– Bundesstart 05.11.2026
DCM Digitales Kino, Screener, 25.09.2026
Seit ihrer Kindheit sind Kasih, Saya und Hani beste Freundinnen. Dies ist ihre Geschichte. Erst zwanzig Minuten in den Film hinein wird der Filmtitel eingeblendet. Bis dahin hat man ein ungefähres Verständnis, warum der Film diesen sperrigeren Titel braucht. Milena Aboyan hat den gefeierten Roman von Shida Bazyar adaptiert. Es ist das Spielfilmdebüt der Absolventin der Filmakademie Baden-Württemberg, die in Armenien geboren und in Deutschland aufgewachsen ist. Sie ist also keine dieser Gutmenschen, die glauben mit brisanten Themen die Welt retten zu können. Sie kennt ihre Figuren und deren Geschichten, wenn es um Zugehörigkeit und Identität geht. Somit ist „Drei Kameradinnen“ ein sehr wütender Film. Das will aber in den ersten Minuten gar nicht so wahrgenommen werden. Da macht der Film den Eindruck einer Hip-Hop-Version eines Problemfilms der „Drei Freundinnen“ heißen könnte.
Kasih (Manal Raga a Sabit) ist die Erzählerin der Geschichte, sie spricht aus dem Off, und manchmal durchbricht sie auch die vierte Wand. Sie ist die Vernunftbegabte, die Besonnene. Hani (Brikena Ray) ist die Unsichtbare, sie will nicht auffallen und es jedem recht tun. Und dann ist da Saya (Bayan Layla), sie ist die Impulsive, die Laute, eine, die nach Gerechtigkeit schreit. Am Anfang des Films wird Saya verhaftet, weil sie Feuer in einem Wohnhaus gelegt hat, und 14 Menschen gestorben sind.
Aboyans Film hat zuerst einen unnatürlich leichten Ton. Das macht ihn genauso leicht zugänglich, aber er fesselt nicht. Es ist Teil eines verzwickten Konzeptes, denn diese Geschichte gibt nur vor eine zu sein. War Saya radikalisiert, als sie beschloss das Haus anzuzünden? Alles deutet darauf hin. Alles was wir sehen und hören. Oder glauben zu sehen und zu hören. Kasih willigt in ein Fernsehinterview ein, das eine aufdringliche Reporterin fordert, um das Wesen ihrer Kameradin Saya zu erklären. Diese Episode ist das unglaubwürdigste Element des Films, weil unrealistisch.
Dieses Interview führt allerdings eine der elementarsten Aussagen der Grundidee dieses Films. „Fangen wir chronologisch an die Geschichte zu erzählen“, fordert Meret Becker als Journalistin. „Ein Kreis hat keine Chronologie“, antwortet Kasih scharf. Hochhaussiedlung, Menschen aus zwanzig verschiedenen Ländern. Ein Mikrokosmos voller kaum zu trennender Vorurteile und Wahrheiten. Die Regisseurin verwirrt zunächst, weil die Episoden von zehn Jahren Lebensgeschichte der drei Kameradinnen und deren Umfeld, sehr sprunghaft und ohne erkennbare Ordnung erzählt wird.
„Ein Kreis hat keine Chronologie“. Regisseurin Aboyan verwirrt noch mehr, weil sich die Erzählung auch immer wieder zu widersprechen scheint. Erst in unscheinbaren Details, bis einem klar wird, dass hier irgendetwas ganz und gar nicht stimmig ist. In dieser ungewissen Stimmung, werden die Zuschauenden auch immer wieder mit ihren eigenen Vorurteilen und mit ihrem Alltagsrassismus konfrontiert. Kasih erzählt, was ein vornehmlich weißes und vor allem deutsches Publikum hören möchte. Das hat aber nicht immer etwas mit Wahrheit zu tun. Der Film geht auch nie richtig darauf ein, welche Wurzeln die drei Kameradinnen haben. Man kann es heraushören, ist aber für die Erzählung grundsätzlich irrelevant.
Der Film ist von Mortimer Hochberg fantastisch fotografiert. Er verzichtet auf extravagante Einstellungen, oder kameratechnische Tricks. Es wäre auch ein leichtes gewesen, zu versuchen sich mit den Stilmitteln der jüngeren Generation (er selbst ist 38) dem Thema überzogen modern anzupassen. Doch mit seiner Bildgestaltung schafft er eine ganz eigene, dennoch ergänzende Erzählebene. Auf diese Weise bekommen die Bilder in ihrer klaren und kontrastreichen Umsetzung, mit dem energiegeladenen Schnitt von Elias Ben Engelhardt, eine eigene Bedeutung. Die Bildebene passt sich nicht den Figuren an, sondern dem Text.
Aus Ungereimtheiten und gelegentlichen Paradoxen entspinnt sich mehr und mehr ein Film mit radikaler Gegenüberstellung von zwei gesellschaftlichen Strukturen – mental und ideal. Es hat einen Grund, warum die drei fantastischen Hauptdarstellerinnen am besten sind, wenn sie unter sich sind. Manal Raga a Sabit, Bayan Layla und Brikena Ray sind drei Kameradinnen, deren Freundschaft real, und nicht gespielt wirkt. Und deren Wut und Verzweiflung ebenfalls natürlich und glaubwürdig. Die Regie unterscheidet klar zwischen den innigen Szenen zwischen den Dreien, und Spielszenen mit anderen.
Wenn Milena Aboyan in ihrem Film aufdeckt worum es tatsächlich geht, warum einiges nicht plausibel wirkt, warum sich die Szenerie manchmal widerspricht, warum wir uns in vielen Dialogen und Konfrontationen selbst hinterfragen, dann ist der Film nicht einfach nur an seinem Ziel angekommen. Dann hat er wutentbrannt und schonungslos jedes Vorurteil gegen uns selbst gerichtet. Der Film beginnt schwierig, manchmal verspielt – zu verspielt. Doch er wird spannender und zugänglicher, je mehr wir begreifen. „Drei Kameradinnen“ erzählt nicht die Geschichte von drei Frauen, sondern den Zustand einer gespaltenen Gesellschaft.
Darsteller: Bayan Layla, Manal Raga a Sabit, Brikena Ray, Meret Becker, Eugene Boateng u.a.
Regie & Drehbuch: Milena Aboyan
nach dem Roman von Shida Bazyar
Kamera: Mortimer Hochberg
Bildschnitt: Elias Ben Engelhardt
Musik: Alexander Wolf David
Produktionsdesign: Stephanie Schober
Deutschland / 2026
93 Minuten

