MICHAEL

Michael - (c) LIONSGATE– Worldrelease 22.04.2026

„Training Day“, „King Arthur“, „Equalizer“ 1 bis 3, „Southpaw“, „Magnificent Seven“, nur ein paar zu nennen, um die Qualitäten von Regisseur und Produzent Antoine Fuqua hervorzuheben. Ganz zu schweigen von den über 40 Musik Videos unter anderem für Toni Braxton, Prince oder Stevie Wonder, die er noch vor seinem ersten Spielfilm realisierte. Mit all dem Bombast, dem Drama, der Leistung und eben auch den Kontroversen im Leben des Michael Joseph Jackson, hört sich ein Biopic über den King of Pop exakt nach einem Projekt für Antoine Fuqua an. 2023 begann Fuquas Arbeit an dem Film, nach dem ein Jahr zuvor verfassten Drehbuch von John Logan. Doch was dabei herausgekommen ist, trägt mit jeder Faser die Handschrift der beteiligten Jackson Familie, und kaum den Anspruch einer ehrlichen Biografie. „Michael“ ist bestenfalls ein schön anzuschauendes Best-of von Songs des Ausnahmekünstlers. Doch der Film ist niemals eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem wahren Leben von Jackson.

Der strukturelle Aufbau folgt der abgenutzten Formel der meisten Musik-Biografien, nur das hier die obligatorischen Tiefschläge ausgelassen werden. Vielleicht hatte Michael Jackson diese ja auch nicht, wer weiß, aber dafür gibt es Biografien. Und damit beißt sich die Schlange in den Schwanz. Fuqua beginnt seinen Film 1966 in Gary Indiana, wenn Stahlarbeiter und Gitarrist Joseph Jackson seine fünf Söhne im beengten Eigenheim zu den „Jackson 5“ heranzieht. Der Film endet mit dem Beginn der ‚Bad‘-Tour 1987, und einer perfekten Rekonstruktion von Jacksons Auftritt.

So viel wird dabei angesprochen, und so viel bleibt dabei unbeantwortet. Technisch kann man dem Film nichts vorwerfen – bis auf den Schnitt ist er tadellos. Einer der vier Cutter, oder vielleicht auch alle zusammen, nehmen immer wieder besondere Momente in der Montage vorweg. So gibt es beim Auftritt bei den MTV-Awards klare Anzeichen, dass die Welt jeden Moment das erste Mal den Moonwalk zu sehen bekommt. Aber das ist schon wieder Erbsenzählerei gegenüber dem, was der Film nicht erzählt.

Jede Szene baut sich wie eine Exposition auf – und in jeder dieser Szenen bekommt man das Gefühl, dass der essenzielle Teil noch folgen müsste. So stürmt Jackson einmal in sein Arbeitsstudio, beginnt im Takt zu schnippen, überfliegt aufgeregt seine Notizen mit möglichen Texten. Es baut sich eine Erwartungshaltung auf, welcher Song hier am entstehen sein könnte. Doch anstatt hier die Inspiration und Arbeitsweise des Songschreibers zu demonstrieren, geht die nächste Szene zu einem ganz anderen Thema über. Und das ist eine ärgerliche Struktur ohne fixierten Höhepunkt, die Antoine Fuqua in den ganzen 127 Minuten konsequent durchhält.

Michael 2 - (c) LIONSGATE

Der immense Einfluss von Jackson auf den Musiksender MTV degeneriert zur Fußnote. Und obwohl der Film-Song ‚Ben‘ zu hören ist, bleibt außen vor, dass das Lied den Schreibern einen Oscar gewonnen hat. Es gibt eine längere Sequenz zu den Aufnahmen des „Thriller“-Videos, in der geht es lediglich um den richtigen Bildausschnitt für eine Tanzchoreografie geht. Für unbedarfte Zuschauende bleibt es eine weniger bedeutende Etappe im Leben des Künstlers. Der eigentliche kulturelle Stellenwert dieses legendären Videos bleibt Fans und Musikkennern vorbehalten. John Landis als Regisseur des Videos bleibt außen vor. Eben die Konsequenz von Exposition.

Der Film lässt gerade einmal das gute Verhältnis von Michael zu seiner Mutter Katherine durchscheinen. Der Zusammenhalt innerhalb der gesamten Familie wird nicht behandelt. Es gibt nicht einmal eine Szene, in der sich Michael in irgendeiner Form mit seinen Geschwistern auseinandersetzt. Michael Jacksons chirurgische Eingriffe werden gezeigt, aber nie erklärt. Einmal ist Michael zu sehen, wie er sich schminkt, seine angebliche Vitiligo kommt aber nicht zur Sprache. Und so geht es weiter und weiter… Ganz zu schweigen, dass der ‚King of Pop‘ irgendwelche Momente mit anderen Künstlern bekommt. Höchstens Quincy Jones, der dann aber auch nur so kurz wie möglich abgehandelt wird – als wäre es Exposition für etwas Größeres.

Der Film findet immer wieder Ansätze, dass Verhältnis zwischen Sohn und Vater anzudeuten. Der Regisseur verweigert dem Film aber eine dramaturgisch angemessene Abhandlung dieser Beziehung, und setzt stattdessen auf eine Atmosphäre von Wohlfühlkino. Die Tyrannei und Unterdrückung durch Vater Joseph bildet aber einen blassen roten Faden, aus dessen toxischen Klauen sich Michael schließlich am Ende der Victory-Tour 1984 endgültig befreien konnte. Geschichtlich und zeitlich auch ein perfekter Punkt, den Film abzuschließen. Somit laufen die Macher nicht Gefahr, dass Josephs Repressionen mit den Missbrauchsvorwürfen gegen Michael kollidieren. Letztere waren wohl  in den ersten Entwürfen enthalten, mussten aber angeblich aus juristischen Gründen gestrichen werden. Das führte zu massiven Umschreibungen und Nachdrehs, die von Jacksons Nachlassverwaltern getragen wurden.

Michael 3 - (c) LIONSGATE

Nein, „Michael“ ist kein wirklich guter Film. Es ist ein Film vieler verpasster Chancen. Und es ist ein Film, den niemand von Antoine Fuqua erwartet hätte. Jaafar Jackson, Neffe des ‚King of Pop‘, ist als Michael grandios. Dabei sind die Auftritte und Choreografien tatsächlich noch nicht das Beste in Jaafars Darstellung. Es ist natürlich die verblüffende Ähnlichkeit. Und Kameramann Dion Beebe findet dazu immer wieder Einstellungen und Lichtstimmungen, um Teile des Gesichts so zu kaschieren, dass sich Jaafars Gesichtszüge noch mehr denen seine Onkels angleichen. Doch es ist Jaafars Imitation der Stimme – sorry, deutsche Synchronschauer – die wahre Gänsehaut erzeugt. Aber Fuqua lässt Jaafar nie Jackson als den kreativen Songschreiber auftreten, was ihm eigentlich seinen unermesslichen Erfolg brachte. Und das ist wirklich bedauerlich für einen Film, in dem andere Figuren fast nur Statistenstatus haben.

Coleman Domingo gebührt tiefer Respekt, eine finstere Rolle wie die des habgierigen und tyrannischen Vaters derart hassenswert spielen zu können. Dabei ist Domingo nicht einfach böse, der Schauspieler lässt durchaus auch in die Gedanken des Vaters blicken. Wenn seine Bösartigkeit in Verunsicherung umschlägt, wenn er Gegenwind bekommt. Joseph Jackson ist ein schrecklicher Mensch, weil man ihn lässt. Er ist aber auch ein schrecklicher Mensch, weil er selber nichts kann, und auf andere angewiesen ist. Domingos Darstellung ist eine Besonderheit, die in diesem Film untergeht. Dafür gibt es einen Bubbles, der mit menschlicher Mimik gerendert ist.

Für Michael Jackson war sein Schimpanse Bubbles ein essenzieller Teil des Lebens. Es ist aber auch verständlich, dass für Dreharbeiten keine realen Menschenaffen mehr engagiert werden. Bubbles ist im Computer auch absolut perfekt gestaltet, aber wer ist denn bitteschön dafür verantwortlich, diesem Affen menschliche Mimik und Charakteristika zu geben? Es wird eines der aberwitzig vielen Rätsel bleiben, die Antoine Fuqua mit „Michael“ auf die Leinwand losgelassen hat. Und es gibt keine weiteren Aspekte über Michael Jackson, die über das allgemein Bekannte hinausgehen. Ein grandioses Ausmaß von ungenutzten Chancen. Nur ein aufgeblasenes Best-of.

Michael 1 - (c) LIONSGATE


Darsteller: Jaafar Jackson, Colman Domingo, Nia Long, Kendrick Sampson, Miles Teller u.a.

Regie: Antoine Fuqua
Drehbuch: John Logan
Kamera: Dion Beebe
Bildschnitt: Conrad Buff IV, Tom Cross, John Ottman, Harry Yoon
Musik: Lior Rosner
Produktionsdesign: Barbara Ling
Großbritannien, USA / 2026
127 Minuten

Bildrechte: LIONSGATE
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