THE FOREVER PURGE

Forever Purge - Copyright UNIVERSAL STUDIOS– Bundesstart 12.08.2021

Was wäre gewesen, hätten Aaron Sorkin oder Jon Stewart Einfluss auf das Buch von FOREVER PURGE gehabt? Der eine unverspielt und konzentriert, und der andere als bissiger Satiriker mit dem Hang zum Nachtreten. Beide politisch versiert, die besten in ihrer Branche. Oder wir treten einen kleinen politischen Schritt zurück und nehmen David Mamet. Politisch ja, aber gerne neutral, doch mit großem menschlichen Drama. Da hätte James DeMonaco von allen etwas vertragen, um seine Inspiration für den selbstproklamierten Abschluss der Schlachtfestreihe PURGE auszubauen. Es geht um soziale Fragen und soziale Missstände. Das würde DeMonaco genauso behaupten, wie Regisseur Everardo Gout. Dazu muss man erst gar nicht einen Pressetermin wahrnehmen, oder einen Marketing-Clip gesehen zu haben. Aber tatsächlich ist THE FOREVER PURGE lediglich ein Action-Thriller, bei dem nicht einmal die Action über dem Durchschnitt inszeniert ist.

Die Mexikaner Adela und Juan finden auf der Ranch der texanischen Familie Tucker Arbeit. Für die beiden Illegalen scheint zumindest für die ersten zehn Monate der amerikanische Traum in Erfüllung gegangen. Bis zu ihrer ersten Purge, der erneut eigeführten 12 Stunden der Säuberung. Die Tuckers verschanzen sich auf ihrer Ranch hinter einbruch- und kugelsicheren Stahlwänden, während ein Sammelbus alle Mexikaner, auch von umliegenden Ranches, in eine von Milizen bewachte Einrichtung bringen. Somit verläuft für die filmrelevanten Akteure die Nacht ohne Zwischenfälle.

Man muss James Monaco zugestehen, dass er mit dieser Fortsetzung in der ersten Hälfte etwas erreicht, was die morbide Faszination des ersten Films ausmachte. Der war eine bitterböse Abrechnung mit einer Gesellschaft, die alles erreicht hat. Tatsächlich blickte THE PURGE tief in die Seele von ‚alles ist nie genug‘. Für 12 Stunden sind alle Gesetze außer Kraft gesetzt. Straftaten die innerhalb dieser 12 Stunden begangen werden, haben keine Konsequenzen, auch Mord nicht. Und dem verhassten Nachbarn ständig falsch ins Gesicht lächeln zu müssen, kann unter diesen Bedingungen wirklich befreiend gelöst werden.

Ist die grundsätzliche Prämisse der ‚Säuberung‘ schon abstrakt genug, verfällt das Konzept bei FOREVER PURGE in der zweiten Hälfte wie schon bei den drei Vorgänger in reines Spektakel. Wir sehen am Anfang, dass Tuckers Sohn Dylan nicht sonderlich gut auf die Einwanderer zu sprechen ist. Das ist sogar eine sehr geschickte Einführung, die den durchaus zu erwartenden Verlauf vorzugeben scheint. Die Inszenierung spielt sehr gut mit dieser Erwartungshaltung, um sie an mancher Stelle zu brechen. Aber wirklich überraschen kann das Buch von Monaco und Everardo Gouts Regie nicht. Dafür sind es die kleinen unscheinbaren Elemente welche aufmerksam machen.

Es scheint zuerst sehr generös, dass die Farmer ihren mexikanischen Helfern eine Sicherheitsprämie zahlen, um sich die Zufluchtsstätte in der Purge-Nacht zahlen zu können. Da braucht es keine Erklärungen, dass die Bosse nur ihre billigen Arbeitskräfte schützen wollen, weil Immigranten, Illegale und Minderheiten eben das hauptsächliche Ziel des weißen Amerika ist. Doch mit dieser Art von Subtilität fackelt der Film nicht lange herum. Und damit geht auch ein tiefer gehendes Anliegen einfach den Bach herunter.

Forever Purge 1 - Copyright UNIVERSAL STUDIOS

Wenn die Purge-Nacht endet, hat der größte Teil der amerikanischen Bevölkerung beschlossen, dass die ‚Säuberung‘ uneingeschränkt weitergehen wird. Die Illegalen werden zu den Rettern der vernunftbegabten Amerikaner. Kanada und Mexiko öffnen für ihre Grenzen für sechs Stunden um Flüchtenden Asyl zu gewähren. Von da an wird es ein Spießroutenlauf, der mit den üblichen hanebüchenen Hindernissen gespickt ist, um die Action am Laufen zu halten. Dabei fallen allerlei plumpe Sätze, die in ihrer Absicht wirklich sehr gut gemeint sind, aber wegen ihres übertrieben ernsthaft gemeinten Charakters ihren Bemühungen entgegen laufen.

Da sagt ein indigener Anführer Dinge wie, „wie kämpfen diesen Kampf bereits seit 600 Jahren“. Oder jemand anderes erklärt sich, dass er nicht das geringste gegen Mexikaner hätte, nur sollte jeder bei seiner Gruppe bleiben. Fadenscheinige Lippenbekenntnisse und überzeichnete Korrektheiten. Äußerungen wie diese durchziehen die gesamte zweite Hälfte, und wirken im Angesicht der obskuren Kulisse von absurder Gewalt und radikaler Ernsthaftigkeit weit daneben gegriffen.

Es gelingt Everardo Gout einige verstörenden Szenen zu etablieren, die dem eigentlichen Anliegen gerecht werden, und die apokalyptische Stimmung sehr eindringlich darstellen. Allzu grafisch wird die Inszenierung dabei nicht, aber es sind reichlich Bilder vorhanden, die eine konkrete Vorstellung geben, dass eine derartige Nacht nur den perfidesten Individuen zuträglich wäre. Eine gewisse Ernsthaftigkeit geht diesem, wie den vorangegangenen Filmen verloren, weil einfach zu viele Logiklöcher offen bleiben. Zum einen ist das Konzept der ‚Säuberung‘ einfach nicht vollends durchdacht, und zum anderen bleibt es ein Rätsel, wie nach Jahren der Vorwarnung immer noch Menschen Opfer werden können. Was erst der Anfang von unbeantworteten Fragen wäre.

Natürlich geht es den Machern nicht wirklich um die gesellschaftliche Auslotung von gesellschaftlichen menschliche und unmenschliche Problemen. Auch wenn es nicht verwundern sollte, wenn die Produzenten das ernsthaft als Inspiration anführen würden. Doch genau dieses pseudopolitische Anliegen ist es, was dem Film seine anarchische Freiheit von losgelöstem Spannungskino raubt. Es fehlt THE FOREVER PURGE ein künstlerischer Ansatz, der den angedachten Hintergrund der sozialpolitischen Reflexion wesentlich intelligenter umgesetzt hätte. Da kommen wieder Sorkin, Stewart oder vielleicht jemand wie Mamet ins Spiel, die mit solchen Gedankenspielen wie der staatlich verordneten ‚Säuberung‘ vielleicht sogar ein ernst zu nehmendes Spiegelbild einer Gesellschaft zeichnen könnten, welche wirklich kurz davor steht den gesunden Menschenverstand zu verlieren.

Forever Purge 2 - Copyright UNIVERSAL STUDIOS

Darsteller: Ana de la Reguera, Tenoch Huerta, Josh Lucas, Leven Rambin, Cassidy Freeman, Will Patton, Alejandro Edda u.a,
Regie: Everardo Gout
Drehbuch: James DeMonaco
Kamera: Luis David Sansans
Bildschnitt: Tim Alverson, Todd E. Miller, Vincent Tabaillon
Musik: The Newton Brothers
Porduktionsdesign: Jennifer Spence
Mexico – USA / 2021
103 Minuten

Bildrechte: UNIVERSAL STUDIOS
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