AM SEE DER WILDEN GÄNSE

Wild Goose Lake 1 - Copyright EKSYSTENT DistributionTHE WILD GOOSE LAKE
NAN FANG CHE ZHAN DE JU HUI
– Bundesstart 27.08.2020

Wenn es einmal Tag wird am See der wilden Gänse, und es wird selten Tag am See, dann überstrahlen die Bilder. Sie überstrahlen nicht in den wärmenden Strahlen der Sonne, sondern in kalter, unangenehmer Helligkeit die alle Farben ausbleicht. Nachts, da sind die Figuren in ihrem Element, in ihrer ihnen zugehörigen Umgebung. Die Farben sind kräftig, klare Konturen, starke Kontraste. Eine Atmosphäre in der man sich beinahe wohlfühlen könnte. Nur beinahe, wäre es nicht die Zeit der Diebe, Huren und rücksichtslosen Cops. Die Menschen die es in der Nacht hinaus zieht, die leben und sich vergnügen wollen, die nehmen das in Kauf. Gibt es Razzien, Schießereien oder Krawalle, dann nimmt man das hin, die unbeteiligten Nachteulen sehen es gelassen. Es ist immer eine Sache der anderen, der konkurrierenden Familienbanden, der Cops, und derer die zwischen drin versuchen zu überleben.

Eigentlich kann Zhou Zenong überhaupt nichts dafür, aber als Anführer ist er verantwortlich, nachdem einer aus seiner Diebesfamilie während einer Sitzung jemanden aus einem anderen Clan angehschossen hat. Im allgemeinen Tumult der Flucht, tötet Zenong versehentlich einen Polizisten, und wird ihm auch noch der tödliche Unfall eines anderen Diebes zur Last gelegt. Von jetzt auf gleich ist sein Leben nichts mehr wert, denn nun wird er von beiden Seiten gejagt. Ungewollt wird Zenong zum Helden seiner eigenen Wuxia-Geschichte, jene schön gefärbten Erzählungen des einsamen Rächers und Erlösers, die sich als fester Bestandteil in der chinesischen Kultur behaupten. Dem unglückseligen Helden bleibt nur Zeit zu schinden, um wenigsten seiner Frau die Zukunft zu sichern. Dazu ist er allerdings auf eine Person angewiesen, welcher er überhaupt nicht trauen dürfte.

In seinem ganzen Aufbau, den Dialogen und der minimalistischen Geschichte, ist SEE DER WILDEN GÄNSE ein Paradebeispiel warum man als verwöhnter Mainstream-Konsument unbedingt einen Blick jenseits der Komfortzone vom amerikanischen Standardkino werfen sollte. Auch wenn dieses Standards trotz allem ein breit gefächertes Reservoir an Gestaltungsmöglichkeiten und Versatzstücken bereit halten. Da bietet es sich förmlich an, dass man mit Diao Yinans jüngstem Werk einen direkten Zugang zu einer rein chinesischen Produktion finden kann. Wiederholt erkennt man, dass diese allgemein gar nicht so weit vom massenkompatiblen Kino des sogenannten Westens entfernt sind. Hier ist es die Melancholie aus der Unabwendbarkeit der Ereignisse, die den Film antreibt. Es schließt sich der Kreis zu der im Kino weltweit gültigen Konsequenz von Schuld und Sühne, wir haben ja alle unseren De Palma oder Truffaut gesehen. Visconti oder Jarmusch. Nur um die bekannteren als gefällige Beispiele zu nennen.

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Die Kunst ist es von je her, aus all dem etwas Eigenes zu kreieren. Das hat selten etwas mit kopieren oder nachahmen zu tun. Es ist der persönliche Blick auf gegebene Verhältnisse, die Motivation für die Geschichte und das Gespür für die Figuren. Es gibt kaum Geschichten die noch nicht erzählt wurden, aber viele unverbrauchte Sichtweisen. Diao Yinan bringt zwei gebrochene Charaktere zusammen, die sich erst selbst begreifen müssen. Wie sie sich in ihrer Umwelt verlieren zeigen Dong Jingsongs fantastische Bilder welche Dialoge weitgehend überflüssig machen. Das beginnt schon im Einstieg als Zenong das erste mal mit seiner Mittelsfrau Liu Aiai zusammen kommt. Er misstrauisch, sie verängstigt. Die Kamera folgt in einer einzigen Einstellung ihren Bewegungen, baut Distanz auf und verdichtet wieder. Dong Jingsong nutzt hier und auch im weiteren Verlauf die Räumlichkeiten immer, um auch die emotionale und soziale Position der Akteure zu bestimmen. Optisch macht der Film unentwegt eine ruhigen, fast hypnotischen Eindruck. Schnittfolgen reduzieren sich auf das Notwendigste.

Dafür erschreckt der Regisseur seine Zuschauer immer wieder mit Szenen unvermittelter und offener Gewalt. Die Brutalität in SEE DER WILDEN GÄNSE hält sich erstaunlich in Grenzen, ist dafür umso überraschender und intensiver. Manchmal bleibt die Kamera auch einem anderen Motiv und die blutigen Geschehnisse finden nur hörbar außerhalb des Sichtbereiches statt, was den Effekt durch die sorgsam choreografierten Bilder noch verstärkt. Aber es wird ein wilder Ritt mit Gewalt und Blut, wie er im Gangsterfilm der Neuzeit üblich geworden ist. Hier geschieht der Einsatz einer Pistole meist aus Versehen, und harte Männer dürfen vor Schmerz auch weinen, weil auch nicht immer gleich gestorben werden muss. Eine unerwartete Wohltat für den kritischen Betrachter. In dem Chaos das die verschiedenen Clans und die Zivilbeamten auf der Suche nach Zenong verursachen, nähern sich der Gejagte und Aiai immer weiter an. Aber der Filmautor Diao Yinan hat keine klassische  Liebesgeschichte im Sinn. Es sind zwei Menschen die zueinander finden, weil sie sich gegenseitig als verlässliche Konstante verstehen. Auch wenn diese Konstante ein immer währendes Misstrauen ist.

Diao Yinan ist ein Thriller gelungen, der durch seine gegenläufige Inszenierung an Spannung und Dramatik gewinnt. Dazu gehören natürlich auch ansprechende Charismatiker wie Hu Ge als Zenong und Gwei Lun Mei als Aiai. Zuerst sind sie rein optisch das ideelle Traumpaar, doch sehr schnell überzeugen sie mit ihrer stoischen Traurigkeit, und binden so den Beobachter an sich. Doch SEE DER WILDEN GÄNSE ist in erster Linie ein fesselnder und funktionierender Thriller mit Anleihen beim Melodram, weil er in der Summe seiner einzelnen technischen und kreativen Aspekte auf den erzielten Punkt hin gestaltet wurde. Für den verwöhnten Mainstream-Konsument lohnt dieser Schritt aus der Komfortzone des amerikanischen Standardkinos.

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Darsteller: Hu Ge, Gwei Lun Mei , Liao Fan, Qian Wan, Qi Dao, Huang Jue u.a.
Regie & Drehbuch: Diao Yinan
Kamera: Dong Jingsong
Bildschnitt: Kong Jinlei, Matthieu Laclau
Musik: Bee Six
Produktionsdesign: Liu Qiang
China – Frankreich  / 2019
113 Minuten

Bildrechte: EKSYSTENT Distribution
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