– Bundesstart 08.10.2026
– Release 17.09.2026 (AUS)
Es ist 1990: Auf den Philippinen (oder ‚in den Philippinen‘ – je nach Präferenz) lernen sich Josephine ‚Jo‘ und Raissa in der Schule kennen. Jo ist Waise und wird von Tante Lola großgezogen. Raissa ist Tochter aus wohlhabendem Haus. Eine typische Kombination für starke Freundschaften. Von Tante Lola kommt auch die Sage der vergessenen Insel Nakali, welche sie oft besucht haben will. Ein fantastisches Reich mit mystischen Wesen. Die Freundschaft von Jo und Raissa vertieft sich immer weiter. Für jedes ihrer Erlebnisse teilen sie Freundschaftsbänder als Erinnerung. Und sie suchen immerzu am Strand nach jenem Seeigel, der die Pforte nach Nakali öffnen wird. Zehn Jahre vergehen, und für die Freundinnen wird mit Studium und Arbeit der Ernst des Lebens beginnen. Genau da findet Jo diesen einen Seeigel. Anstatt Abschied zu feiern, fallen sie durch die Pforte nach Nakali, und hier ist alles wahr, was Tante Lola von fantastischen Wesen erzählt hat.
Joel Crawford und Januel P. Mercado arbeiten bei DreamWorks Animation seit „Kung Fu Panda 2“ zusammen. Sie sagen – und das bietet sich auch PR-mäßig an – ihre Freundschaft hätte viel Inspiration für „Forgotten Island“ gebracht. Ein Film den sie folgerichtig zusammen geschrieben und inszeniert haben. Herausgekommen ist ein überladenes Feuerwerk an Farben, Bildern und Formen – und Ideen, die das Ganze zu einem schwindelerregenden Abenteuer machen.
Auf der magischen Insel treffen Jo und Raissa auf einen Meerjungmann, einen Dämon in Gestalt eines Babys, oder auch Raww – ein Werhund, der seine menschliche Gestalt nicht mit einem Wolf, sondern Straßenköder teilt. Diese, und noch viel mehr, sind Figuren aus der philippinischen Folklore. Wie auch Batiba, ein Geist der sich von Erinnerungen anderer nährt, und auch die von Jo und Raissas haben möchte. Im Gegenzug würde Batiba ihnen auch den Weg zurück in die wirkliche Welt weisen. Allerdings wären die Freundinnen aller ihrer gemeinsamen Erinnerungen beraubt.
Der Wertekurs und die moralische Grundlage des Films könnten nicht offensichtlicher sein. Es ist wahre Freundschaft und emotionale Verbundenheit – die hier durch die gemeinsamen Erinnerungen gegeben ist. So leicht sich das Anliegen des Autoren- und Regieduos auch herauslesen lässt, ist es doch in der schrillen und ausufernden Inszenierung angemessen und überhaupt nicht aufdringlich eingebettet. Denn eines muss dem Betrachtenden bewusst sein: Die Macher geben von Anfang an Gas, und anstelle von Verschnaufpausen, geben sie bis zum Ende noch mehr Gas.
Jo und Raissa sind zwei Frauenfiguren mit ausdrucksstarkem und nachvollziehbarem Charakter. Die eine vielleicht ein wenig gefestigter im realen Leben, die andere von Natur aus sehr freigeistig. Es sind Identifikationsfiguren die ansprechen, noch dazu, weil hier auch ein Lebensabschnitt von zehn Jahren abgedeckt wird. Sie leben in einer knallbunten Welt, die in eher gewöhnlicher 3D-Animation von DreamWorks-Animation zum Leben erweckt wird. „Spider-Verse“ stand hier sicherlich Pate, wenn der Film immer wieder zu von Anime inspirierten 2D-Animation wechselt, die vom philippinischen Trickstudio Snipple Animations in Manila gefertigt wurden. Die 2D Bilder dienen zur Visualisierung von Emotionen, oder symbolisieren Rückblenden.
Die unerbittliche Energie, welche der Film nicht nur ausstrahlt, sondern auch beim Zuschauen abverlangt, ergibt sich aus James Ryans gnadenlos hoher Schnittrate. Sie als dynamisch zu bezeichnen wäre reichlich untertrieben. Doch die Bildführung liefert auch genau die richtigen Bilder dazu. Kein Bild, keine Einstellung ist willkürlich, nur manchmal viel zu kurz, aufgrund des außergewöhnlichen Tempos. Extreme Close-ups, verkantete Einstellungen, Farbwechsel, verzerrte Weitwinkelaufnahmen, Schärfenverlagerung… Fast jede Einstellung ist noch einmal mit anderen Motiven unterschnitten. Was Bild und Schnitt leisten kann gar nicht näher am Zeitgeist sein.
Doch „Forgotten Island“ ist keinesfalls ein überlanger Tik-Tok-Ableger, sondern beherrscht eben die visuelle Sprache seines Zielpublikums. Wenngleich er in seinem atemlosen Überschwang den Eindruck hinterlässt, die Macher hätten aus Versehen für Jugendliche einen ausgeflippten Kinderfilm gemacht. Doch in diesem Rausch der Sinne steckt die starke, weil wichtige Botschaft, Freundschaft nicht einfach nur zu würdigen, sondern Erinnerungen als wertvolles Fundament des Lebens zu schätzen. Das ist tiefgründig und herrlich anzuschauen, verlangt danach aber nach ein paar Stunden Entspannung.
Darsteller:
Magdalena Höfner – H.E.R.: Josephine ‚Jo‘
Gabrielle Pietermann – Liza Soberano: Raissa
Tim Schwarzmeier – Dave Franco: Raww
Maximiliane Häcke – Jenny Slate: Batiba
Manuel Straube – Manny Jacinto: Bungi
Anna Dramski – Lea Salonga: Manang
u.a.
Regie & Drehbuch: Joel Crawford & Januel P. Mercado
Bildschnitt: James Ryan
Musik: Nathan Matthew David
Produktionsdesign: Ryan L. Carson
Japan, USA / 2026
109 Minuten

