WIR KAUFEN EINEN ZOO

Benjamin Mee ist erfolgreicher Journalist und Witwer mit zwei Kindern. Da wird Tapetenwechsel zur selbstheilenden Selbstverständlichkeit. Ein zauberhaftes Haus auf dem Lande soll es sein. Nur dass an dem zauberhaften Haus ein heruntergekommener Zoo hängt. Für den trauernden Vater eine Herausforderung, für die siebenjährige Rosie ein wahr gewordener Traum, für den dreizehnjährigen Dylan eine Katastrophe. Aber, wie sollte es bei einer Geschichte mit dieser Prämisse auch anders sein? Alles wird gut, alles wird anders. Cameron Crowe, der mit SINGLES, JERRY MAGUIRE und ALMOST FAMOUS die perfekten Filme für junge Erwachsene drehte, inszenierte mit WE BOUGHT A ZOO seinen ersten Familienfilm. Und verbissen nahm er seine Aufgabe viel zu ernst.

Zuerst muss man einen Blick auf das Ensemble werfen, um den Film einigermaßen rechtfertigen zu können. Matt Damon ist einfach der perfekte Schwiegersohn, dem man den BOURNE-Killer genauso abnimmt wie den verzweifelten Witwer. Maggie Elizabeth Jones als unbekümmerte Siebenjährige entpuppt sich als Offenbarung in ihrer Natürlichkeit. Thomas Haden Church war schon tiefgründiger, weiß seine vorhersehbare Rolle aber perfekt zu akzentuieren. Und dann ist da selbstverständlich Scarlett Johansson, die gewöhnlich mit ihrer natürlichen Präsenz in noch so unterfordernden Rollen zu überzeugen versteht. Doch in WE BOUGHT A ZOO wird sie derart unterfordert, dass sie zu allen Dialogen und Entwicklungen ihres Gegenparts Benjamin Mee immerzu nur milde lächeln und stumm zustimmen darf. Gerade an Johanssons Tierpflegerin wird schmerzlich erkennbar, dass ausgerechnet Cameron Crowe mit ZOO scheitert, wo eigentlich seine Filme bisher immer durch geschliffene Charakterbilder überhaupt erst funktionierten.

Aber ZOO ist ein Familienfilm, und nicht die ehrliche Betrachtung einer jungen Generation innerhalb ihrer Zeit, wie bei SINGLES oder ALMOST FAMOUS. Beide letztgenannte Filme hätten nicht einmal eine Geschichte benötigt, weil allein die Figuren und ihre Entwicklung sie so ungemein spannend machten. Jetzt folgt der typische Familienfilm nun einmal ganz anderen Gesetzen. Und weil Cameron Crowe ein Mann ist, der seine Arbeit sehr ernst nimmt, hat er sich, wie man am Ergebnis sieht, nicht getraut, diese Gesetze aufzubrechen, obwohl er selbst am Drehbuch arbeitete. Dadurch verliert der Film an Tiefe und verwehrt sich der Möglichkeit nach wesentlich intelligenterem Kino, als der gewöhnliche Familienfilm bereit ist zu geben. Dabei bietet allein der Hintergrund von privat geführten Tiergärten mehr als genug Potenzial.

Technisch gesehen ist ZOO ein tadelloser Film. Und wie in einem Film von Crowe nicht anders zu erwarten, ist auch die Musik mit Eigenkompositionen und einer stimmungsvollen Auswahl eine gelungene, weil wirkungsvolle Komponente. Aber was als Geschichte umgesetzt wird, ist weit von jeder Glaubwürdigkeit oder auch ernstzunehmenden Unterhaltung entfernt. Das fängt mit dem bockigen Pubertäts-Bengel an, der tatsächlich von einem aufgeschlossenen Mädchen gleichen Alters bekehrt wird, bis hin zu dem von Anfang an erwarteten Wenn-du-es-baust-werden-sie-kommen-Moment. Ein fieser, durchtriebener Bürokrat darf dabei genauso wenig fehlen wie die obligatorischen Szenen, wo der Hauptdarsteller in Situationen gerät, vor denen vorher ausdrücklich gewarnt wurde. Tiefgründigere Charakterzeichnungen bleiben meist aus oder sind nicht konstant durchgespielt, wobei viele Figuren sowieso nur statistische Qualitäten haben oder zu albernen Stereotypen herabgesetzt werden. Eine kritische Auseinandersetzung der eigentlichen Thematik bleibt gleich ganz aus. Eine einseitige Stellungnahme wäre dabei nicht einmal notwendig gewesen, nur der Ansatz eines bewussten Für und Widers wäre schon hilfreich gewesen.

Gute, attraktive Darsteller retten einen einfallslosen Film mit verkorkstem Plot vor dem totalen Verfall. Da wäre mehr drin gewesen, viel mehr. Gerade von einem Mann wie Cameron Crowe. Nur weil Familie draufsteht, muss man niemanden unterfordern. Dabei liegen alle Zutaten für etwas Anspruch und etwas mehr intelligentem Kino direkt vor den Augen der Zuschauer, ohne dass der Regisseur diese nutzt. Es hätte den erwachsenen Zuschauern  gut getan und den jungen nicht geschadet.

Darsteller: Matt Damon, Scarlett Johansson, Thomas Hayden Church, Patrick Fugit, Colin Ford, Elle Fanning , Maggie Elizabeth Jones, John  Michael Higgins, Angus MacFadyen u.v.a.
Regie: Cameron Crowe
Drehbuch: Cameron Crowe, Aline Brosh McKenna
Kamera: Rodriego Prieto
Bildschnitt: Mark Livolsi
Musik: Jonsi
Produktionsdesign: Clay Griffith
USA / 2011
zirka 124 Minuten

Bildquelle: 20th Century Fox
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