Jetzt im Heimkino: THE CHORAL

Der deutsche Kinostart wurde ausgesetzt.
Der Film ist jetzt bei NETFLIX zu sehen.

Choral - © Sony Pictures– Seit 03.04.2026 – Netflix
– Release 07.11.2025 (GB)

Es ist 1916, in Ramsden in der Grafschaft Yorkshire, England. Die Kriegsfreude ist groß. Männer und Jungen melden sich zur Waffe. Es ist eine absurde Situation. Am Bahnhof werden die abreisenden Soldaten mit Jubel verabschiedet, während mit dem nächsten Zug die Toten und Versehrten nachhause gebracht werden. Unter dem Krieg leidet auch der ansässige Chor, denn der Chorleiter folgt dem Ruf der Pflicht fürs Vaterland. Der einzig verfügbare Ersatz wäre Dr. Henry Guthrie. Die Probleme: Guthrie war geraume Zeit, und das der Kunst wegen, in Deutschland. Und das geplante Stück sollte die Matthäus-Passion von Bach sein, einem deutschen Komponisten. Guthrie käme damit zurecht angefeindet zu werden, aber ein deutscher Komponist würde die Bewohner nur noch mehr aufbringen. Dem neuen Chorleiter kommt die Idee zu Edward Elgars Oratorium ‚Der Traum des Gerontius‘. Dazu müssen aber mehr Chormitglieder gefunden werden.

Es ist ein Szenario, welches bevorzugt in französischen Produktionen gefeiert wird, und eigentlich hinlänglich bekannt ist: Ein unbequemer Sonderling formt, aus einem Haufen mit wenig Talent, eine erstklassige Aufführung. Doch ganz so einfach macht es sich Filmemacher Nicholas Hytner dann auch nicht, der – wie bei den meisten seiner Produktionen – nach einem Drehbuch von Alan Bennett inszeniert. Das Schema der leichten und unkomplizierten Unterhaltung wird anfangs noch hochgehalten, doch nach und nach verkomplizieren sich gewisse Verhältnisse bei Figuren, und auch Geheimnisse kommen dem Vorhaben des Chores in die Quere.

Der leichte Ton ist allerdings keine komödiantische Heiterkeit. Es mischt sich bittere Ironie mit rabenschwarzem Humor. Es wird den unsicheren Zeiten gerecht, wenn eine Kleinstadt zwischen Patriotismus und Kriegsversehrten hin und hergerissen wird. Dazu gibt die Treffsicherheit mancher spitzen Dialoge den Figuren mehr Raum für Tiefe. Der Film fokussiert sich auf Chorleiter Guthrie, der mit seiner Leidenschaft für deutsche Kultur aneckt und Misstrauen erntet. Besonderer Witz ist dabei, dass alle Alternativen zu Bachs ‚Matthäus-Passion‘ ebenfalls aus deutscher Feder kommen. Muss man sagen, dass Ralph Fiennes in dieser Rolle brilliert? Sein in jeder Situation verhaltenes Spiel und seine besonnene Sprache machen diesen Charakter nicht nur einzigartig, sondern er wird in all seiner künstlerischen Verbohrtheit äußerst liebenswert.

Choral 3 - © Sony Pictures

Um die Geschichte des Chorleiters, seiner Vergangenheit und seines Lebenswandels, kreisen die Schicksale der Freunde Lofty, Ellis und Mitch. Die vorwitzigen Jugendlichen treten dem Chor nur wegen der attraktiven Frauen bei, und sehnen sich anderweitig nach dem Tag ihres Marschbefehls. Die Herren Shaun Thomas, Oliver Briscombe und Taylor Uttley, sind keine unbescholtenen im Geschäft, aber bisher wenig auffällig gewesen. Dieser Film ist eine gute Erinnerung an ihr Talent. Ihre Freundschaft ist echt, Jeder von ihnen versteht einen sehr  individuellen Charakter aufzubauen zu bewahren, was in der Gruppendynamik eine faszinierende Natürlichkeit ergibt.

„The Choral“ ist ebenso ein Film der leisen Töne, egal wie laut gesungen wird. Die Kamera von Mike Eley und Tariq Anwar in der Montage verhalten sich ganz nach der Geschichte. Sie sind gleichberechtigt im Erzählen, und brauchen keine Spielereien, was der Geschichte ansonsten abträglich wäre. Es ist ein Film der Darsteller und ihren Figuren, die allesamt bis in die kleinsten Nebenrollen ideal besetzt sind. Über Menschen, die versuchen sich eine Normalität zu bewahren, die ständig hinterfragt wird. In einer Geschichte über das Streben die Kunst zu erhalten, wenn der Krieg ein ständiger Begleiter ist.

Ein Film der mit seinem hintersinnigen Humor und seiner ansprechend unaufdringlichen Inszenierung auch wirklich zu berühren versteht. In den erwähnten französischen Produktionen des Sonderlings, der einen untalentierten Haufen zum Erfolg führt, ist eben dieser Erfolg auch das Kernstück. Doch hier geht Nicholas Hytners Film viel weiter. Am Ende ist der Film dann doch nicht die Geschichte eines hart erarbeiteten Oratoriums, und seines Erfolges. „The Choral“ wird zu einer Geschichte über Träume die auf unverwüstliche Realität treffen. Die letzte Einstellung ist der bewegendste Moment in einem Film seit langem. Egal wie sehr man vorher amüsiert war.

Choral 1 - © Sony Pictures


Darsteller: Ralph Fiennes, Jacob Dudman, Thomas Howes, Shaun Thomas, Oliver Briscombe, Taylor Uttley, Amara Okereke, Emily Fairn, Robert Emms u.a.

Regie: Nicholas Hytner
Drehbuch: Alan Bennett, Stephen Beresford
Kamera: Mike Eley
Bildschnitt: Tariq Anwar
Musik: George Fenton
Produktionsdesign: Peter Francis
Großbritannien, USA / 2025
113 Minuten

Bildrechte: SONY PICTURES
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