DIE FARBE LILA

Color Purple 1 - Copyright WARNER BROSTHE COLOR PURPLE
– Bundesstart 08.02.2024
– Release 25.12.2023 (US)

Jede Adaption von THE COLOR PURPLE brachte ihre Kontroversen mit. Ob als Film oder Musical für die Bühne. Sogar Alice Walkers Roman selbst stand unter kritischen Vorbehalten. Diese sind alle nicht uninteressant, und können bei anderen Stellen nachgelesen werden. Auch diese Adaption eines Musicals einer Adaption eines Romans, kommt nicht an kritischen Einschüben vorbei. Obwohl diese in Definition weit von einer wirklichen Kontroverse entfernt sind. Aber dieser Film nutzt weder seinen Inhalt, noch das künstlerische Potential nach den Möglichkeiten, welche er für eine zeitgemäße Relevanz bräuchte. Jetzt fallen Unterdrückung, Missbrauch, Rassismus, die brutale Vorherrschaft des Patriarchats, oder auch Selbstbestimmung niemals aus der Zeit. Und auch wenn dies in DIE FARBE LILA allgegenwärtig und in aller Deutlichkeit zu erfahren ist, fehlt dem Film eine geschlossene Struktur.

Die Geschichte spannt sich von 1909 bis 1949, in Georgia, USA. Teenager Celie leidet unter der Tyrannei des Vaters, und dessen Missbrauch. Zwei Kinder hat sie schon ihm geboren, beide hat er verkauft. Schwester Nettie bleibt verschont, bis der Vater Celie an den Witwer Mister verheiratet. Ihr Leidensweg mit Unterdrückung und Gewalt geht weiter. Und Vater vergeht sich nun an Nettie, die aber dem Teufelskreis entflieht, mit dem Versprechen, Celie jeden Tag zu schreiben. Jahre gehen ins Land, Celie lernt die Sängerin Shug kennen, zu der eine romantische Bande entsteht. Der mittlerweile erwachsene Sohn von Mister, bringt derweil die vorlaute und furchtlose Sofia in die Familie.

Musicals haben die schöne Angewohnheit nicht nur tolle Lieder und schöne Choreografien zum Besten zu geben, sondern Stimmungen und Gefühle der Figuren zu erklären, die über Dialoge und Ausdruck kaum zu vermitteln sind. Diese Musical-Adaption macht davon reichlich Gebrauch, während der Regisseur kaum etwas damit anzufangen weiß. Von den 27 Songs wurden 13 für die Leinwand-Adaption übernommen. Als Brückenschlag, wurde auch ‚Miss Celie’s Blues‘ aus der Spielberg-Adaption von 1985 mit eingebaut. Die Lieder sind gefällig, setzen aber keine markanten Akzente zu den Situationen. Die Liedtexte können sich aber oft nicht gegen den Überschwang der Inszenierung durchsetzen.

Von den Songs sticht lediglich ‚Dear God – Shug‘ zumindest mit einem grandiosen Set-Design heraus, welches auch thematisch im Einklang steht. Ansonsten verliert sich der Film immer wieder in einem optischen Spektakel das nur exemplarisch den Inhalt widerspiegelt. Das lenkt immer wieder von der visuellen und dramaturgischen Atmosphäre ab, die Kameramann Dan Laustsen eindrucksvoll im Bild gestaltet. Seine Beiträge für CRIMSON PEAK oder NIGHTMARE ALLEY sprechen für sich. Ob Celie, Shug oder Sofia, jede von ihnen verkörpert einen Typ von schwarzen Frauen, die nach dem Krieg 1865 gegen eine andere Form von Absolutismus bestehen müssen.

Color Purple 2 - Copyright WARNER BROS

Blitz Bazawule kann sich dabei in der Inszenierung auf ein außerordentlich starkes Ensemble verlassen. Die schicksalsträchtige Überheblichkeit von Danielle Brooks Sofia, Taraji Hensons Orientierungslosigkeit der eigentlich stark wirkenden Shug, und natürlich Fantasia Barrinos zerbrechliches Wesen bei Celie, der man von Minute zu Minute mehr anmerkt, wie sich ein eruptionsartiger Befreiungsschlag ankündigt. Aber auch hier erklären sich die Figuren mehr über die immer wieder unterbrechenden Songtexte, obwohl diese Gruppe merklich zu wesentlich mehr fähig wäre. Ohne musikalische Pausen könnten sie diesen Film darstellerisch auf ein weit intensiveres Level bringen.

Ein Musical geht mit bestimmten Charakteristika einher, die noch weniger ignoriert werden können, wenn es sich dabei um eine verpflichtende Adaption handelt. Mit einem erfahreneren Regisseur wäre trotz der Musikeinlagen der Fluss vielleicht weniger sprunghaft. Jede Szene vermittelt den Eindruck für sich selbst inszeniert worden zu sein. Zwischen den einzelnen Sequenzen, gelingen Bazawule keine wirklich konsistenten Übergänge. An manchen Stellen gewinnt der Film einen leichten Ton, dessen Absicht wohl Celies Gefühle wiederspiegeln soll, aber trotzdem immer etwas unangebracht scheint. Dazu hätte die Stimmungen für alle drei Figuren differenzierter sein müssen.

In diesem Sinne ist DIE FARBE LILA dennoch ein bewegender Film geworden, dem man seine Schwächen gerne nachsehen mag, weil die starken Schauspieler und ihre eindringliche Dynamik in der sehr unbequemen Geschichte ständige Oberhand bewahren. Und wenn man schon am Musical als solche nicht vorbei kommt, kann man sich wenigsten an den starken Stimmen der Vokalisten erfreuen, bei denen Danielle Brooks besonders auffällig wird, die in ihrer Rolle der Sophia bereits am Broadway begeisterte. DIE FARBE LILA ist auch in dieser Adaption ein ergreifendes Zeitdokument, dass in gewissen Variationen seiner Themen immer noch Gültigkeit besitzt. Bestimmt kein Meisterwerk, aber ein anspruchsvoller Unterhaltungswert ist keineswegs abzusprechen.

Color Purple 3 - Copyright WARNER BROS

 

Darsteller: Fantasia Barrino, Taraji P. Henson, Danielle Brooks, Colman Domingo, Cory Hawkins, David Alan Grier, Jon Batiste, Louis Cossett Jr., Phylicia Pearl Mpasi u.a.

Regie: Blitz Bazawule
Drehbuch: Marcus Gardley
nach der Musical-Fassung von Marsha Norman
basierend auf Alice Walkers Roman
Kamera: Dan Laustsen
Bildschnitt: Jon Poll
Musik: Kris Bowers
mit Songs von Stephen Bray, Quincy Jones, Allee Willis, Brenda Russell u.a.
Produktionsdesign: Paul D. Austerberry
USA / 2023
141 Minuten

Bildrechte: WARNER BROS.
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