SKIN

Skin a, Copyright 24 BILDER FilmagenturSKIN – Bundesstart 03.10.2019

Mit 14 Jahren kam Bryon Widner in die Skinhead-Szene. Er wurde Mitbegründer des Vinlanders Social Club, der sich zu einem der gewalttätigsten rechtsextremen Gruppen in Amerika mauserte. Auf der FBI-Liste der meistgesuchten Rassisten stand der Name Bryon Widner. Der israelische Filmautor Guy Nattiv hat versucht, anhand Widners Abkehr vom Rassenhass ein Plädoyer zu schaffen. 16 Jahre seines Lebens war Widner von seiner Einstellung gegenüber Minderheiten überzeugt, bis er Julie Larsen und ihre drei Kinder aus erster Ehe traf. Im Film heißt sie Julie Price, weil ihr Charakter in dieser Nacherzählung aus dramaturgischen Gründen der größten Veränderung unterworfen ist.

Es war ein langer Weg vom Ballett tanzenden Sprössling, zum radikalen Skinhead. In seinen 25 vorangegangenen Rollen konnte Jamie Bell mit einer beeindruckenden Palette von verschiedenen Charakteren überzeugen. Auffallend ist dabei, dass ihm der Erfolg ausgerechnet in großen Produktionen a-la KING KONG verwehrt blieb. Jamie Bell ist eindeutig im Independent-Kino zuhause, und somit fällt die Verkörperung des Bryon Widner genau in sein Spektrum. Leicht dürfte es für Bell nicht gewesen sein. Widner war von Kopf bis Fuß, aber hauptsächlich im Gesicht, mit rassistischen Symbolen tätowiert. Als sich die Produktionskasse fast geleert hatte, war kaum noch Geld für die Maskenbildner übrig, und Bell musst über Tage hinweg auch in seiner Freizeit mit den Zeichnungen im Gesicht leben. Freude bei der Arbeit sieht bestimmt anders aus.

Skin ist ein sehr bedrückender Film. Die Bilder sind düster, eine Sonne ist nicht existent, selbst Schwarz wirkt schwach und ausgeblichen. Das Dekor ist spärlich und abgenutzt, die Umgebung schmutzig und verschlammt, Autowracks stehen willkürlich in der Landschaft verstreut. Die Dialoge beschränken sich auf das Notwendigste, ergießen sich in ordinäre Plattitüden. Erst Bryons unsichere Annäherungen zu Julie bringen eine ungelenke Note von Menschlichkeit in die Geschichte. Die Atmosphäre bleibt aber angespannt, unvorhersehbar und unangenehm. Für manchen dürfte es ein sehr unwirkliches Szenario sein, dem man sich eigentliche lieber verschließen möchte.

Aber Guy Nattiv inszeniert einen Zustand ohne Erklärung. So intensiv sich das Geschehen auch ausnimmt, es fehlt eine Tiefe, die über das Klischee hinaus geht. Es gibt keine Annäherung an die innere Zerrissenheit der Figuren, erst recht nicht an ihre Motivationen. Man möchte als Zuschauer gar kein Verständnis für diese eigentlich in sich geschlossene Welt von irrationalem Hass und degenerierter Gesellschaft entwickeln, aber wenigstens den Versuch einer Rechtfertigung erfahren. Als unbedarfter Beobachter muss man sich aus den Stereotypen des Hörensagens bedienen, und die führen über Unverständnis nicht hinaus. Es wäre mutig und ehrlich gewesen einen differenzierten Blick auf diese Subkultur und vor allem die Impulse und die Antriebskraft von Bryon Widner zu riskieren.

Es ist ein trauriger Blick auf ein verschwendetes Leben, das Guy Nattiv geschrieben und inszeniert hat. Ohne Zweifel ist Jamie Bell beeindruckend, mit beklemmender Präsenz. Doch dem wahren Wesen und auch dem Leidensweg des realen Bryon Widner kann er nicht gerecht werden. Wahrscheinlich ist das auch gar nicht möglich. Aber Bell ist ein hauptsächlicher Grund, der SKIN letztendlich wirklich sehenswert macht. Während Vera Farmiga als Mutter der Gemeinschaft einen leicht übertriebenen Eindruck in ihrem manipulativen Gebaren macht, zeigt sich Bill Camp als Vater mit echtem Gänsehaut-Potential. Seine stoische Autorität vermittelt im Ansatz, wie solche Gruppen funktionieren. Es verdeutlicht das unsinniger Extremismus nur eine Flucht vor der eigenen Unzulänglichkeit ist.

In Bryon Widners bisheriger Lebensgeschichte gibt es noch so viel mehr, was seinen Charakter erst wirklich und noch eindringlicher erklären würde. Aber vielleicht hätte es nicht nur den zeitglichen Rahmen gesprengt, sondern auch die Akzeptanz des Publikums. So, oder so ist SKIN ein bemerkenswerter Film geworden, der tatsächlich unter die Haut geht.

Skin b, Copyright 24 BILDER Filmagentur

Darsteller: Jamie Bell, Danielle Macdonald, Daniel Henshall, Bill Camp, Louisa Krause, Zoe Margaret Coletti u.a.
Regie & Drehbuch: Guy Nattiv
Kamera: Arnaud Potier
Bildschnitt: Lee Percy, Michael Taylor
Musik: Dan Romer
Produktionsdesign: Mary Lena Colston
USA / 2018
118 Minuten

Bildrechte: 24 BILDER Filmagentur
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