FFH 20: THE TRUE HISTORY OF THE KELLY GANG

True History Kelly 1, Copyright IFC FilmsTHE TRUE HISTORY OF THE KELLY GANG
– Fantasy Filmfest Night 11.07.2020
– ab 20. August 2020 Blu-ray / DVD

FFN20_kleinDer Besprechung beruht auf der britischen DVD-Fassung
Der Film beginnt mit der Wahrheit. Und diese erste Schrifttafel geht in den Titel über. Das bedeutet für den Zuschauer, dass er sich in einer frechen Komödie befindet, oder in einem dramaturgischen Experiment. Mit Sicherheit ist TRUE HISTORY keine Komödie. Das einzige Lächeln, welches einen überkommt, geht einher mit einem leichten Gefühl der Unsicherheit während des Abspanns. Ned Kelly ist sicherlich kein australischer Volksheld, auch wenn er einen gleichermaßen weiten Bekanntheitsgrad genießt. Kelly und seine Bande gelten als die berüchtigtsten Verbrecher, welche Australien bis heute hervorgebracht hat. Die Sorte, die man Bushranger kennt. Gesetzlose, die Überfälle im Schutz der kargen und fruchtlosen Einöden verüben, wo sie sich gleichzeitig auch versteckt halten. Davon will aber Shaun Grants Drehbuch sehr wenig wissen, und Justin Kurzels Regie ist erst gar nicht daran interessiert.

True History Kelly 2,Copyright IFC Films

Der Film teilt sich in drei Akte auf, die Kindheit, der Mann, und das Ende. Aber auch das ist relativ, weil Kurzel ohnehin chronologisch erzählt. Bei  einem Film über Australiens übelsten Verbrecher, glaubt man im heutigen Kino kaum mehr mit Samthandschuhen angefasst zu werden. Und tatsächlich ist das auch so. Aber wirklich ganz anders, als man nach den ersten 30 Minuten vermuten möchte, oder zu hoffen wagte. TRUE HISTORY ist brutal, blutig, rücksichtslos und sehr kalt in der Beziehung zwischen Hauptfigur und Zuschauer. Als Beobachter wird man normalerweise geführt, emotional begleitet, eine Verbindung sollte entstehen. Doch der Film funktioniert lediglich wie ein Aquarium, in das man ohne Erklärung hineinsieht. Aber genau wie bei Aquarien, kann man sich auch hier einer gewissen Faszination nicht entziehen. Obwohl sich die Handlung wie ein sich ständig selbst überholendes Panoptikum von Fragmenten sprunghaft einem unvermeidlichen Ende nähert.

Wie einen Fiebertraum präsentiert die Inszenierung überwältigende Bilder, zusammenhanglos wirkende Dialogszenen, brutale Einschübe von Gewalt. In seiner konzeptionellen Struktur wirkt TRUE HISTORY wie ein einziger Anachronismus, Kostüme wirken zu modern, Waffen scheinen zu alt, die Musik sucht beim Punk seine Wurzeln, und das australische Charaktere von Briten gespielt werden, muss man hinnehmen. Worum es dem Film in erster Linie geht, dass sind Beziehungen, und wie sie einen prägen. Unentwegt wird sich gestritten, aufeinander eingeprügelt, sich umarmt, und die Liebe heraufbeschworen. Freunde betrügen sich, und Gegner werden zu Verbündeten. Eine Mutter verkauft ihren Sohn um den Rest der Familie über Wasser zu halten, und dennoch wird die Liebe ungebrochen bleiben. Frauen prostituieren sich, Männer werden benutzt. Die Welt des Ned Kelly ist eine sehr verrückte, aber die Regie sieht keinen Grund, eine Ordnung darin herzustellen. Immer und immer wieder muss man als Zuschauer auf sich selbst gestellt Bilder und Sequenzen entschlüsseln und einordnen.

Dabei umgeht der Film ganz radikal, was man in diesem Genre eigentlich erwarten dürfte. Die Gang ist von einem auf den anderen Schnitt aus heiterem Himmel existent. Man sieht keine Überfälle. Wie sich der Ruf von Ned Kelly begründet bleibt unerwähnt. Motivationen für die Gewalt muss man sich selbst erarbeiten. Und trotzdem kann man sich der Faszination über THE TRUE HISTORY OF THE KELLY GANG nicht entziehen. Allein die elektrisierende Energie von George MacKay ist schwer zu beschreiben, und wie er mit seiner entfesselten Präsenz jeden Moment zu seinem eigenen macht. Es ist zweifellos eine spannende Erfahrung, mit der dieser Film einhergeht. Aber nie fehlerfrei und nicht immer nachvollziehbar.

True History Kelly 3, Copyright IFC Films

 

Darsteller: George MacKay, Orlando Schwerdt, Charlie Hunnam, Russell Crowe, Essie Davis u.a.
Regie: Justin Kurzel
Drehbuch: Shaun Grant
Nach dem Roman von Peter Carey
Kamera: Ari Wegener
Bildschnitt: Nick Fenton
Musik: Jed Kurzel
Produktionsdesign: Karen Murphy
Australien – Großbritannien – Frankreich
2019 / 124 Minuten

Bildrechte: IFC FILMS
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