Eine Frage der Auflösung

Die Rubrik „Final Draft“ bezieht ihren Namen von der letzten Drehbuchfassung, auch Shooting-Script genannt. In den meisten Fällen ist der „Final Draft“ für die Dreharbeiten bindend, die Fassung ist Fakt, kaum noch etwas daran zu rütteln. So beziehen sich eben auch die Artikel in dieser Rubrik auf etwas Endgültiges, etwas faktisch Klargestelltem. Die Geschichte des Tonfilms ist ebenso festgelegt wie die Bezeichnung verschiedener Trickeffekte. Doch auf einmal tut sich ein Thema auf, das nicht so einfach faktisch konkretisiert werden kann. Da gibt es eben nicht einfach Ja oder Nein, Wahrheit oder Lüge. Oder am besten ausgedrückt, da gibt es kein Null oder Eins. Und das ist beim Vergleich von Filmmaterial zu digitaler Aufzeichnung der Fall.

Das Fandom lief heiß, als Christopher Nolan ankündigte, im Dezember 2011 den sechsminütigen Prolog zu „Dark Knight Rises“ vor der Hauptvorstellung von „Mission: Impossible – Ghost Protocol“ zu zeigen. Allerdings betraf dieser Vorausblick nur IMAX-Kinos und nur solche, die „Mission: Impossible“ tatsächlich auf IMAX-Film vorführten, und nicht digital. Christopher Nolan hat mit seinem Kameramann Wally Pfister die Chefsessel von Warner vor den Kopf gestoßen und nebenbei die alte Frage wieder aufkochen lassen: Warum auf Film?

Warner wollte Nolan und Pfister bereits „Inception“ in 3-D drehen lassen, was diese zugunsten der Story ablehnten. Warner glaubte, spätestens bei „Dark Knight Rises“ könnte man Nolan 3-D aufzwingen. Der unerwartete finanzielle und künstlerische Erfolg von „Inception“ brachte den Regisseur in eine noch bessere Position. Für Warner bleibt das Geldabschöpfen mit 3-D im Falle des Dark Knight ein Traum. Ein Alptraum, wenn man die zu erwartenden Besucherzahlen bedenkt und das Ausbleiben des 3-D-Zuschlags an der Kasse. Dafür erfüllten sich Nolan und Pfister wieder das Vergnügen, auf IMAX-Filmformat zu drehen. Für die beiden Visionäre die einzige Alternative, ein Film-Abenteuer wieder visuell als Ereignis herauszustellen.

Während Peter Jackson in Neuseeland mit 48 Red Kameras den „Hobbit“ digital und mit 3-D zum Leben erweckt, hat Nolan mit seiner Beharrlichkeit unter Cineasten einen kleinen Filmhype ausgelöst. Und dabei ist alles so einfach, denn es geht um Auflösung. Es geht um die Bildinformation. Es geht um Bilder, die weit mehr transportieren als nur die Geschichte. Hier an dieser Stelle geht es dabei um die Aufnahmeverfahren, wie ein Film auf Kamera gebannt wird. Die Sache mit der Projektion ist da eine ganz andere Sache, wird aber für die digitale Verbreitung hier mit angerissen.

Geht man heute in ein digital ausgerüstetes Kino, erwartet den Zuschauer ein klares, zitterfreies Bild, welches sich auf 15 Quadratmeter mit 3,2 Millionen Bildpunkten breitmacht. 3,2 Millionen Pixel ist der augenblicklich weltweite Vorführstandard bei digitalen Kinos, auch 2K genannt, was 2048 Bildpunkte auf 1556 Zeilen bedeutet. Wird ein Film also auch auf 2K gedreht und bearbeitet, wird 1:1 auf die Leinwand übertragen. Ein wenig mehr, als man zu Hause unter Blu-ray und HD auf den Fernseher bekommt.

Aber auch für das digitale Kino gibt es High Definition, nennt sich 4K und versorgt ein einzelnes Filmbild mit fast 13 Millionen Pixeln. Daraus ergeben sich selbstverständlich, ohne nachrechnen zu müssen, 4096 x 3112 Pixel, was die vierfache Bildinformation von 2K bedeutet. Auch wenn noch sehr selten mit 4K vorgeführt wird, das Material stattdessen für die Vorführung heruntergerechnet werden muss, macht sich die Fülle an Mehrinformation im Bild bei Kontrast, Farbtiefe und Schärfe dennoch bemerkbar.

Hiermit beginnt der theoretische Teil, der angreifbare Abschnitt. Bei dem geht es um die Bildinformation bei herkömmlichen Filmmaterial. Bei Film heißt es nicht Pixel, sondern Körnung, und die ist nicht wie bei digitaler Aufzeichnung sauber vertikal und horizontal geordnet, sondern ein strukturloses Chaos auf dem Trägermaterial. Die Schwierigkeit ist nun, dass es keine verlässlichen Zahlen und keine zuverlässigen Studien gibt, wie viel Körnung sich jetzt auf einem 22 x 16 mm großen Filmbild tatsächlich befindet, auf dem heute noch die meisten aller Hollywood-Blockbuster gedreht werden.

Unterschiedliche Quellen geben unterschiedliche Zahlen an, manche behaupten errechnet worden zu sein, andere glauben, dass eine Schätzung ausreichen muss. Wendet man sich vertrauensvoll an Kodak, den Hauptlieferanten der Glitzerwelt, erfährt man einen ungefähren Wert der Körnung, welcher 4000 x 3000 Pixel entsprechen würde. Diese Zahlen sind allerdings nicht belastbar und können nicht festgemacht werden. Es gibt viele Stimmen, die den Wert wesentlich niedriger ansetzen, ebenso viel allerdings setzen diese Zahlen um einiges höher an. Vergleicht man unendlich viele Zahlen aus unendlich vielen Quellen, kristallisiert sich Kodaks Aussage als die realistischste Quelle heraus. Ein Filmbild enthält ungefähr auf 12 Millionen Bildpunkten seine Informationen.

Das analog aufgenommene Filmbild enthält also dieselbe Menge an Bildinformation wie eine mit 4K getätigte Aufnahme. Was den Filmemacher sich also für das eine oder andere Medium entscheiden lässt, ist seine rein persönliche Vorliebe an Handhabbarkeit und den Ansprüchen am Drehort. Die Handhabbarkeit einer IMAX-Kamera am Drehort ist da um einiges ungelenker. Der Koloss verschießt zwar herkömmliches 70mm-Filmmaterial, allerdings nicht vertikal, wie das normale Kameras tun, sondern horizontal. Somit wird die eigentliche Filmbreite bei IMAX zur Höhe des Filmbildes. Aus einem Bild mit den Abmessungen 52 x 23 mm wird ein Filmbild mit der Größe 71 x 52 mm.

Es geht weiter mit nicht belastbaren Zahlen, die allerdings ebenfalls aus dem Hause Kodak kommen. IMAX bezieht sein Material ausschließlich bei Kodak, denn die unglaublich präzisen Apparaturen bei Aufnahme und Vorführung lassen keinerlei Toleranz im Filmmaterial zu. Ohne sich allerdings festzulegen, gibt man an, dass ein Filmbild mit 10000 x 7000 Pixeln vergleichbar wäre. Rein theoretisch ist das eine Körnung von 70 Millionen Bildpunkten. Was sich im Rechenvergleich mit den 12 Millionen Pixeln bei 35mm-Material ungefähr decken würde.

Das IMAX-Filmformat bietet also mehr als die fünffache Menge an Bildinformation wie ein auf herkömmlichem Material gedrehter oder mit 4K aufgenommener Film. Eine vergleichende Zahlenspielerei: Eine große Multiplex-Leinwand hat eine Breite von 15 Metern. Um immer noch ein glasklares, perfektes Filmbild zu haben, könnte mit einer mehr als fünffachen Bildinformation die Leinwand 75 Meter breit sein. Die weltweit größte IMAX-Leinwand hingegen ist auch nur 35 Meter breit.

Wer an dieser Stelle noch nicht kapituliert hat, versteht vielleicht die Absicht hinter Christopher Nolans und Wally Pfisters Vorhaben, ihre Filme komplett auf IMAX-Format zu drehen. Denn bei dieser Menge an Bildinformation benötigt man kein 3D, um die Tiefe eines Bildes zu erfahren, um die Umgebung naturgetreu zu erfassen, um als Zuschauer tatsächlich „in den“ Film gezogen zu werden. Brad Bird hat sich von Nolan überzeugen und anstecken lassen, und 30 Minuten für „Mission: Impossible – Ghost Protocol“ auf IMAX gedreht. Das Ergebnis ist im wahrsten Sinne des Wortes schwindelerregend, aber überwältigend. Bei „Dark Knight Rises“ werden es zwischen 40 und 50 Minuten sein. Warum so wenig? Weil der spezielle Mechanismus, den Bildstand beim Bildtransport immer korrekt zu halten, die IMAX-Kamera so verdammt laut macht, dass Szenen, in denen der Originalton vom Drehort gebraucht wird, nicht umsetzbar sind.

Die Red-Kameras, mit denen sich Peter Jackson in Neuseeland zufrieden gibt, sind da wesentlich Set-freundlicher. Dafür dreht Jackson anstatt mit den üblichen 24 Bildern pro Sekunde auf 48 Bilder. Um es auf das Einfachste herunterzubrechen, könnte man das durchaus damit vergleichen, dass sich die daraus ergebende Bildinformation verdoppelt.

Die viele Zahlenspielereien, einige faktische, andere sehr hypothetisch, sind kein Pro und Kontra für oder wider Digital oder gar dem IMAX-Format. Es sind reine Betrachtungsweisen, um zu verdeutlichen, warum sich Filmemacher aus dem einen oder anderen Grund für ein Format entscheiden. Denn alle Formate haben ihre Vorteile, so wie jedem auch Nachteile entgegenstehen. Letztendlich soll sich der Filmemacher dafür entscheiden, was für seinen Film das Beste in der Umsetzung ist. Und jeder weiß, dass sowohl Nolans „Dark Knight Rises“ als auch Jacksons „Hobbit“ kaum einen Zuschauer enttäuschen werden, weil sie ihre Visionen genau so umsetzen, wie diese ihnen vorschweben.

Ach, wer immer noch glaubt, es sei billiger, komplett auf Digital zu produzieren anstelle des umständlicher zu handhabenden Films, der täuscht gewaltig. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

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