THE LOST KING

Lost King 3 - Copyright X VERLEIH AG– Bundesstart 05.10.2023
– Release 07.10.2022 (Irland)

Es müsste eigentlich eine sichere Sache sein, sollte man als Freund britischer Dramödien meinen. Jene obskure Filmform, die ein Drama mit leicht humoristischen Ansätzen erzählt. Keine herzzerreißenden Dramen, aber dennoch mit Tiefgang. Das Dreiergespann Steve Coogan, Jeff Pope und Regisseur Stephen Frears haben das vor zehn Jahren 2013 mit PHILOMENA geschafft. Die gelobte und geliebte Geschichte einer älteren Frau, die mit Hilfe eines Journalisten ihren Sohn ausfinden machen möchte, der ihr vor vielen Jahrzehnten weggenommen wurde.  PHILOMENA ist eine wahre Geschichte, deswegen umso bewegender. Die Geschichte von Philippa Langley beruht ebenfalls auf einer wahren Begebenheit. Diese rüttelt an den Grundfesten von britischer Geschichte, und der in Stein gemeißelten Verbindung zu ihrem Chronisten – William Shakespeare.

Beeindruckt von einer Theatervorstellung von ‚Richard III‘, sieht sich Philippa Langley, eine Büroangestellte mit chronischem Fatigue-Syndrom, mit einer umstrittenen Frage konfrontiert: War der bucklige und  deformierte Thronräuber Richard III wegen seiner körperlichen Beeinträchtigung so kaltblütig und  mordlustig? Der 1485 in einer Schlacht gefallene Richard war nie standesgemäß beerdigt, seine letzte Ruhestätte nicht überliefert. Mit Beharrlichkeit und gegen alle Widerstände, will die Amateurhistorikerin das Grab finden, und vielleicht sogar beweisen, dass er ein legitimer König war.

Es ist schon ein sehr britisches Stück Geschichte, dass sich die Autoren und der Regisseur vorgenommen haben. Der Ausgang ist hinlänglich bekannt, für die, die es bewegt. Einige Fakten dürften dennoch interessant sein. Frears versucht auch einige Teile wie eine Puzzle-Spiel im Sinne eines Romans von Dan Brown zu inszenieren. Faktensammlungen, Erkenntnisse, Abwägungen, Ausschlussverfahren, zwei verlässliche Quellen, die ganz neue Perspektiven eröffnen. Der Hauch des Mystery-Thrillers will sich aber nicht so richtig entfalten. Viel zu unspektakulär ist die an die realen Abläufe gehaltene Spurensuche.

Richtige Freude hingegen, macht die geisterhafte Erscheinung von Richard, in vollem Ornat oder eiserner Rüstung auf dem Schlachtfeld. Er ist Philippas treibende Motivation, wenngleich imaginäre Begleitung auf ihrem Weg. Philippas Phantasie hat ihn nach dem Schauspieler geschaffen, den sie am Anfang im Theater als Richard gesehen hat. Der geniale Kunstkniff ist Harry Lloyds fantastische Darstellung als hässlich rachsüchtiger Richard wie ihn Shakespeare der Menschheit beschrieben hat, und ebenso als würdevoller König mit charismatischer Zurückhaltung, wie ihn Philippa in Wahrheit vermutet.

Lost King 1 - Copyright X VERLEIH AG

Stephen Frears legt bei seinen Arbeiten immer sehr viel Wert auf eine sehr natürliche Darstellung ohne technische Spielereien in Bild und Ton. Bis auf Ausnahme mit Richards Erscheinung, fehlt aber der Inszenierung genau dieses Gefühl für das Wunderbare und des Staunens. Obwohl Coogan und Pope ohnehin die Fakten (wie immer aus dramaturgischen Gründen) gebogen haben, um mit der professionellen Archäologie-Abteilung der Leicester University eine Art Feindbild aufzubauen. Zumindest im Film sind die Akademiker verbohrte Traditionalisten, die einer ungelehrten Philippa gar nichts zugestehen wollen.

Der intellektuelle Streit zwischen Profis und Amateurin führt immer wieder zu herben Rückschlägen. Da hätte gerade im Finale die faktische Beugung unbedingt etwas ausgeprägter oder inszenatorisch gesteigert werden müssen. Denn was Frears mit Abweichung von realen Vorkommnissen an Spannung und Drama aufbaut, kann der Film mit seinem sogar antiklimaktischen Ende gar nicht einlösen. Hier fügt er sich  wieder der Realität seiner strittigen Interpretation, wer letztendlich wirklich für die Ausgrabung verantwortlich ist. Obwohl 100 Minuten lang eindeutig Stellung bezogen wurde.

Obwohl Sally Hawkings üblicherweise als Darstellerin gefeiert wird, gelingt es ihr nicht die Wesenszüge einer chronisch Kranken, vom Gatten getrennten Mutter, und getriebenen Idealistin in differenzierter Weise spannend auszugestalten. Da grätscht dann auch noch Co-Autor und Darsteller Steve Coogan hinein, der sich mit Philippas Mann selbst eine sehr komplexe Figur auf den Leib geschrieben hat, diese dann aber in harmonisierende Nettigkeiten zerfallen lässt. Dabei hätte es doch eine sichere Sache sein müssen, dass sich die Herren Frears, Coogan und Pope noch einmal zusammen tun. Was am Ende wirklich hängen bleibt ist die Erkenntnis, dass Shakespeare doch nur ein gefälliger Erzähler war, und weit weg vom belastbaren Chronisten.

Lost King 2 - Copyright X VERLEIH AG

 

Darsteller: Sally Hawkins, Harry Lloyd, Mark Addy, Steve Coogan, Lee Ingleby, James Fleet, Bruce Fummey u.a.
Regie: Stephen Frears
Drehbuch: Steve Coogan, Jeff Pope
Kamera: Zac Nicholson
Bildschnitt: Pia Di Ciaula
Musik: Alexandre Desplat
Produktionsdesign: Andy Harris
Großbritannien / 2022
108 Minuten

Bildrechte: X VERLEIH AG
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