ROAD HOUSE

Road House 1 - Courtesy AMAZON PRIME VIDEO– Release 21.03.2023 PRIME VIDEO

Sollte es tatsächlich einen Unterschied zwischen einem Remake und einer Neuinterpretation geben, erschließt er sich in dieser Neuauflage nicht. Und es spielt auch keine Rolle. Auch wenn Rowdy Herringtons Film von 1989 einen sogenannten Kult-Status hat, kann eine Modernisierung nach über dreißig Jahren wohl keinen Schaden anrichten. Die Sinnhaftigkeit von Remakes ist längst kein Thema mehr, Gott hat uns freien Willen gegeben einzuschalten oder es zu lassen. Ohne Zweifel steht in diesem Fall Jake Gyllenhaal für das Einschalten. Leider. Denn Doug Limans Version des harten Rausschmeißers sollte von MGM eigentlich ins Kino gebracht werden, wo ROAD HOUSE tatsächlich auch hingehört. Aber MGM gehört ja seit geraumer Zeit Amazon, und die sind mehr an exklusivem Content für Prime Video interessiert. Schande über die Entscheidungsträger. Oder wie ein wütender Doug Liman sie beschreibt: Die, die nicht an Filmen interessiert sind, sondern daran, wie man mit Filmen mehr Toaster verkauft.

Der ehemalige UFC-Sportler Dalton wird von Barbesitzerin Frankie angeheuert, ihre eigentlich fluorierende Musikkneipe irgendwo in den Florida Keys vom pöbelnden und randalierenden Abschaum frei zu halten. Der lehnt erst ab, und nimmt dann nach einem Zeichen Gottes doch an. Dalton ist jener schweigsame, aber mysteriöse Held, der sich mit einer Aura des Unnahbaren umgibt, im Alleingang alles richtet und wieder verschwindet. Die hiesige Buchhändlerin setzt Dalton ins Bild eines klassischen Western. Was auch nicht verkehrt wäre, aber Dalton ist doch unmissverständlich einer dieser stereotypen Einzelkämpfer aus dem B-Kino der 1980er. Nur in exzessivem Hochglanz.

Das Western-Motiv wird noch des öfteren zitiert, als wolle man davon ablenken wessen Geisteskind ROAD HOUSE von 2024 ist. Aber das kann er nicht, nicht eine einzige Szene in Doug Limans Inszenierung kann davon ablenken. Ganze, für die Fans von damals meist ikonische Dialogsätze sind vorhanden. Mancher Szeneaufbau ist dem Original entsprungen. Doch das ist weder angestaubt noch altbacken. ROAD HOUSE ist modernisiert, wie man einen Film nicht besser für das aktueller Kino inszenieren kann. Und er bekommt dabei zwei Gesichter. Es ist das Beste was eine Neuausrichtung bringen kann, aber gleichzeitig das Schlimmste was solche Filme ins Trash-Kino hob.

Jake Gyllenhaal ist in absoluter Bestform, bei der man vergeblich vergleichbare Rollen in seinen bisherigen Filmen sucht. Dalton ist ein Mann mit einer Unbeschwertheit, die ihn absolut unberechenbar macht. Selbst ohne seinen perfekt trainierten Oberkörper zu entblößen, spürt man den allzeit bereiten Kämpfer und Knochenbrecher. Aber die Höflichkeit gegenüber seiner Gegner ist echt, welche er nach dem Kampf selbstlos ins Krankenhaus fährt. Dalton ist eine Figur wie sie nur vollkommen losgelöst von allen Zwängen des Realismus existieren kann, aber genau dadurch Glaubwürdigkeit erlangt. „Gewinnst du jeden Kampf“, wird er gefragt. „Niemand gewinnt bei einem Kampf.“

Gyllenhaals außergewöhnlich einnehmende Verkörperung des besonnenen Mixed-Martial-Arts-Kämpfers mit dunkler Vergangenheit, täuscht aber nicht über die massiven Schwächen von ROAD HOUSE hinweg. Zu diesen Schwächen zählt aber keineswegs die visuelle Gestaltung. Doch es hat einen Grund, warum Franklin für ihr Etablissement einen besonderen Türsteher, sprich Rausschmeißer benötigt. Der lokale Gangsterboss Ben Brandt will das Grundstück auf dem das ‚Road House‘ steht, weswegen seine Handlanger immer wieder Gäste terrorisieren, um diese fern zu halten. Für so eine reduzierte Prämisse braucht es aber auch originell geschriebene Figuren, und noch bessere Darsteller.

Hier kommt der Trash-Faktor des Films vollends zum tragen, weil die Neuinterpretation des Stoffes keine interessanten Figuren vorgesehen hat. Und die Macher auch nicht im Geringsten versuchen das mit Darstellern zu kompensieren. In ROAD HOUSE tummeln sich nur verbrauchte Stereotypen aus dem abgewetzten Blaupausen-Katalog. Die Darsteller sind nicht unbedingt schlecht, ihre Charaktere bekommen nur einfach nichts tun. Als Liebesbeziehung Ellie hat Daniel Melchior einfach verloren, weil sie mit Gyllenhaal keinerlei Chemie aufbaut. Billy Magnussen kann als hysterischer Gangsterboss nur viel krakeelen, ohne eine Chance vom Publikum ernst genommen zu werden.

Road House 1 - Courtesy LAURA RADFORD - PRIME VIDEO

Mit der Figur des Auftragsschlägers Knox schießt Regisseur Liman weit über das Ziel hinaus. Durch mutmaßlich (unbestätigt) gute Verbindungen von Produzent Joel Silver zum UFC-Zirkus, konnten Sequenzen für den Film während eines realen Wettbewerbs gedreht werden. Daher wahrscheinlich auch die krude Idee den irischen Mixed-Martial-Arts-Champion Conor McGregor als prügelnden Gegenspieler zu besetzen. McGregors erster Film ist das wohl lächerlichste Debüt, dass man als Einsteiger erfahren kann. Was aber ganz eindeutig nicht ihm zuzuschreiben ist. Die extrem überzogene, daher groteske Darstellung des Knox ist ein klares Versagen von Limans Schauspielführung.

Wenn man sich darauf einlässt – wer will das nicht, wenn er so einen Film wählt – kann ROAD HOUSE auch richtig viel Spaß machen. Die körperlichen Auseinandersetzungen sind brutal, schmerzen förmlich allein beim zusehen, und sind kameratechnisch exzellent choreographiert. Hier kommt Gyllenhaals Physis atemberaubend gut zur Geltung, und die eigentlich beschauliche Ruhe des Charakters gewinnt an unerwarteter Tiefe. Selbst wenn die fantastische Dynamik der Kämpfe durch eine neue Aufnahmemethode von offensichtlich Computer generierten Sequenzen unterstützt werden musste. Doch der wahre Grund, warum ROAD HOUSE ins Kino gehört hätte, ist Henry Braham.

Eine zu Recht bemerkenswerte Reputation hat Kameramann Braham unter anderem mit FLYBOYS, THE GOLDEN COMPASS, oder den GUARDIANS OF THE GALAXY u.n.v.m. erlangt. Seine gestalterische Konzeption ist stets für das Kinoformat ausgelegt, hier mit einem Seitenverhältnis 2,39:1. Und in ROAD HOUSE gibt es keine Kompromisse. Jede Einstellung ist ein Motiv, mit visueller Substanz, in das einen der Braham hineinzieht. Ob Landschaften, Interieur, Portraits oder Detailaufnahme, alles fügt sich der für die Wahrnehmung bestmöglichen Effektivität. Gesichter sind niemals zu groß, und die Totalen nutzen vollständig den Raum für Orientierung, oder grandiose Beauty-Shots.

Aber vor allem lebt der Film durch Brahams ununterbrochen bewegte Kamera, die selbst in den Kämpfen unermüdlich um die Figuren kreist. Elegische Überflüge bei Landschaften und Gewässern generieren die Anmutung von naturalistischer Räumlichkeit. Die konsequent mitreißende Dynamik der Bildgestaltung lässt zwischen den Schlägereien oftmals auch den hanebüchenen Plot vergessen. Denn dieser Film kann auch nicht erklären, warum ein rücksichtslos brutales Gangstersyndikat mit Waffen und dutzenden von Handlangern, den Fremden nicht einfach über den Haufen schießt. Vielleicht weil es Jake Gyllenhaal ist, und dem schaut man schon sehr gerne 120 Minuten beim Brechen von Knochen zu – „Ich habe Angst davor, was passiert, wenn mich jemand zu sehr reizt. Jemand wie du. Weil ich weiß, was als nächstes passiert.“ – ROAD HOUSE ist kein wirklich guter Film, aber er befriedigt ausgezeichnet die niederen Instinkte des losgelösten Testosteron-Kinos. Ein Kino welches er trotz allem verdient hätte.

Road House 2 - Courtesy LAURA RADFORD - PRIME VIDEO

Darsteller: Jake Gyllenhaal, Billy Magnussen, Daniela Melchior, Lukas Cage, Jessica Williams, Joaquim de Almeida, Arturo Castro, Conor McGregor u.a.
Regie: Doug Liman
Drehbuch: Anthony Bagarozzi, Chuck Mondry
nach dem Drehbuch von Lance Hill, Hilary Henkin
Kamera: Henry Braham
Bildschnitt: Doc Crotzer
Musik: Christophe Beck
Produktionsdesign: Greg Berry
USA / 2024
121 Minuten

Bildrechte: AMAZON PRIME VIDEO
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