SILVER LININGS zeigt kleinen Silberstreif

SILVER LININGS PLAYBOOK – Bundesstart 03.01.2013

Eine Komödie über bipolare Störungen, früher auch als manisch-depressive Erkrankung bekannt, kann durchaus ihren Reiz haben. David O. Russell hat es gewagt, mit den besten Voraussetzungen. Sein Händchen für Schauspieler hat er nicht nur bei THREE KINGS bereits bewiesen, sondern sogar die extrem einfache Geschichte von THE FIGHTER mit seinen Darstellern zu einem Ereignis gemacht. Bradley Cooper bleibt mit der Rolle des kranken Pat dem Komödienfach treu, kann sich aber mit SILVER LININGS durchaus im emotional starken Charakterfach behaupten. Und dies neben einem überaus beeindruckenden Robert De Niro als sein von Zwangsneurosen heimgesuchter Vater. So funktioniert die Komödie über Menschen mit bipolaren Störungen dann auch auf einer ganz anderen Ebene als die herkömmlichen Komödien über zwei Menschen, die zueinander finden müssen. Nach acht Monaten in der Psychiatrie kommt Pat bei seinen Eltern unter, um sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. In erster Linie will er einen Plan erstellen, um seine Frau zurückzugewinnen, die er mit einem Kollegen unter der Dusche erwischt hatte, was nach einem brutalen Anfall damit endete, dass Pat eingewiesen wurde. Dieser Plan ist Pats Silberstreif am Horizont.

Hier scheint alles zu passen. In weiten Strecken läuft SILVER LININGS wie eine geschmierte Screwball-Comedy, die schmerzliche und tiefgängige Momente nicht scheut. Die Darsteller sind durchweg grandios und die Interaktionen sind auf den Punkt. David O. Russells Stärke ist der Realismus in den Szenen, wenngleich er eine Komödie inszeniert. Es stimmen alle Dialoge, und oftmals gewinnt man den Eindruck, dass kein einziges Wort zu viel geschrieben beziehungsweise gesprochen wurde. Diese Punkte betrachtend scheint David O. Russell die perfekte Komödie gemacht zu haben, es scheint ja alles zu passen. Aber wer Lust auf eine etwas andere Geschichte hat, die zudem umwerfend gut gespielt ist und über starken Tiefgang verfügt, sollte sich auf einige markante Abstriche einlassen können.

Masanobu Takayanagis Kamera will den Figuren nahe kommen, und so glaubt er das mit der tatsächlichen Nähe des Objektives zu den Schauspielern umsetzen zu können. Jay Cassidy und Crispin Struthers haben mit dem Schnitt zusätzlich die Optik des Films infrage gestellt. Nahe Gesichtseinstellungen sind ohne Grund hektisch auf die nächste nahe Gesichtseinstellung geschnitten. Die meiste Zeit zeigt uns das Bild nur große Gesichter, immerfort und ohne Rhythmus wird hin und her geschnitten. Da Russell auch noch sehr schnell inszeniert hat, verkommen viele Dialogszenen zu einem unangenehmen Erlebnis. Hin und her, ständig große Gesichter einer Schulterkamera, das ist keine sehr schöne Kino-Erfahrung. Auch wenn man damit versucht hat, der Gefühlswelt von Pat eine optische Ebene zu verleihen, macht es das nicht wirklich besser. Es ist anstrengend, umso anstrengender, weil man den Figuren eigentlich sehr gerne zusehen möchte. Es mag subjektiv klingen, aber eine bipolare Störung braucht keine frenetische Schnittfolge auf immer die gleiche Einstellungsgröße.

Eine Komödie über Menschen mit bipolaren Störungen kann durchaus ihren Reiz haben. Soweit alles passt oder man gewisse Unzulänglichkeiten hinnehmen kann.


Darsteller: Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Robert De Niro, Jacki Weaver, Chris Tucker, Anupam Kher, John Ortiz u.a.
Regie & Drehbuch: David O. Russell nach dem Roman von Matthew Quick
Kamera: Masanobu Takayanagi
Bildschnitt: Jay Cassidy, Crispin Struthers
Musik: Danny Elfman
Produktionsdesign: Judy Becker
USA / 2012
zirka 122 Minuten

Bildquelle: Senator Filmverleih / The Weinstein Company
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