WILDWOOD

Wildwood - (c) CAPELIGHT PICTURES

– Bundesstart 05.11.2026 – Release 21.10.2026 (US)
PREVIEW 31.10.2026, Cineplex, Fürth

Man sagt sich, im Kino wären alle Geschichten schon einmal erzählt. Und es ist etwas Wahres daran. Jeder neue Film ist nur eine Variation von all den bereits erzählten Geschichten. Wie die Geschichte eines Mädchens, welches auf wundersame Weise in eine magische Welt gerät. Dort muss sie einen selbst begangenen Fehler korrigieren, um Unheil von der Welt abzuwenden. Bis das Mädchen merkt, dass es nie ein Zufall war in diese Welt gekommen zu sein, und das ihr Handeln schon immer vorbestimmt war. Tatsächlich gibt es keine wirklich neuen Geschichten im Kino. Es ist nur eine Frage WIE diese erzählt werden. Und das zeigt „Wildwood“: Ein Wunderwerk an Handwerk, Kunst, und Filmtechnik – und sehr viel Magie.

Der Film spielt in Portland, Oregon, USA. Portland ist auch die Heimat des Stop-Motion-Filmstudios Laika, dass „Wildwood“ gemacht hat – ‚produziert‘ wäre ein viel zu klinischer und wirtschaftlicher Begriff, um der Leistung gerecht zu werden. Trotz aller Warnungen nimmt Teenagerin Prue ihren Baby-Bruder Mac beim Babysitten mit nach draußen. Prompt wird Mac von einer Krähenschar entführt. Zeuge dieser bizarren Misere wird ausgerechnet Curtis, Prues Mitschüler und lästiger Nerd. Zusammen verfolgen sie die Krähen, über den Stadtrand hinaus, hinein in die „undurchdringliche Wildnis“. Ein Gebiet, welches eigentlich durch einen Zauber vor Menschen geschützt sein sollte. Eine Welt mit Menschen und anthropomorphen Tieren.

Wildwood a- (c) LAIKA

Bereits in den ersten fünfzehn Minuten drängt sich bohrend die Frage auf, ob all das auf der Leinwand tatsächlich Stop-Motion-Tricktechnik sein kann. Es ist Laikas achter Film und sechster Langfilm, am bekanntesten durch ihren Erstling „Coraline“. Und „Wildwood“ sprengt jeden Rahmen, der bisher in diesem Genre erreicht wurde. Ein kurzer Abriss an Notizen aus dem Studio selbst: Gefertigt wurden 233 Puppen und 126 verschiedene Sets. Über 1000 Künstler, Handwerker, Techniker und Filmemacher arbeiteten daran, davon 49 Animatoren, welche die Figuren für jedes der 24 Bilder pro Filmsekunde bewegten. Der Film wurde in 231 Wochen ‚produziert‘, und 2804 Einstellungen gedreht. Ein gewöhnlicher Actionfilm hat 2500 bis 3000 Einstellungen.

Die Gouverneurin Alexandra hat Mac entführen lassen. Mit ihrer Armee vermenschlichter Kojoten will sie die Macht über die ‚undurchdringliche Wildnis‘ an sich reißen. Doch dazu fehlt ihr ein Kind. Ein Kind als Menschenopfer um den alten Efeu wiederzuerwecken, der den Wald unterjochen könnte. Dahinter steckt allerdings viel mehr als nur Gier nach Macht. Alexandra ist von einem Schicksalsschlag gebrochen, den sie einfach nicht überwinden kann. Der Film geht dabei in eine emotionale Tiefe, die eher ungewöhnlich für einen Film dieser Gattung ist. Nicht einmalig, aber ungewöhnlich.

Wildwood b - (c) LAIKA

Travis Knight ist Mitbegründer und Produzent von Laika, sowie Regisseur der Laika-Produktion „Kubo: Der tapfere Samurai“. Bei „Wildwood“ ist es Regisseur Travis Knight inhaltlich nicht gelungen eine in sich geschlossene Stimmung zu schaffen. Manche Szenen machen einen ausgeprägt naiven Eindruck, wie die Szenen mit Prues Eltern. Dann wieder schlägt die Handlung einen stark fordernden Bogen zu Themen wie moralischer Verantwortung, Kindstod, und Krieg. Die eher kindlichen Sequenzen sind glücklicherweise weit spärlicher gesetzt. Sie tun nicht weh, wirken aber deplatziert, gerade weil der Film sich nicht scheut, seine 12er Altersfreigabe voll auszuschöpfen. Das darf als Warnung verstanden werden: Diese Altersfreigabe ist geboten.

Ist die gezeigte Gewalt notwendig, oder die Düsternis der Handlung gerechtfertigt? Sie ist zumindest ehrlich, und nimmt sein junges Publikum somit auch in die Pflicht. Es ist kein ultra-brutales Spektakel, oder deprimierende Melancholie. Mit Septima, der verschlagenen Ratte, und Dmitri, dem Seite wechselnden, trotteligen Kojoten, bringt der Film auch herrlich frischen Wind und wunderbare Lacher auf die Leinwand. Inhaltlich und stimmungsmäßig zeigt sich Travis Knights Film sehr vielfältig. Und bleibt eben auch die altgediente, aber immer wieder gern gesehene Geschichte der abenteuerlichen Reise einer unbedarften Heldin in fantastische Welten.

Wildwood c - (c) LAIKA

Was diese Reise so fantastisch macht, ist seine opulent überragende Visualität. Die atmosphärisch überwältigende Bildführung von Caleb Deschanel. Ein die Szenen definierender, das Tempo bestimmender Schnitt von Christopher Murrie-Green. Und Dario Marianellis freie Musikuntermalung, die nicht fest an musikalischen Themen orientiert ist, sondern sich entweder mit Pop, oder auch orchestral sehr stimmig an die einzelnen Sequenzen anpasst. Doch es gibt auch zwei Gesangseinlagen, die wenig zur Stimmung beitragen – ehrlicher gesagt: Ein Verzicht wäre besser gewesen.

Und dann eben die Stop-Motion-Animation. Jedes Bild, jede Einstellung wird hier zu einem kleinen Wunder. Und in jeder Einstellung gibt es was zu Bestaunen. Die Details bei Puppen und Kulissen sind in ihrem Reichtum nicht zu überbieten. Die Bewegungen der Figuren – ob Gestik oder Mimik – sind fließend real. Lediglich den Bewegungen zu Pferd merkt man die Animationstechnik an, allerdings nur, weil alle Anderen so tadellos sind. Es gibt Settings, mit 30 oder 40 Figuren die gleichzeitig animiert werden. Die Kompositionen von CGI und den Figuren sind ohne Makel, und visuell immer wieder überwältigend. Wobei noch einmal ausdrücklich betont sein soll, dass bei den Puppen und ihrer Animation kein Computer zum Einsatz gekommen ist. Als Fantasy-Abenteuer mag „Wildwood“ nicht die originellste Geschichte sein. Aber seine tricktechnische, visuelle, und künstlerische Umsetzung, und das gewaltige Zusammenspiel aller Gewerke ist eine Ode an das große Kino, und wofür es erfunden wurde.

Wildwood d - (c) LAIKA


Deutsche Synchronsprecher werden im Abspann genannt, sind aber im Presseheft nicht aufgeführt

Darsteller:
Pexton Elizabeth Lee – Prue
Jacob Tremblay – Curtis
Carey Mulligan – Alexandra
Marhershala Ali – Brendan
Awkwafina – Septima
Angela Bassett – Der General
Amandla Stenberg – Niameh
Tom Waits – Maksim
Richard E. Grant – Eule Rex
Blythe Danner – Seer
u.a.

Regie: Travis Knight
Drehbuch: Chris Butler
nach der illustrierten Novel von
Colin Meloy & Carson Ellis

Kamera: Caleb Deschanel
Bildschnitt: Christopher Murrie-Green
Musik: Dario Marianelli

Character-Design: Thibault Leclercq
Animationsleitung: Brad Schiff
Character & Practical Effects: Oliver Jones
Produktionsdesign: Nelson Lowry

USA, Großbritannien, Kanada / 2026
132 Minuten

Bildrechte: CAPELIGHT / LAIKA
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Im Kino gesehen abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Schreibe einen Kommentar