NÜRNBERG

Nuremberg - (c) WELTKINO FilmverleihNUREMBERG
– Bundesstart 07.05.2026
– First Release 06.11.2025 (AUS)

Die Nürnberger Prozesse dürften vielen Menschen bewusst sein. Die grundlegende Bedeutung jenes Tribunals der Siegermächte ist dabei mit Zeit in den Hintergrund geraten. James Vanderbilt legt in seinem Film, den er nach Jack El-Hais Buch ‚Der Nazi und der Psychiater verfasst hat, durchaus Wert auf eben diese Bedeutung. Die Komplexität und Gefahren mit den Prozessen ein Völkerstrafrecht und die Anerkennung von Menschrechten weltweit zu etablieren, wird von Vanderbilt natürlich im Film behandelt. Meist in Stichworten, manchmal in Nebensätzen. Es fällt auf, dass der Film nur an der Oberfläche kratzt – nur kratzen kann. Mit den 148 Minuten Laufzeit will auch noch eine andere Geschichte erzählt werden – die des jungen Armeepsychiaters Douglas M. Kelley, der die letzten Führungskräfte des NS-Regimes für ihren Prozess betreuen und beurteilen soll. Der selbstsichere Kelley entwickelt dabei eine unheilvolle Faszination für Reichsmarschall Hermann Göring.

Historische Ereignisse eignen sich oft auch zu dem, was im Geschäft gerne – manchmal auch verächtlich – als ‚Oscar-Köder‘ bezeichnet wird. Technische und schauspielerisches Hochglanzkino, meist mit emotional überhöhter Dramaturgie, auch wenn die Auflösung bekannt ist. „Nürnberg“ ist genau so ein Film. Bis in die Nebenrollen mit erstklassigen Darstellern. Dariusz Wolskis exzellent akzentuierende Kameraführung in effektvoll kalkulierten Bühnenbauten. Brian Tylers herrlich aufpeitschender Soundtrack. Und alles was auf der Leinwand geschieht, ist auch tatsächlich passiert.

Und das dies alles wirklich geschehen ist, beißt sich immer wieder mit dem Gewand eines opulenten Hollywood-Epos. Der Fokus des Films liegt auf der Konfrontation zwischen Douglas Kelley und Herman Göring. Der unbedarfte Gute gegen die schmeichelnde Verführung durch das Böse. So einen Kampf sieht man immer wieder gerne – auch weil wir glauben zu wissen, wer am Ende der Sieger sein wird. Diese Art von Begeisterung wirkt dann allerdings sehr befremdlich, wenn dieser Kampf vor dem Hintergrund des größten Verbrechens gegen die Menschlichkeit ausgetragen wird.

James Vanderbilt – der Autor des prämierten David Fincher Films „Zodiac“ – hat wirklich einen großartigen Film inszeniert. Aufwendig, technisch perfekt, darstellerisch exzellent, aber mit einem schalen Geschmack, ob es nicht doch etwas zu viel Hollywood für dieses Thema ist. „Nürnberg“ mäandert zu auffällig und merklich verunsichert um jenes justizielle Dilemma, welches in Stanley Kramers „Urteil von Nürnberg“ 1961 elementar behandelt wird: Können im Fall von vom Staat gesetzlich vorgeschriebenen Verbrechen, einzelne Personen zur Rechenschaft gezogen werden, oder kann es eine kollektive Schuld geben – und was würde das mit Deutschland machen?

Nuremberg 2 - (c) WELTKINO Filmverleih

Das ein Film dieser Größe nur einen Sympathieträger hat, und dann nicht einmal die Hauptfigur, ist sehr ungewöhnlich. Es ist Hauptanklagevertreter Howard H. Jackson, Richter beim Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Michael Shannon spielt ihn mit greifbarer Integrität und konzentrierter Ruhe. Bei Shannon ist sehr gut zu beobachten, dass Jackson genau weiß was auf dem Spiel steht, und das jedes Element der Anklage schnell gegen den eigenen Institution gerichtet werden könnte.

Während Rami Malek als Kelley in leicht überheblicher Manier der eigentlich Held der Geschichte sein sollte, entwickelt er sich zur tragischen Figur. Seine Selbstüberschätzung führt ihn geradewegs in die manipulativen Stricke des Reichsmarschalls. Und Russell Crowe zeigt eine überraschende Leichtigkeit in der Interpretation des eigentlichen Bösen. Görings Hybris und Kelleys Vermessenheit lassen am Ende beide verlieren, wobei die moralische Aufarbeitung bei den Zuschauenden bleibt. Allerdings gefällt sich Crowe so sehr in der Rolle, dass für die Zuschauenden eine notwendige Distanz zu der historischen Figur verschwimmt. Durch sein allzu joviales Spiel verliert Göring seinen Schrecken, anstatt diesen zu unterstreichen – was Crowe eigentlich auch beherrscht. Interessant wäre das Deutsch oder der deutsche Akzent des Neuseeländers in der Originalfassung – ein Unterfangen das in den wenigsten Filmen überzeugt.

Historische Geschichten offerieren oftmals gute Möglichkeiten das aktuelle Zeitgeschehen aufzugreifen. Es ist eine lästige Plattitüde zu sagen, dass das Thema einen historischen Films aktueller denn je sei. Aber „Nürnberg“ gibt zumindest sehr gute Beispiele über aktuelle soziopolitische Gegebenheiten nachzudenken. Nur macht James Vanderbilts Inszenierung manchmal den Eindruck, als wäre er viel mehr am melodramatischen Epos interessiert. Das wäre ihm mit diesem opulenten Spektakel gelungen, bei dem die Begeisterung über das perfekte Zusammenspiel von technischen und künstlerischen Elementen die Lehren aus der Geschichte in den Hintergrund drängt. Vielleicht doch ein wenig zu viel Hollywood, wo mehr Radikalität angebracht wäre.

Nuremberg 1 - (c) WELTKINO Filmverleih


Darsteller: Rami Malek, Russell Crowe, Michael Shannon, Leo Woodall, John Slattery, Richard E. Grant u.a.

Regie & Drehbuch: James Vanderbilt
nach dem Sachbuch von Jack El-Hai
Kamera: Dariusz Wolski
Bildschnitt: Tom Eagles
Musik: Brian Tyler
Produktionsdesign: Eve Stewart
USA, Ungarn / 2025
148 Minuten

Bildrechte: WELTKINO Filmverleih
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