UM JEDEN PREIS

I AM HERE / THE 11th HOUR – Bundesstart 23.07.2015

I-Am-Here-1, Copyright Farbfilm VerleihBesonders groß aufgefallen ist Filmmacher Anders Morgenthaler noch nicht. Hier und da einmal ein Arthouse-Projekt, hin und wieder etwas Fernsehen. Mit UM JEDEN PREIS macht er es sich auch nicht leichter, einen weiteren Publikumskreis zu erreichen. Sein eigentliches Glanzstück Kim Basinger, konnte sich schon länger nicht mehr als Hauptattraktion beweisen. Was sie hier allerdings tut, Basinger ist fantastisch, auf erschreckende Weise sehr authentisch. Nur hat Morgenthaler einen viel zu schweren, viel zu ambitionierten Film gemacht, um über kleine Programmkinos hinaus Zuschauer zu finden. Wenn man den Film ‚europäisch‘ nennen würde, dann wäre das nicht nur auf das bunt zusammengewürfelte Ensemble vor und hinter der Kamera gemünzt. Sondern es bezieht sich auch auf das bittere Klischee, der europäische Kunstfilm sei zu verbissen, zu angestrengt, zu pessimistisch.  

Eigentlich hat Marie als führende Geschäftsfrau ein sorgenfreies Leben, mit ihrem Mann Peter, der überzeugt ist, sie bedingungslos zu lieben. Was Marie nicht erreicht hat in ihrem Leben, dass ist ein eigenes Kind. Der Film beginnt mit Maries bereits achter Fehlgeburt. Doch egal wie eindringlich der Arzt auf sie einredet, kann und will Marie den Kinderwunsch nicht ablegen. Auch Peter möchte mit ihr lieber „unglücklich“ weiterleben, wie er es ausdrück, anstatt sie während einer erneuten Schwangerschaft verlieren. Da beschließt Marie einen ganz anderen Weg einzuschlagen, und begibt sich auf eine ganz düstere, sehr gefährliche, und sehr abwegige Reise. Ihre Herzensangelegenheit liegt ihr immer noch am nächsten, und dafür würde sie die Leben von anderen nicht schonen.

Anders Morgenthaler hat einen sehr verstörenden Film gedreht, mit einem bitteren Hintergrund, der einiges an unserer verrohten Gesellschaft preis gibt. Er inszeniert nicht langsam, aber sehr intensiv, und lässt Szenen manchmal unbehaglich lange ausspielen. Seine Dialoge sind keine geschliffenen Wortwechsel, keine Ergüsse in Erkenntnis und Lebensweisheit. Es sind manchmal quälende Sekunden, wo Menschen sich winden, und eben nicht die richtigen Worte finden. Dann fügt er auch drei, vier mal fantastische Elemente ein, die allerdings sehr viel mehr Sinn machen, als man im ersten Moment zu glauben meint.

Was ablenkt, und so gar nicht in den Fluss des Films aufgeht, das ist Sturla Brandth Grøvlens Bildsprache. Die Kameraausschnitte sind stets zu dicht, immer zu nah an den Protagonisten. Das ist insbesondere bei einer großen Leinwand sehr störend, weil keinerlei Distanz mehr gewahrt bleibt, welche ein Zuschauer aber haben muss. Es ist eben ein psychologisches Ding, dass die permanente, schon aufdringliche Nähe, das Verlangen nach Abstand noch vergrößert. Ein „Abschalten“ von der Geschichte geht oftmals damit einher. Zudem zeigt uns Sturla Brandth Grøvlen die Protagonisten unentwegt von schräg hinten, ohne ihnen ins Gesicht blicken zu können. Und das vermittelt den Eindruck, als wollten einen die Figuren aussperren, wo eine ehrliche Anteilnahme wesentlich angebrachter wäre.

UM JEDEN PREIS bleibt aber ein sehr spannender, sehr überraschender Film. Und manchmal tut er richtig weh. Anders Morgenthaler hat sich dem Thema um Kindsmissbrauch, oder Kinderhandel sehr geschickt und sehr ehrlich angenähert. Die bittere Wahrheit allerdings ist, dass ein Film die tieferen Abgründe überhaupt nicht ertragen, oder überhaupt transportieren könnte. Dass man dies dem Film anmerkt, ist nicht wirklich von Nachteil, sondern fließt in das Bewusstsein des Zuschauer durchaus mit ein. Manchmal ist UM JEDEN PREIS viel zu verkopft und dem ‚europäischen‘ Autorenkino zu sehr verhaftet. Aber es bleibt eine sehr spannende Geschichte, die ihren traurigen Reiz hat.

I-Am-Here-2, Copyright Farbfilm Verleih

Darsteller: Kim Basinger, Jordan Prentice, Sebastian Schipper, Peter Stormare, Robert Hunger-Bühler, Anouk Wagner, Nina Fog u.a.
Drehbuch & Regie: Anders Morgenthaler
Kamera: Sturla Brandth Grøvlen
Bildschnitt: Olivia Neergaard-Holm
Musik: Jóhann Jóhannson
Produktionsdesign: Natascha Tagwerk
Dänemark – Deutschland / 2015
97 Minuten

Bildrechte: Farbfilm Verleih
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