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Das imposanteste Bild des Films kommt gleich zu Anfang. Wenn der junge Tenzing Norgay über einen Hügel läuft, und sich aus dem Horizont die mächtige Chomolungma erhebt. Die Mutter des Universums, der Mount Everest. Die Aufnahme ist überwältigend, und kein Bild wird im späteren Verlauf diese packende Faszination wiederholen, welche allein diese Szene auslöst. In unserer Zeit ist es kaum vorstellbar, welch atemberaubende, nervzehrenden, und tödlichen Anstrengungen es zur Eroberung des Berges gebraucht hat. Wobei Haupt-Sherpa Tenzing Norgay nie von Eroberung sprechen würde, sondern von der Mutter, die ihn annimmt. Dokumentarfilmerin Jennifer Peedom schafft es, diese höllischen Anstrengungen in ihrem Spielfilmdebüt wieder ins Gedächtnis zu rücken. Über 360 Menschen sind bislang auf dem Weg gestorben, mehr als 200 von ihnen konnten Aufgrund des Risikos nicht geborgen werden. Dennoch scheint heute die Besteigung des Mount Everst kaum noch als Abenteuer zu gelten.
Um ehrlich zu sein, funktioniert „Tenzing“ wie jede gewöhnliche Biografie. Ein verträumter Außenseiter, den gegen alle Widrigkeiten, seine Berufung und Beharrlichkeit Stück für Stück an sein Ziel bringen. Tenzing Norgay wächst in ärmlichsten Verhältnissen auf, und wird als Außenseiter unterdrückt, weil er nicht aus der Region stammt. Derselbe Grund warum Tenzing eigentlich auch kein Sherpa werden sollte. Doch seit seiner Begegnung mit dem Bergsteiger George Mallory in den 1920ern, will Tenzing den heiligen Berg besuchen. Somit beginnt sein Kampf Sherpa zu werden.
Trotz ihrer feinfühligen Schauspielführung, und dem richtigen Gespür für Kinomomente, kommt hier Jennifer Peedoms Erfahrung als Dokumentarfilmerin der Dramaturgie zu Gute. Sie zeigt das harte und einfache Leben, und sie verdeutlicht den Unterschied der regionalen Kasten. Den Abriss von Tenzing Norgays Leben vom guten Kuhhirten zum missbilligten Sherpa erzählt sie einnemend. Aber Peedom verkneift sich mögliche Überdramatisierung, und verzichtet auf überzeichnete Emotionen. Wäre der Film nicht so herausragend von Stefan Duscio fotografiert, hätte der Film schon dokumentarischen Charakter. Nicht ausladend, sondern auf den Punkt.
Für den Außenseiter ist die Arbeit als Sherpa entsprechend hart. Doch dabei erwirbt er sich Kenntnisse und ein Verständnis für die Bergregion, die ihn letztendlich 1953 zum Haupt-Sherpa der britischen Expedition von Colonel John Hunt macht. Und an der ist auch Edmund Hillary beteiligt. Hunt setzt alles daran, dass es diese Expedition als erstes zum Gipfel schafft, vor dem schon so viele gescheitert sind. Der vom Wetter beeinflusste Zeitdruck bringt das Vorhaben soweit ins Wanken, dass gegen jede Planung, Hillary und Tenzing den letztmöglichen Aufstieg versuchen müssen.
Genden Phuntsok ist chinesischer Schauspieler tibetanischer Abstammung. Mit einem Namen im heimatlichen Kino, hätte „Tenzing“ ein guter Start für den internationalen Markt sein können. Allerdings bekommt er als oberster Sherpa – der Sirdar – tatsächlich zu wenig zu tun. Norgay ist ein in sich ruhender Mensch, der immer eine gewisse Zufriedenheit ausdrückt, selbst wenn sein Traum Gefahr läuft zu platzen. Und auch in den Spannungsmomenten bleibt er ein gefasster Mensch, weil er sich allen Widrigkeiten sehr genau bewusst bleibt. Das kommt perfekt dem Charakter entgegen, der nur Liebe für ‚die Göttin des Universums‘ verspürt. Als Ausdruck von Phuntsoks darstellerischem Talent ist das dann aber doch eine Spur zu wenig.
Und die Regisseurin bleibt auch auf Genden Phuntsok, beziehungsweise Tenzing. Es ist sein Film, was die Inszenierung sehr gewissenhaft nachvollzieht. Caitríona Balfe als gewitzte und faire Koordinatorin der Expeditionen. Willem Dafoe als getriebener und fast schon manischer Militarist John Hunt. Tom Hiddelston als besonnener und zurückhaltender Edmund Hillary. Und da ist auch, in der kürzesten aller Rollen, Johnny Flynn als George Mallory. Trotz dieses überaus verführerischen Ensembles, wird keiner der bekannteren Darsteller vor Genden Phuntsok gestellt. Inhaltlich und emotional steht Norgay immer im Mittelpunkt. Und das ist würdig und recht.
Zwei Drittel des Film gehören selbstredend dem gefährlichen und extrem anstrengenden Aufstieg, von Lager zu Lager, und schließlich zum Gipfel. Dabei wird keine der unzähligen Actionszenen und Spannungsmomente über- oder ausgereizt. Peedom weiß auch in der Kürze vieler Sequenzen zu verdeutlichen, wo Abenteuerlust zur Verrücktheit wird, und Natur zum ärgsten Feind. Es ist letztendlich auch der Scheideweg für Norgay, ob ihn Chomolungma aufnehmen, oder sie ihn verstoßen wird, in dem er den Gipfel nie erreicht. Stefan Duscio erreicht mit seiner Kamera nicht noch einmal die majestätische Erhabenheit des ersten Bildes von Mount Everest. Doch er führt uns mitten hinein in die Expedition, und die gnadenlosen Anstrengungen.
Es ist eine Schande, dass Apple noch so unverschämt zurückhaltend ist, für diverse Filme auch Kinofenster anzubieten. Gerade bei einem Film wie diesen. Natürlich gibt es schon einige Kinofilme, die aufregender mit mehr Budget und größerem Aufwand inszeniert wurden. Doch gerade die verschobene Lage des emotionalen Mittelpunkts, machen „Tenzing“ richtig fesselnd. Und als gebührendes Andenken an den Mann, der es letztendlich möglich machte, das heute der Aufstieg nur noch eine Frage der Finanzen ist, da wäre auch die größtmögliche Leinwand angemessen gewesen.
Darsteller: Genden Phuntsok, Tom Hiddleston, Willem Dafoe, Caitríona Balfe, Thinley Lhamo, Tenzin Jigmey, Johnny Flynn u.a.
Regie: Jennifer Peedom
Drehbuch: Luke Davies
Kamera: Stefan Duscio
Bildschnitt: Simon Njoo
Musik: Rebekka Karijord
Produktionsdesign: Melinda Doring
Australien, Großbritannien, USA / 2026
125 Minuten

