Anthony Hopkins – ONE LIFE

One Life American Art - Copyright WARNER BROS– Bundesstart 28.03.2024
– Release 21.12.2023 (It)

Dies ist ein Film, der getrieben wird von leider viel zu oft genutzten Zitaten und Lebensweisheiten. Im Jahr 1938 tritt die Tschechoslowakei das Sudetenland an Deutschland ab. Die jüdische Bevölkerung flüchtet in das noch freie Prag. Der britische Börsenmakler Nicholas Winton kommt als freiwilliger Helfer nach Prag, zum Büro des Britischen Komitees für Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei. Winton ist entsetzt über die Zustände in den unterversorgten Flüchtlingslagern, wobei ihn besonders die Schicksale der Kinder bewegen.“Fange nichts an, was Du nicht zu Ende bringen kannst“, wird Nicholas gewarnt, dennoch ist er besessen mit dem Prager Büro Kindertransporte nach England zu organisieren. Für jedes einzelne Kind sind die bürokratischen Hürden und finanziellen Vorleistungen enorm, Pflegefamilien extrem schwer zu finden. Aber auch hier wird motivierend zitiert: „Wenn etwas nicht unmöglich ist, dann muss es einen Weg geben, es zu tun!“

An vielen Stellen ist ONE LIFE einfach zu plakativ, und verliert dadurch an einer emotionaleren Bindung. Kaum ein Handlungselement überzeugt mit einem neuen, oder gar überraschenden Individualität. Mit der ersten, sensationellen Staffel von SLOW HORSES hat Regisseur James Hawes demonstriert, dass nicht nur eine intelligente Geschichte oder außergewöhnliche Figuren ausschlaggebend sind. Am wichtigsten ist eine gegenseitig stützende Verzahnung beider Elemente, um modernes Fernsehen erfolgreich zu machen. Bei ONE LIFE verschreibt sich Hawes zu sehr dem Charakter der wahren Geschichte, was ihn merklich zur Zurückhaltung in der Inszenierung veranlasst.

Zu keinem Zeitpunkt ist ONE LIFE ein schlechter, oder uninteressanter Film. Es ist ein Film mit viel Herz, sehr engagiert, durch seine exzellente Besetzung nie langweilig. Aber er hat leider nur wenig, was ihn von ähnlich gelagerten Filmen abhebt. Zu jenem Wenigen zählt Anthony Hopkins als alter Nicholas ‚Nicky‘ Winton im Jahr 1988. Wie ebenfalls sehr oft bemüht, erzählt sich die Geschichte auf zwei Zeitebenen. Johnny Flynn spielt Nicky Winton in 1938, der sich in Sprache und Ausdrucksform Hopkins grandios annähert, aber seine eigene, charismatische Präsenz bewahrt. Hopkins und Flynn sind in ihrer  Ausdrucksstärke genau die Darsteller, die einen Film wie ONE LIFE erst ausmachen.

1988 ist Winton bereits 78, noch immer sozial engagiert und sehr umtriebig. Während seine Frau auf Reise geht, nutzt er die Zeit Büro und Garage von Unmengen alter Akten und Unterlagen zu befreien. Dabei reflektiert ‚Nicky‘ in sehr ausgedehnten Rückblenden die damaligen Ereignisse, mit all seinen Erfolgen, aber auch sehr vielen Rückschlägen und Tragödien. Zuerst scheinen die Passagen aus 1988 wie eine typische Rahmenhandlung, die Hopkins eine Plattform geben soll, um den Film mit großem Namen aufzuwerten. Tatsächlich entpuppt sich diese Rahmenhandlung aber als die interessantere Ebene. Hier offenbart sich ein Nicholas Winton entgegen der üblichen Filmdramaturgie.

One Life 3 - Copyright SQUAREONE ENTERTAINMENT - Courtesy of FILMSTARTS

Die Vergangenheit zeigt eine schon oft gesehene, rastlos ehrgeizige Heldenfigur. Die Probleme, Repressalien, und bürokratischen Hindernisse werden über intensivierte Dialoge angerissen, und mit schnellen, plakativen Bildmontagen gelöst. Dank Hawes konzentriert temporeicher Inszenierung ist das nicht unspannend, und durchaus bewegend. Besonders neu oder überraschend ist es aber nicht. Als die Deutschen letztendlich doch in Prag einfallen, greift der Film gerne auf inszenatorische Blaupausen zurück. Soldaten brüllen, die Bilder suggerieren Orientierungslosigkeit, Kinder schreien, die Schnittfrequenz ist sehr hoch. Was bedrohlich sein soll, erscheint eher hektisch.

Bewundernswert sind Sets und Ausstattung, die Epochen, Örtlichkeiten, und Ereignisse greifbar machen. Das Team um Produktionsdesignerin Christina Moore überzeugt nicht mit überfrachtetem Aufwand, aber mit unglaublich vielen kleinteiligen Details, welche die Atmosphäre des Films beständig halten. Verdrehter Weise sind es die 1988er-Sequenzen, die wegen ihrer Zeitnähe von dreißig Jahren, die intensivere Verbindung zum Publikum aufbauen. Grandios sind die perfekten Rekonstruktionen der zwei ‚That’s Life‘ Sendungen, als Nicholas Winton mit den Menschen überrascht wird, die durch seinen Einsatz als Kinder nach England gebracht werden konnten. Und mutmaßlich überlebten.

Für diejenigen die dereinst ‚That’s Life‘ gesehen haben, oder die Sendungen durch YouTube kennt, wird die Rekonstruktion ein echter Gänsehautmoment, wie unglaublich nahe Athony Hopkins dem echten, 2015 verstorbenen Nicholas ‚Nicky‘ Winton kommt. Johnny Flynn mag da als junge Ausgabe nicht weiter weg sein, so oder so überzeugt der gebürtige Südafrikaner durch Intensität und gleichzeitigem Feingefühl. Aber entgegen der anfänglichen Erwartung, wird ONE LIFE in der zweiten Hälfte eindeutig zu Hopkins‘ Film. Weit über 600 jüdische Kinder wurden aus der Tschechoslowakei durch Wintons Initiative in Sicherheit gebracht, aber seine Reise ist damit noch lange nicht zu Ende.

Die dichte, aber formelhafte Erzählung der damaligen Ereignisse wird abgelöst von Wintons eigener Odyssee, die 50 Jahre danach noch weitergeht. Er ist kein gebrochener Mann, sondern weiterhin voller Energie. Und Regisseur Hawes verzichtet zum Glück darauf, Wintons inneren Konflikt zu dramatisieren. Die Authentizität eines Anthony Hopkins reicht, um diese Figur eindeutig zu machen. Überzeugt, er hätte seinerzeit mehr tun können, hat er sich bis ins hohe Alter in andere Projekte vertieft. ‚That’s Life‘ wird zur Katharsis, die ein Freund schon vorher beiläufig mit dem Spruch aus dem Talmud vorweggenommen hat: „Wer auch nur eine Seele rettet, rettet die ganze Welt.“

In vielen Momenten machen es sich die Autoren wie auch die Regie etwas zu einfach. Sie setzen auf dramaturgische Versatzstücke in der Erzählung und inszenatorische Stilmittel der ganz alten Schule. Für die korrekte Nachzeichnung der Ereignisse ist das absolut funktionell, und es schmälert an keinem Punkt die enorme Bedeutung der Geschichte. Doch mehr Mut zur kreativeren Umsetzung und dramaturgischer Eigenständigkeit hätten den Film als solchen wesentlich interessanter und allgemein zugänglicher gemacht.

One Life 2 - Copyright SQUAREONE ENTERTAINMENT - Courtesy of FILMSTARTS

 

Darsteller: Anthony Hopkins, Lena Olin, Johnny Flynn, Alex Sharp, Romola Garai, Samantha Spiro, Michael Gould, Helena Bonham Carter u.a.
Regie: James Hawes
Drehbuch: Lucinda Coxon, Nick Drake
nach dem Buch von Barbara Winton
Kamera: Zac Nicholson
Bildschnitt: Lucia Zucchetti
Musik: Volker Bertelmann
Produktionsdesign: Christina Moore
Großbritannien / 2023
109 Minuten

Bildrechte: WARNER BROS / SQUAREONE ENTERTAINMENT
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