– Release 30.09.2026 (world)
„Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ zeigt die Relevanz eines Menschen und Authentizität eines Künstlers, und die gegenseitige Abhängigkeit von beiden Faktoren. „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“ beschreibt den reinen Existenzialismus eines Künstlers. Der mexikanische Filmemacher Alejandro González Iñárritu ist in diesen, seinen Filmen wunderbar abstrakt und herrlich verspielt. Beide Filme spielen zwischen äußerer Realität und Fantasy, die innerliche Realität verständlich macht. Iñárritu setzt jetzt mit „Digger“ nach, der schon im Vorfeld eine unglaubliche Welle an Diskussionen los getreten hat. Dabei ging es um die Arbeit von Maskenbildner Alessandro Bertolazzi, der mit einem neunköpfigen Team – allein für Tom Cruise – denselbigen in einen gealterten, dünnhaarigen und fettbäuchigen, aber sehr agilen Öl-Milliardär verwandelte. Und der löst – trotz aller Warnungen – mit einer seiner arktischen Bohrstationen eine globale Katastrophe aus.
Mitten im Film gibt es einen lautstarken Streit zweier Figuren, worin der Unterschied zwischen Farce und Satire läge. Es bleibt unbeantwortet, so wie Alejandro González Iñárritu sich nicht entscheiden kann, ob „Digger“ Farce oder Satire sein soll. Bestenfalls sind hier die Übergängen als fließend zu bezeichnen. Der Begriff der schwarzen Komödie entzieht sich hier vollkommen. Es gibt zwei Beispiele um deren Vergleich dieser Film nicht herumkommt. Das ist mehr als offensichtlich und -hörlich „Dr. Stranglove“, und schließlich noch Adam McKays grandioser „Don’t Look Up“.
Um an dieser Stelle verständlich zu machen, warum dieser Film weder wie das erste, und schon gar nicht wie das zweite Beispiel funktioniert, müsste etwas tiefer die Erzählstruktur von „Digger“ aufgegraben [sic!] werden. Doch dieses ‚etwas‘ würde schon viel zu viel von dem verraten, was die eigentlich angedachte Faszination von „Digger“ ausmacht. Denn Digger Rockwell streitet erst einmal ab, für diese, die Welt verändernden Katastrophen die Verantwortung zu übernehmen. Wie es Multi-Milliardäre mit ihren global agierenden Konzernen eben tun, und die Regierung tut es ihm gleich. Letztendlich bleibt Digger nur die Flucht nach vorne, um sich dann als Retter zu präsentieren.
Das ist alles unglaublich gut und hinreißend gespielt, aber furchtbar laut und mit viel Hysterie inszeniert. Was komödiantisch verstanden werden will, wird mitunter recht anstrengend. Doch die Geschichte und ihre Figuren funktioniert auf mehreren Ebenen, denn hinter dem ignoranten, brutal rücksichtslosen Digger Rockwell verbirgt sich auch eine Mensch mit Gefühlen, und Sorgen jenseits des bevorstehenden Endes der Zivilisation. Dabei wirken viele Szenen nicht schlüssig, manche inszenatorischen Entscheidungen fragwürdig. Der Humor erschöpft sich auf Boulevard-Niveau. Es wird einige Zeit vergehen, sogar sehr viel Zeit, bis deutlich wird, warum das so ist. Und warum Digger Rockwell eine animatronische Katze als echt wahrnimmt.
Keine Frage, dass man diesen Film für seine unerschrockenen schauspielerischen Leistungen in Erinnerung behalten wird. Natürlich allen voran Tom Cruise für seine Image-brechende Darstellung des Digger, der sich sehr bewusst als Karikatur austobt. Der immer gute John Goodman als Präsident, der ebenso verrückt, verdorben und weltfremd ist – aber keine Karikatur, wie die real-aktuelle Situation zeigt. Lediglich Riz Ahmed als missbrauchter Sicherheitsexperte zeigt ein komödiantisches Verständnis, das in einem normalen Rahmen ohne hysterische Auswüchse auskommt.
Doch inhaltlich zeigt sich Iñárritu mit seinen vier Co-Autoren auf einer merkwürdig einfallslosen Seite. Marodierende globale Konzerne und Demokratien mit faschistischen Auswüchsen, damit könnte man diesen Film als aktueller denn je klassifizieren. Aber wenn man Jahrzehnt für Jahrzehnt zurückgehen würde, wäre diese Aussage für jede Epoche zutreffend. Eigentlich trägt dieser Film nur Plattitüden als vermeintlich satirischen Blick auf die heutige Welt. Soweit das risikobereite Ensemble über Gebühr aus sich herausgeht, so wenig hat der Film etwas Neues zu sagen.
Er hat etwas zu sagen, durchaus, aber erzählt er auch verständlich? Ganz am Ende wird man begreifen, dass es wie in „Birdman“ und „Bardo“ auch hier um den Filmemacher selbst geht. Nicht als persönliches Portrait, oder das jemand dafür Alejandro González Iñárritu wirklich kennen müsste, doch es funktioniert als künstlerische Metapher für sein Wesen und Gewerke. Mehr bleibt aber auch nicht, dass darüber hinausgeht, auch wenn uns Emmanuel Lubezkis Kamera immer etwas anderes sagen möchte.
Der Kameramann von Iñárritus „The Revenant“ und „Birdman“ filmt hauptsächlich untersichtig, höchstens auf Augenhöhe. Das gibt den Zuschauenden ein ständiges Gefühl zu diesen übermächtigen, wenngleich absurden Figuren aufsehen zu müssen. Das schafft manchmal eine beklemmende Atmosphäre von Hilflosigkeit. Trotz guter Kontraste, gibt Lubezki dem Film eher kraftlose Farben. Die Farbgebung hingegen steht wieder im starken Kontrast [sic!] zu den phänomenalen Bauten und der grandiosen Ausstattung – Glückwunsch an die Produktionsdesigner Dennis Gassner und Richard L. Johnson. Kamera und Produktionsdesign zaubern hier oftmals visuelle Überraschungen, die staunen lassen. Besonders Übergänge von hier nicht vorwegzunehmenden Ebenen, sind schlichtweg genial. „Digger“ ist zweifelsfrei eine technische und darstellerische Besonderheit. Hätte nur der Film auch so viel zu sagen.
Darsteller: Tom Cruise, Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller, Michael Stuhlbarg, Jesse Plemons, Emma D’Arcy u.a.
Regie: Alejandro González Iñárritu
Drehbuch: Alejandro González Iñárritu, Sabina Berman, Jezz Butterworth, Alexander Dinelaris, Nicolás GiacoboneKamera: Emmanuel Lubezki
Bildschnitt: Stephen Mirrione, Conor O‘Neill
Musik: Cosma Sheldrake
Produktionsdesign: Dennis Gassner, Richard L. Johnson
Großbritannien, Mexiko, USA / 2026
129 Minuten

