– Bundesstart 07.05.2026
– Release 06.02.2026 (US)
Beitrag der Fantasy Filmfest Nights,
Cinecitta – Nürnberg 16.04.26, OmdU
Nichts bleibt dem Genrefreund erspart, um etwas Grusel zu bekommen. Dieses Mal ist es eine aztekische Totenpfeife. Das ist nicht so unsäglich wie das vom Bösen besessene Wasser in Bryce McGuires „Night Swim“ – aber ebenso ungeschickt umgesetzt. Wenn sich Filmautoren Sorgen über die Konkurrenz von ChatGPT und Konsorten machen, dann wäre „Whistle“ ein guter Beitrag, ihnen diese Angst zu nehmen. Dies ist ein Film, der in jeder Minute seiner Laufzeit den Charme von Algorithmen verströmt. Doch wenn es nur so wäre. „Whistle“ ist von Owen Egerton nach seiner eigenen Kurzgeschichte adaptiert, ohne einen Funken Originalität oder Selbstreflexion. Schlimm ist, dass Regisseur Corin Hardy noch viel weniger damit anzufangen weiß. Wie auch in „Night Swim“ zeigt sich hier, dass starke Schauspieler noch keine Garanten für einen auch nur annähernd guten Film sind.
Es gibt einen sehr effektiven Einstieg – den braucht jeder maßentaugliche Horror – um das angestammte Publikum auf kommende Sensationen einzustimmen. Im Nachhinein betrachtet ist dieser Einstieg allerdings nicht ganz stimmig zu dem, wie die Totenpfeife sonst funktioniert. Darum geht es, eine aztekische Totenpfeife. Und es geht um eine bunt gemischte Gruppe von Jugendlichen, die dem Fluch dieser Totenpfeife ausgesetzt sind. Neu in der Schule ist die mysteriöse Chrys, die über ihren Cousin Rel sofort Anschluss zu der coolen Clique findet. Chrys ist die Abkürzung von Chrysantheme. Warum, wird nicht erklärt – oder der Rezensent war vom Blick auf die Uhr abgelenkt.
Chrys verguckt sich gleich in Ellie, welche die Gefühle erwidert. Das verspricht viel – die junge ‚Wolverine‘ Dafne Keen und eine ‚Yellowjacket‘ wie Sophie Nélisse. Doch wer auf sprühende Erotik hofft, oder zumindest bemerkenswertes Zusammenspiel, der ist hier falsch. Corin Hardy hat ein griffiges Ensemble, in dem jeder für sich eine starke und glaubwürdige Verkörperung seines Charakters zeigt. Doch in der Gruppe bringt der Regisseur diese Figuren einfach nicht zusammen, sie entwickeln nie eine natürliche Dynamik. Was den Kampf gegen das Schicksal ziemlich banal aussehen lässt. Selbstverständlich muss einer nach der anderen sterben, doch emotional mitreißend wird das durch die inszenatorische Distanz der Figuren nicht.
Wer immer dem Ton der Pfeife ausgesetzt ist, wird sehr bald sterben. Hier glauben sich die Macher mit einem originellen Einfall: Jedes Opfer stirbt auf die Art, wie es vom Schicksal gewollt später ohnehin gestorben wäre – nur jetzt eben früher. Sollte das stark an „Final Destination“ erinnern, oder vielleicht an deren Epigonen – so originell ist der Einfall dann doch nicht. Jedem Opfer ist noch eine Vorsehung gegönnt, damit Zuschauende auch erfahren, wie der Tod später ausgesehen hätte. Bei einem wäre es in der Zukunft ein Autoshredder. Wenn der Fluch einsetzt geschieht das Shreddern ohne Maschine. Da zerlegt es den Körper zentimeterweise buchstäblich in der Luft.
Einfallsreich sind die Macher schon, wenn es um bizarre Todesarten und einen hohen Ekelfaktor geht. Jemanden vom Truck überfahren zu lassen, ohne einen Truck zu sehen, erfordert schon einiges an bizarrem Einfallsreichtum. Ebenso bizarr ist allerdings die Entscheidung, die visuellen und aufwendigen Glanzstücke des spektakulären Ablebens in die Mitte des Films zu setzen. Der menschliche Hauptantagonist hingegen, auf dem dramaturgisch alle Abscheu und Wut des Publikums fokussiert wird, kommt im finalen Höhepunkt fast schon bemitleidenswert bescheiden zu Tode.
Vieles an „Whistle“ ist unbefriedigend. Am unbefriedigsten davon ist inszenatorische Einfallslosigkeit. Bei den Figuren spielt jeder für sich, sie bilden nie eine vertraute Gruppe. Und alle Spannungsmomente sind nach abgedroschenen uninteressanten Blaupausen gedreht. Natürlich gibt es wieder dunkle Räume und unheilvolle Gänge ohne Licht, die es in der Normalität niemals geben würde – wie hier eine Schule nach Schulschluss. Und natürlich tun Menschen wieder Dinge, die niemand auf diese Weise tun würde, aber sonst keine Spannung aufkäme, oder derjenige nicht sterben könnte. In Ermangelung an eigenen Ideen, erstickt Hardy seinen Film mit Versatzstücken. Vielleicht hat er gedacht mit unablässigem Imitieren dem Genrefreund etwas Gutes zu tun. Vielleicht hat er sich auch eingebildet die Phrasen neu dreschen zu können.
Corin Hardy lässt in keiner Szene eine eigenständige Marke erkennen. Zugegeben gibt es ungewöhnliche und mitreißende Todesarten, aber die liegen eingebettet in einer Abfolge vorhersehbarer Story-Elemente. Selbst wenn die aztekische Totenpfeife etwas Neues ist, ist es das ganze Drumherum nicht. Es gibt eine Sequenz, in der Dafne Keen als Chrys versucht unverfängliche Worte für eine Textnachricht an Ellie zu finden. Dieses Stück allein ist ehrlich, unterhaltsam, nachvollziehbar, und zeigt was für eine anziehende Kraft zumindest eine Darstellerin entwickeln kann. Und man beginnt sich an dieser Stelle zu wünschen, der Film würde als Teenie-Rom-Com weitergehen.
Darsteller: Dafne Keen, Sophie Nélisse, Sky Yang, Jhaleil Swaby, Ali Skovbye, Percy Hynes White, Michelle Fairley, Nick Frost u.a.
Regie: Corin Hardy
Drehbuch: Owen Egerton
Kamera: Björn Charpentier
Bildschnitt: Nick Emerson
Musik: Doomphonic
Produktionsdesign: Jennifer Spence
Kanada, Irland / 2025
100 Minuten

