TAKE SHELTER darf sich nicht verstecken

Michael Shannon als einen gutmütigen, einfühlsamen Familienvater zu besetzen, der langsam den Verstand verliert, scheint auf den ersten Blick eine ähnlich gelagerte Fehlentscheidung zu sein, wie Jack Nicholson in SHINING zu Beginn als nicht verrückten Daddy zeigen zu wollen. Aber Shannons äußere Erscheinung wird dank seines eindringlichen Spiels und der hervorragenden Charakterisierung der Figur zu einer weiteren Ebene in seiner Dualität zwischen Rationalität und Phobie. Den bleibenden Eindruck, den Shannon in REVOLUTIONARY ROAD mit seinen sehr kurzen Auftritten hinterließ, braucht man hier nicht zu fürchten, auch wenn es die Geschichte immerfort möglich machen könnte.

Ein Sturm wird kommen, und Curtis‘ Angst vor einer Katastrophe nimmt immer drastischere Züge an. Was als kleine Unsicherheit beginnt, wächst innerhalb kürzester Zeit zu Panikattacken und Überreaktionen heran. Apokalyptische Bilder schaffen sich in Curtis‘ Alpträumen Platz. Seine Frau Samantha versucht – so weit möglich – beizustehen. Doch letztendlich wird aus der zu verkraftenden Belastung eine erschütternde Zerreißprobe, als Curtis beginnt, im Garten einen unterirdischen Schutzraum zu bauen.

In sehr genauen, klar strukturierten Bildern offenbart sich eine atemberaubende Geschichte. Die Ruhe in der Inszenierung und auch wie die Figuren angelegt sind, macht die Erzählung beängstigend real. Regisseur Jeff Nichols hat genau die richtigen Töne getroffen, um sein selbst verfasstes Drehbuch so nah an den Zuschauer zu bringen, wie es nur geht. Dazu benötigt er keine Dogma-geschwängerten Inszenierungskapriolen, sondern Nichols entwarf mit Bildgestalter Adam Stone lang stehende Einstellungen, die Gemälden gleichkommen. Der Zuschauer darf zusehen, darf mehr als nur die Charaktere selbst erfassen. Es wirkt fast wie eine makabre Einladung in die erste Reihe zu einer Familientragödie.

Am erstaunlichsten ist allerdings die Geschichte selbst. Curtis ist sich sehr wohl seines Zustandes bewusst, selbstständig sucht er sogar ärztliche Betreuung und macht sich mit Fachbüchern über psychische Erkrankungen schlau. Doch was ist schon der rationale Verstand gegen eine ausgeprägte Neurose? Dabei hält Nichols den Zuschauer stets auf Spannung. Ein bisschen Katastrophenfilm, gemischt mit angedeuteter Science-Fiction, ist TAKE SHELTER ein sehr frei interpretierbarer Film, unter dessen aufregender Schale des Offensichtlichen ein aufwühlender Kern von subtilen zwischenmenschlichen Beziehungen liegt. Sehr intelligent spielt der Film mit Erwartungen und Hoffnungen, zeigt dabei immer glaubwürdige Figuren in nachvollziehbaren Handlungen. Dabei verzichtet er sehr geschickt auf diese emotionalen Überzeichnungen, die einen gewissen Fremdschämfaktor haben. Jeff  Nichols führt den Zuschauer so genial an die Charaktere heran, dass man trotz aller Unannehmlichkeiten gerne bei ihnen bleibt und ehrlich mit ihnen fühlt.

Ein Sturm wird kommen, und der Zuschauer wird für die gepeinigten Seelen hoffen, dass dieser Sturm real sein wird. Das liegt nicht nur an der am Ende doch sehr gelungenen Besetzung von Michael Shannon, sondern am gesamten Ensemble, dem alles auf den Leib geschrieben scheint. Ganz besonders Jessica Chastain, die sich, wie in all ihren Filmen von 2011, als die bemerkenswerteste Künstlerin in kleineren Rollen beweist. Ein Sturm wird kommen, und er wird Diskussionen auslösen, denn das Ende von TAKE SHELTER gibt nur auf den ersten Blick Rätsel auf. Es ist ein Ende, mit dem man sich nicht einfach nur auseinandersetzen kann, sondern auch will. Weil Jeff Nichols so einen faszinierenden Film geschrieben und umgesetzt hat, dass einem bitter bewusst wird, was man von den großen Studios einfach nicht mehr zu erfahren bekommt.

Darsteller: Michael Shannon, Jessica Chastain, Shea Whigham, Katy Mixon, Ray McKinnon, Lisagay Hamilton u.a.
Regie & Drehbuch: Jeff Nichols
Kamera: Adam Stone
Bildschnitt: Parke Gregg
Musik: David Wingo
Produktionsdesign: Chad Keith
USA / 2011
zirka 124 Minuten

Bildquelle: Ascot Elite Entertainment

 

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