LINOLEUM – Das All und all das

Linoleum - Copyright CAMINO FILMVERLEIHLINOLEUM
– Bundesstart 15.02.2024
– Release 24.01.2024 (US limited)

‚Es ist nicht so einfach‘, hört man immer und immer wieder im Film. Es ist ein eigenartiges Mantra, dem man auch immer wieder mit einem Lächeln zustimmen muss. Sei es der Bau einer Rakete in der Garage, oder die eigene Ehe zu retten, ‚es ist nicht so einfach‘. Aber irgendwann entgegnet der einfühlsame Nachbarsjunge Marc, dass man vielleicht gar nicht wahrhaben möchte, dass es in Wirklichkeit ziemlich simpel wäre. Das verwirrt in dem Moment, weil Filmemacher Colin West schon so viel in die emotionale Waagschale geworfen hat, dass man sich nur schwer aus der komplexen Welt des fünfzigjährigen Cameron lösen kann. Cameron macht fürs Fernsehen eine Wissenschaftssendung für Kinder. Die läuft im Mitternachtsprogramm. Aber eigentlich will er noch immer Astronaut werden. Ob das der Grund ist, warum sich seine Frau Erin von ihm scheiden lässt, kann man nicht genau sagen. Es ist nicht so einfach.

Das geringere Produktionsbudget bemerkt man, trägt aber dazu bei, umgehend höhere Erwartung in eine dafür aufwendigere Geschichte zu legen. Was glatt erfüllt wird, als gleich zu Anfang ein Auto vom Himmel fällt, und neben Cameron aufschlägt. Der Fahrer überlebt wundersamer Weise. Es ist Kent, der neue Nachbar, und er soll Camerons Fernsehshow übernehmen, die unerwartet einen angemessenen Programmplatz am Morgen bekommt. Der Sohn von Kent ist Marc, der denkt, dass es manchmal doch auch einfach sein kann. Marc geht mit Camerons Tochter Nora zur Schule. Die beiden Jugendlichen verstehen sich gut, und eine Beziehung wird absehbar.

Colin West erzählt zügig, und mit der natürlichen Ausstrahlung seiner Protagonisten, hält er auch die Aufmerksamkeit ständig hoch. Was er allerdings seinem Publikum mit diesen nur leicht verschrobenen Figuren ausdrücken will, weiß er für lange Zeit mit sehr gut platzierten Einstreuern zu kaschieren. Plötzlich fällt noch etwas vom Himmel. Dieses mal ist es das Triebwerk einer Apollo-Kapsel. Für Cameron ein Ansporn sich für seinen Traum als Astronaut selbst eine Rakete zu basteln. Für Erin ein guter Grund die Scheidung voranzutreiben. Nicht nur merkwürdige Vorfälle reichern die Geschichte an, sondern auch die zunehmend wundersamen Beziehungen der Charaktere untereinander.

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Manchmal wahrt der Regisseur eine merkwürdige Distanz, und manchmal ist er auch bis zur Befremdlichkeit nahe dran. LINOLEUM nimmt immer wieder traumwandlerische Züge an, die den Eindruck vermitteln, als wolle sich die Geschichte selbst nicht auf Sein oder Schein festlegen lassen. Allerdings fehlt es dem Film an technischer Finesse. Der Schnitt von Keara Burton wirkt sehr oft beliebig, weil ein Rhythmus fehlt, um Szenen atmosphärisch zu unterstützen. Genauso wenig setzt Ed Wus Kamera irgendwelche Akzente, obwohl sie gerne einen verspielten Eindruck macht. Aber eine visuelle Struktur wäre gerade im Zusammenhang mit der Auflösung wunderbar gewesen.

Colin West hat einen Film gemacht der die existenziellen Fragen nach Bauchgefühl und Verstand, oder Lebensentwurf und Träumerei stellt. In seinem kühnen Entwurf eröffnet West im Verlauf verschiedene Zeitebenen, die sich aber alle in einer linear verschmelzen. Da ist eine Tochter die eigene Mutter, und es erklärt sich, warum einer der Söhne in jeder Szene von einem anderen Darsteller gespielt wird. Das ist selbstredend verwirrend, aber LINOLEUM wird dadurch auch unglaublich poetisch, wenn sich ein jugendliches Paar nur verliebt, weil sie sich als Erwachsene nicht trennen. Es wird in den letzten Minuten nur etwas viel auf einmal, um alle offenen Fäden zu ordnen.

Immer wieder gibt es diese verrückten Vorboten, wie das fallende Auto. Doch Colin West fängt etwas zu spät an, sein Publikum in dieses verschachtelte Konstrukt von Zeit, Raum und Metaphysik adäquat mitzuführen. Das nimmt etwas vom mitreißenden Charme, sich darin richtiggehend treiben zu lassen. Aber Charme hat diese unkonventionelle Liebesgeschichte reichlich. Am Ende enttäuscht der Filmemacher nicht. Man darf sich nur nicht dem fehlerhaften Glauben hingeben, bei einem zweiten Ansehen Logik- und Kontinuitätsfehler entdecken zu wollen. Dies ist keiner dieser Filme. LINOLEUM pfeift auf Logik und Kontinuität, manchmal ist es eben doch so einfach. Oder wie die Protagonisten immer wieder sagen: „Wir wollten etwas fantastisches machen.“

Linoleum 1 - Copyright CAMINO FILMVERLEIH

 

Darsteller: Jim Gaffigan, Rhea Seehorn, Katelyn Nacon, Gabriel Rush, Tony Shalhoub, Jay Walker, West Duchovny und Mike Gaffigan, Patrick Gaffigan, Willoughby Pyle, Levi James Chapin, William Tully, Desmond Joseph Conrad-Fern als Sam u.a.

Regie & Drehbuch: Colin West
Kamera: Ed Wu
Bildschnitt: Keara Burton
Musik: Mark Hadley
Produktionsdesign: Mollie Wartelle
USA / 2022
101 Minuten

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