WHALEFALL

Whalefall - (c) 20th CENTURY STUDIOS– Release 14.10.2026 (world)

Es gibt diesen Film, der warb mit der Schlagzeile „100% wissenschaftlich akkurat“, was nichts weiter als ein Werbegag war. Und da gibt es diesen Film, der ist tatsächlich wissenschaftlich 100% akkurat. Doch „Whalefall“ wirbt nicht damit, weil es auch irrelevant für sein zentrales Thema wäre. Dennoch haben sich Romanautor Daniel Kraus und Regisseur Brian Duffield über diverse Meeresbiologen und Walforscher abgesichert. Noch bevor der Roman veröffentlicht wurde, haben Kraus und Duffield zusammen das Drehbuch geschrieben. Es ist ein sehr geradliniges, ein sehr konventionell scheinendes Drehbuch. Vielleicht haben auch deshalb übereilige Idealisten die Notwendigkeit verspürt, in ihren Besprechungen zuerst einmal den Begriff ‚Whalefall‘ erklären zu müssen. Warum das an dieser Stelle nicht passiert, nennt man neudeutsch Spoiler, denn es ist die existenzielle Auflösung dieses Films.

Jay hat ein sehr gespaltenes Verhältnis zu seinem Vater Mitt, ein todkranker Fischer, der sich trotz großartiger Familie dem Meer verschrieben hat. Anstatt in einem Krankenhaus dahin zu vegetieren, nimmt sich Mitt lieber selbst das Leben – auf See. Doch nun hat die Familie auch nichts zu beerdigen. In einer irrationalen Entscheidung will Jay nach den sterblichen Überresten seines Vaters tauchen. Dabei kommt er der Jagd eines Pottwals nach einem Tintenfisch in die Quere, und wird dabei vom Wal verschlungen. Mit nur 60 Minuten Sauerstoff muss Jay einen Ausweg finden.

Erneut erlebt man Austin Abrams in einem nur vermeintlich obligaten Mainstream-Horror, nach „Weapons“ und „Resident Evil“. Streng genommen wäre „Whalefall“ kein Horror, aber gefangen im Verdauungstrakt eines Pottwals ist nun einmal blankes Entsetzen. Austin Abrams überzeugt auch hier, trotz seiner 30 Lebensjahre, mit einer unschuldig scheinenden Jugendlichkeit. Dadurch wird die unscheinbare Heldenfiguren nur ansprechender. Das Abrams hier weit intensiver um sein Leben kämpfen muss als in „Resident Evil“, macht ihn zu einer greifbaren Identifikationsfigur.

„Brian Duffields Film funktioniert aber nicht allein durch die spürbaren physischen Anstrengungen und dem natürlichen Spiel seines Hauptdarstellers. Ein Film wie „Whalefall“ funktioniert in erster Linie durch die absolute und kompromisslose Hingabe an die Idee. Ein Film wie dieser, mit einer Handlung wie dieser, ist zuerst einmal pures Trash-Kino. Doch Duffield lässt sich davon nicht beirren, im Gegenteil, mit jeder Minute ist seine Kompromisslosigkeit auf der Leinwand zu sehen und erleben. Fokussiert auf den Terror, den Überlebenswillen, die spirituelle Erfahrung.

Austin Abrams ist als Jay in jeder Szene präsent, mit Ausnahme der Außenaufnahmen des Pottwals. Doch selbst als der Wal von anderen Tieren bedrängt wird, kann Jay im Inneren jede Bewegung spüren. Ein atemberaubendes Set-Design macht den Verdauungstrakt für die Zuschauenden real und für Jay zur Todesfalle. Ein sich ständig bewegendes Organ, das sich dehnt und wieder zusammenzieht – und einmal Jay auch in den zweiten Magen mit der Verdauungssäure drückt. Es ist ein schwindelerregendes Fest – wahrlich nicht nur für Klaustrophobiker. Unterbrochen werden die diversen Stufen des Terrors von Rückblenden mit Jay und seinem Vater Mitt.

Whalefall a - (c) 20th CENTURY STUDIOS

Auch diese Rückblenden überraschen in ihren Ausführungen. Es sind keine Weisheiten, oder zusammenhanglose Streitgespräche. Mitt erklärt mit derber Stimme eines Fischers das Meer und die Welt darin, dennoch wird in diesen Szenen die Beziehung zwischen Vater und Sohn sehr präzise aufgedeckt. Es sind Erinnerungen die Jay in seiner mehr als misslichen Lage helfen, und Erinnerungen, die dem Publikum viel über die beiden erzählen. So behält die Inszenierung ihr sehr straffes Tempo.

Von dem Moment an, wenn Jay mit seinem Tauchanzug ins Wasser steigt, machen Kamera und das beunruhigende Ton-Design deutlich, dass das Wasser nicht das Element des Menschen ist. Immerzu ist der Herzschlag des Pottwals zu hören. Die Geräusche unter Wasser und auch im Inneren des Wals mögen reale Tonebenen abbilden, klingen aber nicht wie von dieser Welt. Adam Mortons Kamera verzichtet unter Wasser auf mögliche Hochglanz-Fotografie. Die Bilder bleiben entweder unbestimmt bedrohlich oder werden zu surrealen Spielen von Licht und Schatten.

Im Magen bleibt die Kamera fast schon unangenehm nah an Jay. Egal mit wie viel Trash-Charakter sich die Geschichte anfangs präsentiert, nach und nach wird selbst das Unwahrscheinliche irrelevant. Brian Duffield macht keine Zugeständnisse an gegebene Möglichkeiten, den Film gefälliger oder gar mit mehr Elementen noch weiter zu erhöhen. Duffield versetzt die Zuschauenden in Jays erschreckend absurde Situation, da wird die Glaubwürdigkeit der Geschichte schlichtweg egal. Wir sind bereits mittendrin und so nah an Jay dran, als würden wir diese Erfahrung selbst machen.

Brian Duffield erreicht mit seinem Film etwas, dass uns zutiefst erschreckt und bewegt. Er geht eine gerade Linie, allen Verführungen zum Trotz, mehr sein zu können – verrückter, kreischender, blutiger. Doch am Ende stellen wir erstaunt fest, dass es keine abgefahrene Horrorgeschichte ist – wobei Thriller angebrachter wäre. Erst verschmelzen wir mit der Erzählung, dann mit Jay, und schließlich wir und Jay mit dem Wal, wenn Mitts Stimme aus den Rückblenden im Hier und Jetzt aus dem Wal selbst kommt. Dann wird eine unwahrscheinliche Geschichte plötzlich auf surreale Weise real.

Nichts was wir hier sehen ist bisher passiert, aber es könnte genau so geschehen. Doch diese Erkenntnis ist zum Ende hin schon lange nicht mehr relevant. Mitt erklärt dann seinem Sohn was Whalefall bedeutet, und dieser Thriller wandelt sich zu einem poetischen Metapher für das Leben. Das ist weder kitschig, noch unangebracht. Brian Duffield überzeugt mit seiner bizarren Prämisse, weil er trotz allem nichts anderes gemacht hat, als einen atemberaubenden, furchteinflößenden, und verrückt verdrehten Thriller – der weit über den Bootsrand hinausschaut.

Whalefall b - (c) 20th CENTURY STUDIOS


Darsteller: Austin Abrams, Josh Brolin, Elisabeth Shue, Jane Levy, John Ortiz, Emily Rudd u.a.

Regie & Drehbuch: Brian Duffield
nach dem Roman von Daniel Kraus
Kamera: Aaron Morton
Bildschnitt: Pietro Scalia
Musik: Joseph Trapanese
Produktionsdesign: Ramsey Avery
Neuseeland, Kanada, USA / 2026
106 Minuten

Bildrechte: 20th CENTURY STUDIOS
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