– Bundesstart 21.05.2026
– First-Release 10.04.2026 (CAN)
Bereits 2023 hat Guy Ritchies seinen nun jüngsten Film begonnen. Nachdrehs, neuer Verleiher, Terminprobleme der Darsteller für die Nachdrehs, Verschleppung der Postproduktion. Irgendwo da mittendrin muss jemand – oder mehrere – den Glauben an den Film verloren haben, denn jetzt startet „In the Grey“ so sang- und klanglos, wie kaum ein anderer Film. Vor vier Wochen erging es dem Starttermin in anderen Ländern nicht anders. Dabei kann doch „In the Grey“ mit Guy Ritchie-Attitüden aufwarten, wie sie bekannt sein dürften. In erster Linie erst einmal unglaublich rasant – in jeder Beziehung. Das beginnt mit Rachel Wild, die darauf spezialisiert ist, für ihre Investment-Bank ‚Spencer Goldstein‘ das Geld von schuldigen Firmen und Multi-Milliardären zurückzuholen. Hauptsächlich mehrstellige Millionenbeträge, und von Gangstern und Kartellen. In diesem Fall der Großindustrielle Manny Salazar, der eine Milliarde Dollar mit Wissen von ‚Spencer Goldstein‘ für illegale Aktivitäten nutzte, aber nicht zurückzahlen will.
Der für den Filmemacher Ritchie erstaunlich kurze – und erstaunlich kurzweilige – Film teilt sich in drei Teile – mit einem Epilog. Da ist die Einführung mit der Erklärung aller Zusammenhänge von Finanzen und beteiligter Personen. Es folgt die Ausarbeitung eines Plans, und die unermüdlichen Proben zur Umsetzung. Schließlich eine ausladende Nonstop-Action-Passage. Und im Epilog folgt letztendlich… aber das soll hier nicht zur Sprache kommen. Rachel, alias Eliza Gonzáles, beabsichtigt Salazars Geschäfte zum Erliegen zu bringen, und ihn schließlich von seiner perfekt geschützten Insel zu entführen. Und all das mit der Unterstützung eines kleinen Teams unter der Führung von Bronco und Sid, respektive Jake Gyllenhaal und Henry Cavill.
Der Film hat alles im Überfluss, was sich Guy Ritchie in seiner Regiekarriere als Markenzeichen angeeignet hat. Wahnsinnig temporeiche Montage, dieses Mal von Martin Walsh und Jim Weedon. Atemberaubende, kaum stillstehende Kameraführung unter der Leitung von Ed Wild (Ritchies „Covenant“ & „The Gentlemen“). Schnell geschnittene Szenenabläufe werden mit Off-Ton überlegt. Die Stimme aus dem Off erklärt, was man sieht, oder ergänzt das Visuelle. Unendliche viel Text überlagert die Bilder: Anzahl und Art der Waffen, Kapitelnamen, oder Decknamen der Operation, oder auch nochmal der gesprochene Text in Schriftform. Es herrscht visueller Overkill.
Genauso funktioniert der Film. Schlag auf Schlag treiben sich die die Handlungselemente gegenseitig vor sich her. Mittendrin ultra-coole Menschen, die alle gut aussehen und nicht mit lockeren Sprüchen geizen. Das schwächste Glied in der Kette ist ausgerechnet die Frau. Eliza Gonzáles kommt als Rachel stets direkt vom Modedesigner und Visagisten, ist aber nur cool wenn nichts passieren kann. Bei Gefahr und Beschuss, wird sie zum ängstlichen Mäuschen. Das passt nicht in die Geschichte, und ist einem Guy Ritchie auch nicht angemessen, der sonst mit anderen Frauenbildern brilliert.
Alle im Team, der als extrem komplizierten Entführung erklärten Operation, sind ultra-cool. Aber der Film hat nur Zeit für Bronco und Sid. Was in der ohnehin rasanten Laufzeit auch genug ist. Die Chemie zwischen Gyllenhaal und Cavill ist bemerkenswert. Zwei unterschiedliche Charaktere, die sich außerordentlich gut ergänzen. Sie brauchen nur Blicke und keine Worte. Bronco ruft in einer Szene Sid ein „ich liebe dich“ hinterher, und das hat überhaupt nichts homoerotisches, sondern beschreibt tatsächlich die Tiefe ihrer gegenseitigen Wertschätzung. Manchmal – aber eben nur manchmal – scheint doch durch, was Ritchies Filme für gewöhnlich so ansprechend macht.
Das Besondere – irgendwie wird es hier vermisst. Ritchie liefert mit seinen hoch motivierten Kreativ-Technikern was zu erwarten ist. Es ist eine Welt von Figuren, Schauplätzen und kriminellen Professionen, in die sie ohne Probleme eintauchen, und sich zurechtfinden. Doch keiner geht dabei einen Schritt darüber hinaus. Obwohl die Geschichte zuerst vorgibt, einen extrem komplizierten Heist-Thriller zu präsentieren, wird im letzten Drittel vollkommen irrelevant, was im Mittelteil exzessiv an Variationen zur Entführung geprobt wurde. Mit Motorrad, Strand-Buggy, Helikopter, zu Fuß, oder Seilrutsch. Das „was wäre wenn“ ist elementar. Es lässt den Showdown größer wirken, als er letztendlich ist, weil dann doch alles unkoordiniert zusammengewürfelt wird. Das ist in seiner gnadenlosen Geschwindigkeit immer noch atemberaubend, fällt aber bereits mit dem Abspann wie ein leeren Ballon in sich zusammen.
Gut ist manchmal nicht gut genug. Selbst wenn es wahnsinnig Spaß macht Henry Cavill und Jake Gyllenhaals Über-Maskulinität zu bewundern. Oder sich an dreißig Minuten Nonstop-Action-Gewitter zu erfreuen. Oder darüber nachzudenken, wieviel diese hunderte Menschenleben wert sind, die das Extraktionsteam hinrichtet. Schöne Menschen, schöne Locations, bewundernswerte Choreographie. Doch ständig schwebt der Gedanke mit, ob es die Folgedrehs und Nachbearbeitungen waren, die aus „In the Grey“ einen derart unbefriedigenden inkohärenten Film machen.
Darsteller: Henry Cavill, Jake Gyllenhaal, Eliza González, Carlos Bardem, Rosamund Pike, Kristofer Hivju u.a.
Regie & Drehbuch: Guy Ritchie
Kamera: Ed Wild
Bildschnitt: Martin Walsh, Jim Weedon
Musik: Christopher Benstead
Produktionsdesign: Martyn John
Großbritannien, USA / 2026
98 Minuten

