Natalie Wood – Vermisst

Vor dreißig Jahren, am 29. November 1981, verstarb Natalia Nikolaiewna Gurdin durch einen tragischen Unfall. Wenn es denn wirklich ein Unfall war. Mit nur 43 Jahren war es einem strahlenden Stern am Firmament nicht vergönnt, seine endgültige Leuchtkraft zu entfalten. Natalia Nikolaiewna Gurdin war unter ihrem Künstlernamen Natalie Wood sehr schnell eine willkommene Größe bei Produzenten und unter Filmfreaks ein begehrtes Phänomen geworden. Auch wenn sie die Maria in „West Side Story“ nicht selbst singen durfte, machte sie das Musical zu ihrem ganz persönlichen Erfolg.

Natalie Wood befand sich in der Nacht des 29. November 1981 auf der Yacht Splendour, wo sie von Bord ging und ertrank. Warum eine Frau, die schlecht schwimmen konnte und noch dazu Angst vor Wasser hatte, in der Nacht ein Beiboot besteigen sollte, um an Land zu gelangen, bewegt noch immer die Legendendichter. Und daran erfreuen sich natürlich die Leidens-Parasiten. Denn zwei Wochen vor dem dreißigsten Todestag von Natalie Wood wurde der Fall wieder geöffnet und neue Untersuchungen eingeleitet.

Viele als spekulativ und mysteriös interpretierte Ereignisse in dieser tragischen Nacht wurden selbst von Robert Wagner in seinen polizeilichen Aussagen und später in vielen Presse-Erklärungen als Fakten klargestellt. In einer Drehpause zu dem Film „Brainstorm“ begleitet der damals aufstrebende Schauspieler Christopher Walken das bereits zum zweiten Mal verheiratete Paar Natalie Wood und Robert Wagner auf ihre Yacht Splendour. Die Reise geht Richtung Catalina, eine Insel vor Los Angeles. Die drei sind mit Ausnahme des Captains allein an Bord, und am Abend wird ordentlich getrunken. Selbst der Yacht-Captain Dennis Davern gab an, sich selbst einiges an Alkohol gegönnt zu haben.

Im Verlauf des Abends bricht der notorisch eifersüchtige Wagner im Suff mit Walken einen Streit vom Zaun, der darauf hinausläuft, ob dieser denn vorhabe, mit Natalie ins Bett zu gehen. Entgeistert geht Walken daraufhin tatsächlich ins Bett, aber allein. Der Streit zwischen Wagner und Wood geht weiter, bis irgendwann vermeintliche Stille herrscht. Diese Stille wird erst wieder gebrochen, als Wood um Hilfe ruft, sie würde ertrinken. Die mit ihrem Freund in der Nähe ankernde Marilyn Wayne hört die Schreie, ihr Freund sucht vergeblich mit dem Suchscheinwerfer. Eine Benachrichtigung der Küstenwache bleibt ebenso erfolglos, weil niemand antwortet. Wayne und ihr Freunde hören die Frau noch mehrmals nach Hilfe rufen, hören aber auch eine Männerstimme, welche beschwichtigend zurückruft, sie würden kommen und ihr helfen.

An Bord der Splendour versucht Captain Davern Wagner davon zu überzeugen, selbst die Küstenwache zu rufen, weil sie Wood in der Dunkelheit nicht ausmachen können. Das Beiboot fehlt, und Wagner weist seinen Captain an, einfach abzuwarten, bis Wood wieder zurückkommt. Christopher Walken verschläft die Tragödie, bis am folgenden Morgen die ertrunkene Natalie Wood im Wasser gefunden wird.

Die Geschichte, die von vielen Seiten mit vielen kleinen Variationen erzählt wird, lädt natürlich zu Spekulationen ein. So will sich niemand wirklich darauf einlassen, dass mit Alkohol im Spiel viele Begebenheiten manchmal irreale Aktionen nach sich ziehen. Denn die Ereignisse um jene Nacht könnten tatsächlich so einfach zu erklären sein, wenngleich es sie nicht weniger tragisch macht. Der Alkohol birgt eben seine Tücken.

43 Jahre wurde Natalie Wood alt. In den siebziger Jahren hatte sie sich auf der Leinwand rar gemacht, um sich auf ihre Kinder konzentrieren zu können. Und wenn man etwas zu sehen bekam, waren es wirklich keine herausragenden Kinoerlebnisse. Mit „Brainstorm“ wurde sie schließlich zu einer Wiederentdeckung für eine mittlerweile neue Generation von Kinogängern. Denn es gab tatsächlich noch diese Zeit, wo man weit von dem Wahnsinn entfernt war, eine vierzigjährige Hauptrolle als Zumutung für einen achtzehnjährigen Kinobesucher zu betrachten. Und Natalie Wood hätte dem Kino der Achtziger sicherlich sehr gut getan.

Natalie mit Walken und Regisseur Douglas Trumbull bei "Brainstorm"

„Brainstorm“ hatte nicht den Erfolg, den er verdient hätte, zumindest was seine cineastischen Leistungen betraf. Doch das Jahrzehnt des Videorekorders war angebrochen, und wer den Film nur im Heimkino sah, konnte seine Reichweite gar nicht erfassen. So ist es nun einfach „der Film“ geworden, „in dem Natalie Wood ihre letzte Rolle spielte“. Aber genau so sollte man eine Persönlichkeit wie diese in Erinnerung behalten, durch ihre vielen guten, manchmal aber auch sehr schlechten Rollen. Und nicht als tragische Figur, an deren Leid man sich gütlich tun kann.

Der Fall Natalie Wood wurde zwei Wochen vor ihrem dreißigsten Todestag neu aufgerollt. Was für ein Zufall, denn es gibt neue Erkenntnisse und Aussagen, so die Staatsanwaltschaft, die das erneute Öffnen der Akten rechtfertigen würden. Man sollte nichts Böses dabei denken, nur weil so ein „Jubiläums-Todestag“ einfach noch einmal besser fokussiert. Dennis Davern, der Captain der Yacht Splendour, behauptet, die Polizei belogen zu haben, Robert Wagner trage eben doch Schuld am Tod von Natalie. Mögen seine Absichten noch so ehrenwert sein, der Zeitpunkt lädt zur Spekulation. Es ist nämlich auch derselbe Captain, der vor zwei Jahren mit einem Co-Autor in dem Buch „Goodbye Natalie, Goodbye Splendour“ die Ereignisse der besagten Nacht schilderte. Genauso wie der eigenartige Zufall, dass die BluRay-Edition der „West Side Story“ gerade eben erschienen ist. Da tun ein paar unschöne Schlagzeilen über Robert Wagner mehr als teuer geschaltete Werbeanzeigen. Und das so kurz vor der besinnlichen Weihnachtszeit.

Man könnte sich in dieser besinnlichen Zeit vielleicht einmal mehr auf das Fernsehprogramm konzentrieren. Irgendwo spielt vielleicht „Das Wunder von Manhattan“, wo nicht die Geschichte überzeugte, sondern ein kleines Mädchen mit riesigen, strahlenden Augen. Vielleicht stolpert man auch einmal über „Feuer im Blut“, der Elia-Kazan-Klassiker mit Warren Beatty. Oder „Dieses Mädchen ist für alle“, wo Natalie neben Robert Redford brillierte. Ganz bestimmt findet sich aber irgendwo die „West Side Story“, wo sie allerdings nicht selber singen durfte. Das konnte sie erst ein Jahr später in „Gypsy“, wo die Frage gestattet sein muss, ob dies wirklich notwendig war.

Sie hatte ihre Auf und Abs in der Karriere, drei Hochzeiten, zwei davon mit Robert Wagner, einen Selbstmordversuch und zwei bezaubernde Kinder. Sie war sehr oft für Preise nominiert, gewann aber sehr selten. Dafür bekam sie 1961 und 1966 bei den „Golden Apple Awards“ den „Sauren Apfel“, der vom „Hollywood Womens Press Club“ für die unkooperativsten Schauspieler vergeben wurde. Sieht man in ihre Biografie, lassen sich leicht Erklärungen finden. 1960 sah es so aus, als würde ihre Karriere beendet sein. 1965 waren die Trennung von Warren Beatty und der Versuch, sich das Leben zu nehmen. Ist man an solchen Punkten im Leben nicht verständlicherweise etwas unkooperativer gegenüber der Presse? Abschnitte im Leben, die aus einem leuchtenden Stern einen verletzlichen Menschen machen. Und auch an so etwas sollte man sich erinnern. Und nicht an eigenartig motivierte Schuldzuweisungen.

 

Bildquellen: Bild an Bord der Splendour von Steve Shapiro von Scopefeatures.com, Brainstorm Dreharbeiten von acertaincinema.com, andere Bilder von Blog-Seiten ohne Quellenangaben.

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