THE SOCIAL RECKONING

Social Reckoning - (c) SONY PICTURES– Release 07.10.2026 (world)

Fast zwei Jahre nach dem von President Trump befeuerten Sturm auf das U.S. Capitol durch Aufständische, wurde das KI-Modell ChatGPT kostenlos öffentlich gemacht. Noch einmal vier Jahre später hat uns diese Technologie regelrecht überrollt. Nicht nur ChatGPT, sondern unzählige KI-Modelle. In nur vier Jahren kamen unbedarfte Nutzer von einem spielerischen, durch Neugierde beflügelten Nutzen, zu einem Werkzeug scheinbar unkontrollierbarer Manipulation. Zu jener Zeit, in der „The Social Reckoning“ spielt, wurde öffentlich, dass bereits Mark Zuckerbergs ‚Facebook‘ ein Werkzeug zur Zerschlagung der Zivilisation war. Wäre Aaron Sorkins „The Social Reckoning“ bereits 2022 erschienen – die Zeit, in der die Facebook-Files veröffentlicht wurden – hätte er mit Sicherheit noch sehr viel bewirken können. Doch dieser Film kommt schlichtweg vier Jahre zu spät.

2019: Jeff Horwitz ist investigativer Journalist beim Wall Street Journal. Obwohl mehr auf Politik als auf Technologie spezialisiert, soll er einen Artikel über die Social-Media-Plattform Facebook schreiben. Zur gleichen Zeit ist Frances Haugen Produktmanagerin im Civic-Integrity-Team von Facebook. Hinweise auf einen äußerst bedenklichen Missstand im Algorithmus werden von der Führungsspitze ignoriert. Ein Algorithmus, der wenig bis kaum etwas gegen Fehlinformationen, Menschenhandel, Drogen-Kartelle, oder andere negativen Einflüsse unternimmt – diese sogar fördert.

Der sehr politisch orientierte Drehbuchautor Aaron Sorkin hat auch David Finchers sensationellen „The Social Network“ geschrieben. Weil Fincher leider nicht aus seinem Vertrag mit Netflix konnte, übernahm Sorkin selbst die Regie. Aus naheliegenden Gründen durfte das Projekt nicht länger warten. Aber genau das ist es, was „The Social Reckoning“ fehlt: David Finchers ständig unbehagliche, aber auch unterschwellig bedrohliche Atmosphäre, die stets durch raffinierte Kameraführung und Montage, mit seiner Tonebene und exzellenter Schauspielführung entsteht.

Sorkin erzählt auf zwei Zeitebenen. 2019, wenn Frances Haugen durch die Weitergabe von geheimen Dokumenten an Jeff Horwitz, zur Whistleblowerin wird. Und 2021, wenn sich Mark Zuckerberg mit einem Tross von Sprachtrainern, persönlichen Assistenten, Stil-Beratern, Strategiemanagern und einem argumentativen Sparringspartner auf eine Anhörung vor dem U.S. Senat vorbereitet. Die eine Zeitlinie beeinflusst erzählerisch immer wieder die andere. Aaron Sorkin ist wahrlich kein David Fincher, und darüber ist sich der jetzige Regisseur absolut im Klaren, der „The Social Reckoning“ in Ton und Stil ganz bewusst anders inszeniert als „The Social Network“.

Social Reckoning 3 - (c) SONY PICTURES

Die eigentliche Stärke ist ohnehin das Buch, und was es dem ausgezeichneten Ensemble zu tun gibt. Mark Zuckerberg ist ein asozialer Egomane ohne jedes Feingefühl, der tatsächlich schon zu seiner eigenen Karikatur geworden ist. Jesse Eisenberg hat ihn in „Network“ noch als unüberlegt blabbernden, unsicheren Parasiten typisiert, lehnte aber ein weiteres Mal wegen starker Antipathien gegen eben diese zu spielende Person ab. Jeremy Strong spielt Zuckerberg als evolutionäre Variante von Eisenbergs Interpretation. Der kaltherzige Unternehmer hat den Status erreicht, in dem er weder argumentieren, noch jemanden Rechenschaft ablegen muss. So unbeweglich sich Jeremy Strong zeigt, spürt man aber in jeder Faser den unberechenbaren Soziopathen in der Figur.

Frances Haugen ist eine Frau, die belastende Papier öffentlich macht und einen Skandal provoziert. Doch sie tut das, gerade weil sie von der grundsätzlichen Idee Facebooks überzeugt ist – Menschen zusammen zu bringen. Jeff Horwitz muss dieses Wissen trotz seines Mangels an Verständnis über Unternehmensstruktur und Algorithmen aufarbeiten. Hass, Antisemitismus, Rassismus und Gewalt sind die Motoren, die Klickzahlen, Likes, Neukunden, und damit viel mehr Geld generieren. Das Facebook – und damit Zuckerberg – dies bewusst macht, gilt es nachzuprüfen und zu beweisen.

Wie es für eine nicht zu lesende Figur wie Zuckerberg einen extrem nuancierten Darsteller braucht, den Jeremy Strong perfekt liefert, braucht es für Haugen und Horwitz zwei Darsteller, welche die filmische Eindimensionalität in den Rollen charismatisch aufwerten. Mikey Madison und Jeremy Allen White spielen wie direkt aus einem Frank Capra Film heraus, mit spürbarer Freude, emotionaler Eindringlichkeit, und sehr viel Sympathie. Bei anderen Darstellern wären es undankbare Rollen, die dem Publikum die Sachverhalte verständlich machen müssen.

Wie sich Madison und Allen die Bälle zuwerfen, wie sie in ihrer Gegensätzlichkeit schlichtweg zueinander passen, das ist einfach wunderbar anzuschauen. Es täuscht auch viel über die fehlende Intensität hinweg, die durch den fürchterlich beißenden, realen Hintergrund angebracht wäre. Doch sie schaffen es, die grundsätzlichen Sachverhalte verständlich zu erklären. Mit den beiden parallel laufenden Zeitlinien relativiert sich viel von der oftmals gelösten Stimmung des Films, die teilweise auch mit bitterbösem Humor angereichert ist. Auf billige Kalauer wird aber verzichtet.

Social Reckoning 1 - (c) SONY PICTURES

In den künstlerisch technischen Kategorien fehlt eindeutig die eigenständige Sprache in der Bildgestaltung von Jeff Cronenweth und der Montage von Alan Baumgarten. Beide sind fokussiert und angemessen auf den Punkt. Es gibt zwei Kamerafahrten, im Prolog und in den Redaktionsräumen, die sogar verdeutlichen, wie viel eindringlicher und zeitgleich unbehaglicher eine erweiterte Ebene in Bild und Schnitt sein würde. Allerdings ist es letztendlich die Erzählstruktur, die den Film mit ihren dramaturgischen Übergängen trägt. Wir begreifen diese Geschichte in ihrem Umfang, weil sich ihre beiden Erzählebenen gegenseitig aufbauen, auch rückwärts wirkend.

Im Wechsel begreifen wir Haugens und Horwitz Ausführungen und Veröffentlichungen, und bekommen Zuckerbergs kaltschnäuzige Wirtschaftlichkeit gegenübergestellt. Damit werden wir auch verstehen, dass wir nach „The Social Network“ nicht nur nichts dazugelernt haben, sondern mit einem Lächeln immer tiefer hineinklicken. Herzstück sind zwei ausgedehnte Streitgespräche zwischen Strongs Zuckerberg und Bill Barrs fiktiven Charlie (Vorbild: Der reale Roger McNamee). Es sind Dialoge – entsprechend gespielt – die es einem eiskalt den Rücken rauf und runter laufen lassen.

„Reckoning“ ist bei weitem kein „Network“ – und das ist vielleicht auch gut so. Der erste Film hat noch die Frage gestellt, „wisst ihr, worauf ihr euch einlasst?“. Jetzt sagte Aaron Sorkin mit einer Brise Sarkasmus in den Fakten, „ihr wolltet doch nicht hören!“. Der Film ist wichtig, auch wenn er bereits seiner eigenen Zeit hinterher ist. Wir sind bereits in der Welt verhaftet, vor der uns dieser Film warnen sollte. Seine Relevanz hat das Thema allerdings nicht verloren, und wird es auch nicht.

Die Lösungen sind so einfach, und doch nicht durchführbar. Tief in unser Herzen wissen wir, dass Katzenvideos zwingend sind, aber Gewalt, Rassismus, oder Desinformation viel mehr Macht generieren. Wir möchten auf die Katzenvideos nicht verzichten, aber auch nicht auf unser Recht, der freien Meinungsäußerung. Wessen Problem ist es dann, wenn sich andere währenddessen radikalisieren? Was übrigens mit den neuesten KI-Modellen alles noch viel einfacher und schneller geht.

Social Reckoning 2 - (c) SONY PICTURES


Darsteller: Jeremy Allen White, Mikey Maddison, Jeremy Strong, Betty Gilpin, Bill Burr, Billy Magnussen, Patrick Fischler u.a.

Regie & Drehbuch: Aaron Sorkin
Kamera: Jeff Cronenweth
Bildschnitt: Alan Baumgarten
Musik: Alexandre Desplat
Produktionsdesign: Jon Hutman
USA / 2026
112 Minuten

Bildrechte: SONY PICTURES
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