Drive-In: GONE IN 60 SECONDS – DIE BLECHPIRATEN

Drive-In-Gone-60

GONE IN 60 SECONDS - Bundesstart 20.02.1976

Unter dem Titel DIE BLECHPIRATEN, oder dem Originaltitel ist der Film ungekürzt in englischer Sprache auf YouTube zu finden.

Toby hat zwei Leidenschaften. Es sind Autos und Filme. Wie Toby zu diesen Spitznamen kam, ist nicht ganz klar, fest steht aber, dass er seinen wirklichen Namen H.B. Halicki zu einem Markenzeichen machen will. Er hat eine angesehene Werkstatt für aufgepeppte Autos, eine ansehnliche Sammlung an alten Sportwägen, und er will ein großer Regisseur werden, mit eigener Produktionsfirma. Deswegen lässt er es sich auch nicht nehmen, sein angestrebtes Firmenkonglomerat mit dem sperrigen Namen H.B. Halicki Mercantile zu belegen. Es stellt sich auch schnell heraus, dass seine Leidenschaften in etwas obskure Richtungen abdriften. H.B.s Liebe zu Automobilen geht so weit, dass er sie am liebsten in Schrott verwandelt, und er zeichnet sich als nicht ernst zu nehmender Filmemacher aus. Zwei merkwürdige Attribute, die seinen anstehenden Ambitionen allerdings absolut die Zylinder heißlaufen lassen.

Gone in 60 Seconds 2, Copyright CONCORD Home Entertainment

GONE IN 60 SECONDS ist ein schlecht geschriebener, exakt so gespielter Film, mit leider allzu auffallend improvisierten Dialogen, die weder Charakterzüge beschreiben, noch Emotionen vermitteln. Sie haben einzig den Zweck, ohne Ablenkung oder dramaturgischer Tiefe, die Drehzahl hoch zu jagen. Das heißt am Ende 93 Automobile schrottreif gefahren zu haben. Herausgekommen ist ein bis dahin einzigartiger Sonderling an Film. Er verwehrt sich dem intellektuellen Kunstfilm der angehenden Siebzigerjahre genauso, wie dem streng kalkulierten massentauglichen Hollywood. Halickis nonkonformistisches Egoprojekt generiert sich trotz aller Schwächen, oder vielleicht gerade aus diesem Grund, zur Quintessenz eines bisher genrefreien Filmtypus. Er definiert das Grundmodell des Autokinofilms.

Gone in 60 Seconds 5n Copyright CONCORD Home Entertainment
H.B. Halicki ist Produzent, Regisseur, Hauptdarsteller, und Mangels Drehbuch, Skizzenschreiber. Er ist Stunt-Coordinator, und gleichzeitig Fahrer für alle aufwendigeren Stunts. Wie Toby seinen Film inszeniert hat, wird es später nicht mehr möglich sein. Es gibt keine Drehgenehmigungen, und Polizeieinheiten aus drei Bezirken um Los Angeles beteiligen sich unentgeltlich an der Produktion, mit Beamten einschließlich ihrer Dienstfahrzeuge.
Der Initiator selbst spielt den Versicherungsagenten Maindrian Pace, der durch seine Profession natürlich weiß, wo die am besten versicherten Luxusautos untergestellt sind. Ein Unterweltboss nötigt Maindrian und seine verschworene Truppe, 48 hochpreisige Karossen zu klauen. Was am Anfang gut geschmiert läuft, fängt an zu stottern, als zwei aufmerksame Detectives den Wendekreis immer enger ziehen. Maindrian bleibt nur noch die Flucht, mit Eleanor, die mit ordentlich PS unter der Haube, 40 Minuten ununterbrochen Schrott hinter sich lässt.

Gone in 60 Seconds 4, Copyright H.B. HALICKI INTERNATIONAL
Es ist erstaunlich, was da der Filmemacher gewagt und durchgezogen hat. Die meisten Szenen der nicht enden wollenden Verfolgungsjagd finden in bewohnten Stadtgebieten statt. Selbst Karambolagen und Überschläge werden in nur dürftig abgesperrten Bereichen gefilmt. Wer kurz die Augen von den Autos lassen kann, sieht die Verwirrung und Empörung der Passanten über das rücksichtslose Fahren, weil die wenigsten wissen, dass es sich um Dreharbeiten handelt. Gleichzeit dienen diese unbedarften Zuschauer als Statisten. Natürlich war H.B. Halicki unverkennbar angestachelt von der Faszination für Filme wie TWO-LANE BLACKTOP – ASPHALTRENNEN und VANISHING POINT – FLUCHTPUNKT SAN FRANCISCO. Besonders warm gefahren auf ein junges, hauptsächlich männliches Publikum mit in den Genen verwurzeltem Hang zu schnellen Wagen. Nicht zu vergessen, die umgehend in die Annalen eingegangene Verfolgungsjagd aus BULLIT. Dennoch hat Toby zweifelsfrei einen sehr eigenständigen, für das Zielpublikum mehr als befriedigenden Film realisiert, der seine großen Vorbilder nicht einmal zitieren muss. Soviel Selbstbewusstsein hat er schon in seine Produktion eingebracht.

Über Jahrzehnte hinweg bleiben die 40 Minuten ununterbrochener Karambolagen und Totalschäden die längste Verfolgungsjagd der Kinogeschichte. Eine Ablösung ist nicht in Sicht. Und mit 93 geschrotteter Wägen in nur 97 Minuten Film, tut das vielen Autoliebhabern in der Seele sehr weh. Es verdient sehr viel Respekt, mit welcher kompromisslosen Hingabe und unbändiger Energie hier der Zerstörung gehuldigt wird. Der ohnehin schon vielgeliebte 1971er Ford Mustang spielt darin die eigentliche Hauptrolle, und wird durch H.B. Halicki Abseits der Leinwand zum vergötterten Liebhaber-Vehikel. Eleanor genannt, ohne Artikel, einfach nur Eleanor. Wahrscheinlich seiner Defizite bewusst, ohne dies zugeben zu können, zeigt Toby in seinem Film auch einiges an Selbstironie. Wie zum Beispiel bei einem Kameraschwenk über eine Armada von Luxus-Fahrzeugen, wo mittedrin ein Fahrrad steht. Also, filmtechnisch ist GONE IN 60 SECONDS eine Katastrophe, aber macht einfach unheimlich viel Spaß.

Gone in 60 Seconds 6, Copyright CONCORD Home Entertainment

 

Darsteller: H.B. Halicki, George Cole, Ronald Halicki, Marion Busia, Jerry Daguirda, Hal McClain, Butch Stockton, Phil woods u.a.
Drehbuch & Regie: H.B. Halicki
Kamera: Scott Lloyd-Davies, Jack Vacek
Bildschnitt: Warner E. Leighton
Stunt-Coordinator: H.B. Halicki
Musik: Ronald Halicki, Philip Kachaturian
Produktionsdesign: Dennis Stouffer
USA / 1973
105 Minuten

Bildrechte: CONCORD Home Entertainment / H.B. HALICKI INTERNATIONAL

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Im Kino gesehen, Rund ums Kino abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort