sind. Ansonsten bleibt sich der Grieche in seiner Bildgestaltung selbst treu, hebt die optische Umsetzung nicht über das Geschehen und verzichtet auch auf  Extravaganzen, die nur dem Selbstzweck dienen würden. Leider muss man sagen, dass sich dies besonders auf das entscheidende Rennen in Le Mans auswirkt. Der dritte Akt gehört ganz dem Höhepunkt, auf den der Film bis dahin hingearbeitet hat. Unglaubliche dreißig Minuten davon bestreitet alleine das Rennen selbst. Ein logistischer Alptraum für die Filmcrew und die Second Unit, die zeitgleich im Abstand von einigen tausend Kilometern drehten. Einige Kurven und die Zielgerade mit Tribüne und Boxen wurden auf einem Flugplatz in Kalifornien realisiert, während in Georgia die Überlandstrecken gedreht wurden. Da jeder Streckenabschnitt und jede Kurve in Le Mans seine eigene Historie mit sich bringt, suchte Produktionsdesigner Francois Audouy mit seiner Mannschaft, anhand von Originalaufnahmen jener Zeit, nach den idealsten Standorten.

Die Script Supervisor Sheila Waldron an der Westküste, und Dea Cantu im Osten, mussten ununterbrochen abstimmen, wie die Wetterlagen sind, wo sich welches Auto in welcher Situation befindet, wie der Zustand der Autos sein soll. Und am wichtigsten, die zeitliche Abfolge, und in welchem emotionalen Stadium sich die Figuren befinden. Zudem mussten für eine stimmige und flüssige Montage die jeweils korrekten Kameraeinstellungen koordiniert werden. Diese außerordentlichen Bemühungen gehen soweit auf, dass die komplette Sequenz optisch tatsächlich aus einem Guss zu sein scheint. Doch all der Aufwand wäre wirklich nur perfekt, hätten die Cutter Andrew Buckland, Michael McCusker und Dirk Westervelt die Schikanen der Strecke und die Geschicklichkeit sowie Taktiken der Fahrer für den Zuschauer nachvollziehbar gemacht. Extreme Nahaufnahmen von Gaspedal, Tacho und Schalthebel, sowie die gestressten Gesichter verlieren ihre Wirkung im schnellen Schnitt keineswegs. Aber sie vermitteln nichts, lassen das Publikum als reine Zuschauern zurück. Wichtige taktische Entscheidungen werden von den Fahrern in Halbsätzen erklärt, und zum Verständnis müssen auch technische wie emotionale Schwierigkeiten über Dialoge kommuniziert werden.

Das man die 152 Minuten nicht unberührt über sich ergehen lässt, steht außer Frage. Das Gesamtpaket ist packend, macht Spaß und erweckt tatsächlich Geschichte wieder zum Leben. Und wenn Henry Ford der Zweite einen Gefühlsausbruch hat, der zuerst ganz anders gedeutet wird, dann könnte man das als stark konstruiert bezeichnen. Aber diese kurze Sequenz verdeutlicht, mit welcher Hingabe und oftmals Selbstaufgabe damals Geschichte geschrieben werden sollte. James Mangold schafft in seinem Film ein Bewusstsein dafür, geht aber mit dem Zuschauer nicht über alle Runden.

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Darsteller: Christian Bale, Matt Damon, Ray McKinnon, Jon Bernthal, Caitriona Balfe, Tracy Lett, Noah Jupe, Josh Lucas u.a.
Regie: James Mangold
Drehbuch: Jez Butterworth, John-Henry Butterworth, Jason Keller
Kamera: Phedon Papamichael
Bildschnitt: Andrew Buckland, Michael McCusker, Dirk Westervelt
Musik: Marco Beltrami, Buck Sanders
Produktionsdesign: Francois Audouy
USA – Frankreich / 2019
152 Minuten

Bildrechte: 20th CENTURY FOX
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