Alex Garlands MEN

Men - Copyright MEN FILM RIGHTS LLC– Bundesstart 21.07.2022

Die Tunnel Sequenz in der Harper mit ihrem Echo spielt, generiert eine der stimmungsvollsten Gruselatmosphären seit langem. Sie stimmt Töne an und lässt Tonfolgen reflektieren, und gerade als sie meint genau diese Seelenruhe gefunden zu haben, …aber man würde an dieser Stelle vorgreifen. Denn nicht nur das diese gesamte Sequenz an sich schon gruselig ist, entfalten die Hintergründe zu dieser Sequenz im weiteren Verlauf noch ein tieferes Grauen in stets steigenden Spannungskurve. Mit seinem selbstverfassten Regiedebüt EX MACHINA hat Alex Garland eines der extrem wenigen Beispiele auf die Leinwand gebracht, was der Begriff von Künstlicher Intelligenz tatsächlich bedeutet, jenseits der ständig von Presse, Stammtisch und Marketing falsch genutzten Interpretation. Aber im Horrorfilm ist es wesentlich schwieriger neue, eigene Wege zu gehen.

In parallel montierten Rückblenden erleben wir, was Harper von der Stadt in ein Landhaus trieb. Ein erbitterter Streit, eine mögliche Trennung, Drohungen und ein überaus hässlicher Tod. Über die wirkliche Ursache vom Ableben des Ex-Gatten können wir als Zuschauer nur spekulieren. Alex Garland lässt uns nur so weit an Harper heran, um eigene Zusammenhänge erahnen zu können. Von der unglaublich berührenden Jessie Buckley sehen und erleben wir lediglich Reaktionen. Aber ihr persönlicher Blickwinkel bleibt uns verwehrt.

Es ist ein Film der Spekulationen, so etwas wie ein Markenzeichen des Filmautoren. Nur das es zum Beispiel bei seinen populärsten Filmen EX MACHINA und AUSLÖSCHUNG eine klärende Aussage gibt. MEN ist da wesentlich radikaler. Jedes Bild scheint eine Metapher, viele Bilder sind definitiv Metaphern. Manche erklären sich sofort, und andere erst im gesteigerten Spannungsbogen. An dieser Stelle gilt die Frage, ob es verwerflicher Spoiler ist, oder alter Hut, dass siebeneinhalb (!) der nur 13 Filmfiguren von einer einzigen Person dargestellt sind.

Was Harper gleich vom ersten Tag an auf dem Lande erlebt, ist weniger Horror als vielmehr Terror. Ein nackter Mann verfolgt sie, versucht auch in ihr Feriendomizil einzudringen. Die Polizistin ist hilfreich, ihr männlicher Kollege merklich abweisend. Die Männer in dem kleinen Dorf haben allesamt eine befremdliche Ähnlichkeit, sind aber im Charakter auffallend strikt getrennt. Eine merkwürdige Ablehnung, bis hin zur offenen Feindseligkeit, bringen Harper an eine psychische Grenzerfahrung.

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Es ist bemerkenswert, wie beherrscht Rory Kinnear seine verschiedenen Figuren glaubhaft macht, aber noch bewundernswerter wie dies mit der gesamten Makeup- und Prothesen-Crew exzellent umgesetzt wurde. Es gibt die Ausnahme eines misslungenen Deep-Fake-Effekts, doch durch seine optische Disharmonie gewinnt dies einen zusätzlich verstörenden Faktor. Das alles mit Harpers Trauma über den Verlust ihres Ex-Gatten zusammenhängt, ist weniger die Überraschung. Überraschend ist die Vielzahl der daraus resultierenden Deutungsmöglichkeiten.

Alex Garland ist so einer, den man im Geschäft gerne Handwerker nennt, weil er genau weiß was er tut. Das muss nicht unbedingt mit der Erwartungshaltung seines Publikums einhergehen. Er weiß auf was es in einer Szene ankommt, er weiß wie man die richtigen Akzente setzt. Und er beweist immer ein Gespür für die Genre-Mechanismen, ohne trivial zu werden. Rob Hardy an der Kamera und Jake Roberts sind gespenstisch gute Langzeitkollaborateure, die maßgeblich Garlands Reputation als Filmautoren stützen.

MEN steht und fällt mit seiner 15 minütigen Auflösung. Hier spaltet sich das Publikum (wer den Film gesehen hat, versteht auch diesen Kalauer). Garland steuert seinen Film in ein radikales Ende, das Begeisterungsstürme auslösen wird, aber gleichsam Zuschauer abstößt. Sicher ist, dass MEN sehr viel Diskussionsstoff liefern wird, wie der Filmemacher es auch gemeint haben muss, der selbst konsequent eine mögliche Interpretation verweigert.

Ist es Harpers traumatisiertes Wesen, welches das gespenstische Szenario auslöst, oder ist der Film gar ein Appell für mehr Selbstbestimmung. Ist es eine Metapher für maskuline Vorherrschaft, oder verfolgt sie tatsächlich der Schatten ihres Mannes. Sind es Schuldgefühle, oder ist es Befreiungsschlag. Kopfsache oder Realität. MEN ist atmosphärisch hervorragendes Thriller-Kino, spannend und mit herausfordernden Anspruch.

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Darsteller: Jessie Buckley, Rory Kinnear, Paapa Essiedu, Gayle Rankin, Sarah Twomey, Zak Rothera-Oxley und Sonoya Mizune
Regie & Drehbuch: Alex Garland
Kamera: Rob Hardy
Bildschnitt: Jake Roberts
Musik: Geoff Barrow, Ben Salisbury
Produktionsdesign: Mark Digby, Dominic Hailstone (Konzept)
Großbritannien / 2022
100 Minuten

Bildrechte: MEN FILM RIGHTS LLC
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