– Bundesstart 30.04.2026
– Internet 19.09.2025 (US)
Jeden Tag werden weltweit Millionen Videos auf sämtlichen Social-Media-Plattformen hochgeladen. Bedenklich viele müssen gemeldet, und danach bewertet und moderiert werden. Aber wer bewertet und moderiert diese meist zu Recht beanstandeten Videos? Kein Thema das sich länderspezifisch einschränken lässt, also universell gleichberechtigt behandelt werden sollte. Auf dem internationalen Kinomarkt wäre so eine Geschichte mit einem Film aus Deutschland ziemlich verloren. Egal wie gut das Thema auch umgesetzt sein mag, es ist fragwürdig das ein deutscher Film die notwendige Aufmerksamkeit erreichen würde. Wesentlich fragwürdiger ist allerdings, diesen Film in Deutschland mit deutschem Team umzusetzen, und vorgaukeln zu wollen, er wäre in Amerika gedreht. In jeder neuen Kulisse dieses Films schreit das Bühnenbild förmlich nach deutscher Produktion. Nicht das es grundsätzlich etwas Schlechtes wäre. Ist es aber, wenn der in Deutschland gedrehte Film auf Teufel komm raus nach Drehorten in Florida aussehen soll.
„American Sweatshop“ hat ohnehin schon Schwierigkeiten mit seiner Dramaturgie, in der Content Moderator Daisy Moriarty auf ein Video stößt, von dem sie überzeugt ist eine reale Foltersequenz zu sehen. In einer Zeit, in der es nur wichtig ist Content zu erzeugen, ist es unerheblich geworden ob das Gezeigte real oder nachgestellt ist. Der Inhalt muss nur grundsätzlichen Richtlinien folgen. Was nicht eindeutig geklärt werden kann, fällt unter den Begriff der Meinungsfreiheit. Es ist ein kaltes Großraumbüro in dem Dutzende von jungen Menschen diese Videos moderieren, die von anderen Plattformnutzern beanstandet werden. Die Anzahl dsolcher Videos ist erschreckend.
Daisy ist eine junge Frau, die sich nach der Arbeit mit Joints zudröhnt und sich auf Tinder nach einmaligen Dates umschaut. Das tagsüber Gesehene kann sie am Abend nur im vernebelten Zustand verdrängen. Es wäre ein interessanter Beitrag geworden, hätte sich Regisseurin Briesewitz und ihr Autor Matthew Nemeth zwischen Psychogramm und Thriller entscheiden können, und dabei Daisys Psycho-Studie bevorzugt. So pendelt der Film zwischen vielen Möglichkeiten hin und her, will sehr viel, kann aber kaum eines seiner Anliegen befriedigend auflösen. Obwohl Lili Reinhart durchaus die Qualitäten zeigt, eine Figur mit dieser komplexen Problematik zu meistern. Was machen Clips mit diesen Menschen, in denen auf perverseste Weise gefoltert und gestorben wird, in denen Individuen zudem die schlimmsten aller erdenklichen Phantasien und Weltanschauungen artikulieren – ohne zu wissen, ob es real oder nachgestellt ist.
Keine offizielle Stelle fühlt sich zuständig, sieht aber auch keinen Anlass, der Urheberschaft jenes Foltervideos nachzugehen. So muss Daisy aus ihrer inneren Spannung heraus selbst die Authentizität des Videos klarstellen und die Macher ausfindig machen, um zumindest für sich selbst einen Abschluss zu finden. Daisys Arbeitgeber, der für die jeweiligen Plattform-Betreiber die Moderationsdienste anbietet, schickt seine Arbeiter zwar regelmäßige in therapeutische Seelsorge, zeigt aber selbst kein Interesse gemeldete Videos auf rechtlichen Wegen zu verfolgen.
Regisseurin Briesewitz gelingt es durchaus, dass Dilemma und die psychologischen Einschläge der Arbeit zu zeigen. Lili Reinhart zeigt sich in einer trotzigen Stärke, hinter der sie ihre Verwundbarkeit dennoch nicht verstecken kann. Auch die Probleme anderer Kollegen in Daisys direktem Umfeld werden kurz angeschnitten. Für Zuschauer ist es absolut möglich das Grauen nachvollziehen, dem sich die Moderatoren mit jedem Clip aussetzen. Ein großer Vorteil ist der Verzicht auf visuelle Beispiele – auch Daisys Video ist nur in schemenhaften Fragmenten angedeutet. Die Videos sind lediglich über die Tonspur wahrzunehmen, oder werden in Dialogen erklärt. Das bringt die Fantasie auf grauenhafte Hochtouren, und gibt jedem eigentlich individuellen Tonfragment eine sehr beängstigende Breite von Interpretationsmöglichkeiten.
Die Nutzer haben ein unsicheres und furchteinflößendes Internet geschaffen, das auch das Leben außerhalb des Netzes beeinflusst. „American Sweatshop“ ist dabei ein sehr guter Denkanstoß. Besonders für all jene, die unbedarft oder gleichgültig in diese Welt eintauchen, diese akzeptieren, die weiterklicken anstatt sich zu kümmern. Aber „American Sweatshop“ ist trotz aller Denkanstöße kein gelungenes Vehikel, eine greifende Botschaft zu transportieren. Dazu stehen ihm die Versuche eines Thriller im Weg, obwohl die psychische Aufarbeitung genug wäre. Jörg Widmers Kamera ist dabei uninspiriert und bestenfalls zweckdienlich. Die kalten Farben im Büro im Wechsel mit den bräunlichen Tönen in Daisys Zuahuse, sind eher Standard als Kunstgriff.
In den geforderten Ansprüchen ist das Ensemble wirklich hervorragend. Bestimmte Figuren hätte man gerne besser kennengelernt, aber der Film will seine Zeit lieber bei einer unnötigen Gangsterjagd vergeuden die keinerlei Spannung aufbaut. Und letztendlich zeigt der Film auch keine Lösungsansätze, aber noch viel weniger die Machtlosigkeit gegenüber einem aus dem Ruder gelaufenen System, welches wächst indem es sich selbst frisst. Autor Matthew Nemeth und Regisseurin Uta Briesewitz versuchen es, aber verlieren sich immer wieder in ihren unausgegorenen Ansprüchen. Es wäre auch eine gute Chance gewesen, stärker auf die Heuchelei einzugehen, welche mit den verlogenen Richtlinien einhergehen. In Wirklichkeit dienen diese nur dem Selbstschutz der Plattformen. Auch hier schrammt der Film nur an seiner Möglichkeit vorbei.
Uta Briesewitz ist im Inszenieren quer durch alle Premium-Serien im amerikanischen Fernsehen sehr umtriebig. Da hätte sie es eigentlich wissen müssen, dass das Bühnenbild nicht funktionieren kann. Ein Dutzend Palmen im Pflanzkübel und ein offensichtlich künstliches Krokodil – oder Alligator – machen noch kein Florida. Und in jedem Setting eine amerikanische Flagge an die Wand zu hängen, macht noch kein Amerika. Von erkennbar selbstgenähten Polizeiuniformen gar nicht zu reden. Wenn ein so wichtiges Thema wie die unzensierte Flut von krankhaften Videos im Netz, schon mit der Struktur und dem Inhalt von Buch und Regie zu kämpfen hat, dann darf dieses Thema einfach nicht am Bühnenbild endgültig zum Scheitern verurteilt werden.
Darsteller: Lili Reinhart, Daniela Melchior, Jeremy Ang Jones, Josh Whitehouse, Tim Plester, Christiane Paul u.a.
Regie: Uta Briesewitz
Drehbuch: Matthew Nemeth
Kamera: Jörg Widmer
Bildschnitt: Philipp Thomas
Musik: Michael Andrews
Produktionsdesign: Jutta Freyer
Deutschland, USA / 2025
94 Minuten

