PRIMAVERA
– Bundesstart 21.05.2026
– First-Release 05.12.2025 (ESP)
Preview 13.05.26, Babylon, Fürth
Im angehenden 18ten Jahrhundert ist das Ospedale della Pietà eines der besseren Waisenhäuser in Venedig. Mütter geben aus diversen Gründen ihre Mädchen dort ab, die für ihren Aufenthalt und die Erziehung arbeiten müssen. Begabtere Mädchen bekommen Musikunterricht, und dürfen bei Gottesdiensten und Konzerten mit Maske und versteckt hinter der Balustrade, für zahlendes Publikum musizieren. Und wenn sie im heiratsfähigen Alter sind, so ungefähr mit 15 Jahren, werden sie für gutes Geld an adelige Männer verheiratet. Es sei denn, die Mütter der Mädchen lösen sie wieder aus. Waisenhäuser waren seinerzeit wirtschaftliche Institutionen. Dies ist keine eigenwillige Fantasie, das Ospedale della Pietà gibt es noch heute – in reformierter und modernisierter Form. Wegen nachlassender Musikqualität und ausbleibendem Publikum, wurde im Jahr 1703 der Mönch Antonio Vivaldi als Musiklehrer engagiert. Doch dies ist nicht seine Geschichte.
Während Regisseur Damiano Michieletto im Kino eher unbekannt ist, könnte er durch diverse Bühneninszenierungen passionierten Opernfreunden aufgefallen sein. Doch für einen Opernregisseur überrascht die leidenschaftslose Passivität in der Inszenierung von „Vivaldi und ich“. Maestro Vivaldi kürt nach einem Wettstreit die 16-jährige Cecilia zur ‚ersten Geige‘ – nicht weil sie die Beste ist, sondern die mit der größten Leidenschaft. Mit ihrer Off-Stimme richtet Cecilia ihre Gedanken, Hoffnungen und Wünsche als imaginäre Briefe an ihre Mutter, die sie nie kennengelernt hat.
„Vivaldi und ich“ ist von Michieletto und Ludovico Rampoldi nach dem Roman ‚Stabat Mater‘ von Tiziano Scalpa verfasst worden. Es ist eine Inszenierung, die sich in drei Fragmente aufteilt: Musikfilm, Coming-of-Age Drama, und Biografie, wobei Cecilia selbst eine fiktive Figur ist. Es bleiben auch Fragmente, weil sich keines wirklich in seiner möglichen Form weiterentwickelt. Der Musikfilm lässt die Dynamik und eine ansteckende Begeisterung für Musik vermissen. Das Erwachsenwerden wird unzeitgemäß wie ein zensiertes Kapitel eines Jane Austen Romans behandelt. Und die Biografie krankt am Desinteresse den Menschen Antonio Vivaldi zu erforschen.
Regisseur Michieletto spielt mit den Möglichkeiten, dass sich zwischen Cecilia und Vivaldi eine Romanze entwickeln könnte. Der fiktive Altersunterschied von neun Jahren wäre nicht einmal heute fragwürdig, im Kontext ohnehin vertretbar. Doch der Film beschränkt sich letzten Endes auf die Verbundenheit durch Musik. Diese Leidenschaft wird auf eine harte Probe gestellt, als Sanfermo aus dem Krieg zurückkehrt – ein alter General, für den Cecilia als Braut auserkoren ist. Ein verheiratetes Leben außerhalb des Waisenhauses würde für Cecilia auch das Ende des Musizierens bedeuten.
Es gibt ein paar verstohlene und jugendfreie Dialoge zwischen den Mädchen, die beginnen ihre Sexualität zu entdecken. Es gibt heimliche Blicke zwischen Cecilia und Vivaldi, die frei interpretierbar bleiben. Es gibt keine Ansichten von Venedig, die eigentlich Venedig ausmachen. Es gibt eine Priorin (Farbrizia Sacchi), deren Charakter sich nur den Notwendigkeiten der Inszenierung anpasst. Und es gibt den Adel, der stereotyp als eindimensionales verachtenswertes Kollektiv dargestellt ist.
Das alles ist nur mäßig interessant. Dafür gelingt dem Regisseur mit der Musik eine Art Bogen aufzubauen, dem allerdings die Spannung fehlt. Mit dem steigenden Erfolg des Orchesters – dank der experimentellen Kompositionen von Vivaldi und Cecilias Spiel – wird auch die Musik lauter und kräftiger, und gewinnt immer mehr an Aufmerksamkeit. Allerdings fehlt dazu die inszenatorische Finesse, um Bild und Musik zu einer einander aufbauenden emotionalen Einheit zu verschmelzen.
Im Großen und Ganzen ist „Vivaldi und ich“ eine One-Woman-Show von Tecla Insolia, die mit ihrem unaufdringlichen Auftritt und ihren feinen Zügen eine fantastische Besetzung für Cecilia ist. Ein verhaltenes Spiel und stets aufmerksame Mimik zeigen eine junge Frau, die hin und her geworfen wird zwischen Unschuld, Leidenschaft und Entschlossenheit. Es scheitert an der Geschichte und letztlich an der Regie, dass sich Insolias spürbares Potential nicht vollends entfalten darf. Dazu ist aber auch Michele Riondino als Antonio Vivaldi nicht gerade der beste Partner, der stets den Eindruck macht, als ob er seine Regieanweisungen im laufenden Take bekommen würde.
„Vivaldi und ich“ ist – trotz aller Müdigkeit in der Inszenierung und den verschlafenen Möglichkeiten eines starken Hybrides von Musikdrama – ein durchaus anregendes Sittengemälde, dass Interesse an faktischen Nachfragen herausfordert. Die spekulative Geschichte von realen und fiktiven Personen wird sich sicherlich als Roman äußerst ansprechend gelesen haben. In Damiano Michielettos Inszenierung ist von diesem Reiz nur wenig zu spüren, weil er die manipulativen Möglichkeiten des Mediums nicht nutzt – obwohl die Leidenschaft des sich gleichenden Paares danach schreit.
Darsteller: Tecla Insolia, Michele Riondino, Fabrizia Sacchi, Stefano Accorsi, Andrea Pennacchi u.a.
Regie: Damiano Michieletto
Drehbuch: Damiano Michieletto, Ludovico Rampoldi
nach dem Roman von Tiziano Scarpa
Kamera: Daria D‘Antonio
Bildschnitt: Walter Fasano
Musik: Fabio Massimo Capogrosso
Produktionsdesign: Gaspare De Pascali
Italien, Frankreich / 2025
110 Minuten

