DIE REICHSTE FRAU DER WELT

Reichste Frau der Welt - (c) Courtesy NEUE VISIONENLA FEMME LA PLUS
RICHE DU MONDE
– Bundesstart 23.04.2026
– First Release 20.10.2025 (FR)

Vielleicht werden sie sich noch an die Bettencourt-Affäre erinnern. Ein politischer Skandal um illegale Parteispenden in Frankreich, in den auch Präsident Nicolas Sarkozy verwickelt war. Im Rest von Europa wurde das zur Kenntnis genommen, aber weniger Bedeutung beigemessen als in Frankreich selbst. Auslöser dieser ‚Affäre‘ war Françoise Bettencourt-Meyers, die gerichtlich gegen ihre Mutter Lilian Bettencourt vorging – Nachfolgerin und Erbin des Kosmetikgiganten L’Oreal. Vielleicht hätte es auch einen guten Polit-Thriller abgegeben, doch Filmemacher und Drehbuchschreiber Thierry Klifa ist mit seinen zwei Co-Autoren viel mehr an der aberwitzigen Geschichte interessiert, welche zu dieser ‚Affäre‘ führte. Im Film heißt die reichste Frau der Welt Marianne Farrère, die den Fotografen und Künstler Pierre-Alain Fatin kennenlernt – ein extrovertierter Schmeichler, aufdringlicher Verführer, und grober Klotz.

Rund eine Milliarde Euro (!) soll der Fotograf und Künstler François-Marie Banier von Lilian Bettencourt bekommen und dann ausgegeben oder investiert haben. Im Film heißen sie Marianne Farrère und Pierre-Alain Fatin, die Geschichte ist aber fast identisch geblieben. Pierre sollte eigentlich Marianne für ein Lifestyle-Magazin fotografieren, gewinnt aber durch seine offene und aufdringliche Art ihre ganze Aufmerksamkeit – und auch ihren ganzen Gehorsam. Als zwangsläufig dominante Geschäftsführerin eines der lukrativsten Firmen der Welt, ist Marianne sehr davon angetan jemanden zu begegnen, der keine Rücksicht auf ihren gesellschaftlichen Status nimmt.

Regisseur Thierry Klifa hat das Drehbuch zusammen mit Cédric Anger und Javques Fieschi geschrieben. Es ist eine Satire geworden, keine wirklich authentische Abhandlung. Auch wenn die einzelnen Handlungselemente und deren Abfolge den wirklichen Ereignissen folgen, fühlen sich die Autoren und die Regie sehr frei in der Interpretation. Die Namensänderungen geben ihnen auch die Möglichkeit. Das Verhältnis von Marianne und Pierre-Alain funktioniert durchaus als wundervolle Parabel auf Macht, Dekadenz, Werteverfall – und in Mariannes Fall, auch auf Einsamkeit. Thierry Klifa hat daraus eine Satire gemacht – doch dieser fehlt einfach der bösartige Biss.

Pierres Einfluss auf Marianne steigt mehr und mehr. Je ausgefallener und kostspieliger seine Ideen sind, desto schneller ist sie bereit es zu finanzieren. Er beleidigt und erniedrigt den Hausdiener. Immer wieder belästigt er Mariannes Tochter Frédérique. Die Ehemänner der Familie gefallen sich derweil in ihrer Gleichgültigkeit. Marianne hingegen genießt ihren Ausbruch aus dem Korsett der nüchternen Oberschicht, und liebt es bewundert und begehrt zu werden – koste es was es wolle.

Reichste Frau der Welt a - Courtesy NEUE VISIONEN

In seinem Verlauf verzichtet der Film darauf, dass sich seine Figuren erklären. Regisseur Klifa lässt seine Darsteller agieren, ohne ihre wahren inneren Motivationen zu offenbaren. Das funktioniert bei Isabelle Hupperts Marianne und Marina Foïs‘ Frédérique ganz hervorragend, weil man ihnen einfach immer zusehen kann, egal bei was. Und die immer glänzen, egal wie sie in Szene gesetzt sind. Doch die Ignoranz ihrer Männer und die akzeptierte Anmaßung von Pierre-Alain bleiben einfach unkommentiert. Das neuzeitliche Sittengemälde in seiner üppigen Dekadenz und gelangweilten Arroganz kann sich das Publikum selbst zusammensetzen – aber auch interpretieren.

Dabei gibt es viel zu entdecken in diesem Reigen von Geld und Kontrolle. Es ist also nicht unbedingt von Nachteil, dass die Regie keine moralische Einschätzung der Ereignisse vorgibt. Besonders Isabelle Huppert darf unbedarft politisch unkorrekt ihren Status ausspielen. Die besten Lacher – verschämte Lacher – kommen von ihrem fabelhaften freimütigen Spiel, und einer nur eingebildeten Überlegenheit durch ihren gestählten Charakter. Weniger überzeugend ist allerdings Laurent Lafitte, dessen respektlosen Kapriolen dennoch vielen aus dem Herzen sprechen werden. Doch Lafitte ist in seiner dargestellten Präsenz derart unsympathisch, dass eine verkehrte Art von Abscheu für ihn entsteht, die dem angedacht satirischen Ton entgegen wirkt.

Kann der Film dennoch unterhalten? Natürlich. Allein in seinem Verhältnis zu wahren Ereignissen, die hier näher an der Realität liegen, als viele andere Filme die sich auf tatsächliche Begebenheiten berufen. Nur, es fehlt dem Film an Schärfe, an delikater Boshaftigkeit, und es mangelt an einem gesellschaftlichen Gegengewicht. Hier fressen sich nur die Reichen gegenseitig. Es gibt nicht einmal den gebührenden Anlass zur gehässigen Schadenfreude, denn da wo der Film endet gibt es keinen wirklichen Verlierer. Und das ist schon erstaunlich bei einer Milliarden Euro, die sich François-Marie Banier – alias Pierre-Alain Fatin – erschlichen und veruntreut haben soll.

Reichste Frau der Welt 1 - (c) Courtesy NEUE VISIONEN


Darsteller: Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Marina Foïs, Raphaël Personnaz, Mathieu Demy u.a.

Regie: Thierry Klifa
Drehbuch: Thierry Klifa, Cédric Anger, Javques Fieschi
Kamera: Hichame Alaouie
Bildschnitt: Chantal Hymans
Musik: Alex Beaupain
Produktionsdesign: Eve Martin
Frankreich, Belgien / 2025
121 Minuten

Bildrechte: Courtesy NEUE VISIONEN
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Im Kino gesehen abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar