– Bundesstart 29.10.2026
– Release 07.10.2026 (BLG)
Rob Savage ist ein Filmemacher, bei dem Form über Substanz geht. Sein neuestes Schreckgespenst ist pure Form. Der nicht sehr auffällig Autor Nathan Elston hat Savage dafür eine Grundlage geschrieben – nach einem Buch von Josh Malerman – welche lediglich als Gerüst zu verstehen ist. Jump Scares, Bodyhorror, Splatter, Gothik, Schauermär – der Film deckt die gesamte Palette ab, die das Genre hergibt. Es ist eine Tour de Force, die der Regisseur wie ein Feuerwerk abbrennt. Viel Zeit lässt Savage nicht, auf der Jagd von einem Baustein zum nächsten – mit Steinen unterschiedlichster Formen und Materialien. Von außen betrachtet, scheint „Other Mommy“ wie die perfekte Fusion des Schreckens. Den Film selbst betrachtet, wird er den Ansprüchen wahrer Genrefreunde nicht gerecht.
Die 7-jährige Bela hat eine Art imaginäre Freundin, welche sie Other Mommy nennt. Doch Other Mommy ist alles andere als imaginär. Sie lebt hinter den Türen, erklärt Bela, ihren Eltern Ursula und Russ. Sie, überlastete Karrierefrau die spät nachhause kommt. Er, trinkender Hausmann, der tagsüber gerne auf dem Sofa einschläft. Es sind gute Eltern, aber es wird auch klar, warum sich Bela eine Ersatzmutter wünscht. Und die will – buchstäblich – in Belas Herz, um sich darin zu manifestieren. Doch das kann nur geschehen, wenn Bela es ausdrücklich zulässt.
Wenn etwas in diesem Film wirklich herausragt, dann ist es Belas Charakter. Wirklich rundherum überzeugend gespielt von Arabella Olivia Clark, ist Bela kein kreischendes, hilfsbedürftiges Kind. Sie weiß sich zu wehren, kann abschätzen, weiß ab und an auch rational zu denken. Sie tut dumme Sachen, die Kinder im wirklichen Leben auch tun würden – wie einen Geist heraufzubeschwören. Und sie tut kluge Dinge, die Kinder im wirklichen Leben auch tun würden – wenn sie eher neugierig reagiert, als hysterisch zu werden. Das überrascht immer wieder, und ist erfrischend anders.
An Charakterzeichnung soll es das dann aber gewesen sein. Was besonders bei Ursula und Russ ärgerlich ist. Informationen werden im fliegenden Wechsel der Ereignisse unter das Publikum gestreut, was letztendlich auch nicht befriedigend ist. Mit etwas mehr Zeit, und wäre Savage ab und an vom Gas gegangen, hätte man auch einen verständlicheren Einblick in die Familienverhältnisse gehabt. Das meiste bleibt vage, und einiges klärt sich erst im Augenblick der Notwendigkeit. Und dann gibt es hingeworfene Nebensätze, die den Eindruck erwecken, als gäbe es noch einiges zu erzählen.
Schon wenige Minuten in den Film, werden Ursula und Russ mit der übernatürlichen Entität konfrontiert. Wenigstens erspart der Film seinen Zuschauenden das dämliche Spiel von „das hast Du nur geträumt“, oder „du bist nur etwas angespannt“. Doch das gehört auch zum Konzept, den Film mit all seinen verschiedenen Elementen voranzutreiben. Ziel der dreiköpfigen Familie ist es, den Identitäten-stehlenden-Dämon loszuwerden. Dabei erweist sich die kunstvoll gedachte Kameraarbeit von Lowell A. Meyer als Werkzeug obligatorischer Spannungs- und Schockmomente. Und John Cutlers Montage ist in den Szenenwechseln verwirrend inkonsistent.
So prall gefüllt wie Rob Savage seine kurzen 93 Minuten nutzt, macht der Films nicht den Eindruck, als wäre er schlampig konzipiert, oder unüberlegt aufgebaut. Savage schafft eine Stimmung, in der das Gefühl vorherrscht, dass er genau weiß was er tut. Ein Horrorschocker, der zuerst einmal nichts vermissen lässt, und in dem technisch alles passt. Der von einem raffiniert ausgeklügelten und originellen Set Piece zum nächsten hetzt. Was aber auseinanderfällt, wenn man erst einmal zur Ruhe kommt und das Gesehene analysiert – und nicht nur Horrorfans tun so etwas.
Jay Duplass ist als Vater, einfach großartig, wenn er impulsiv und instinktiv seine Rolle als Familienoberhaupt findet. Jessica Chastain kann ohnehin alles spielen. Was banal klingt, sie hier aber wieder beweist, zumindest als liebevolle aber gestresste Mutter. Denn als Dämon gewinnt sie – gerade in diesem Genre – kaum einen Preis. Wer gedacht hat, dass seit „Smile“ ein irres Grinsen automatisch furchteinflößend ist, hat sich getäuscht. Hier grenzt es manchmal an unfreiwilliger Komik. Das schmälert Chastains Rolle als Ursula nicht, die wie der tolle Jay Duplass, einfach nichts zu tun bekommt. Mit dieser Paarung, zusammen mit Filmtochter Arabella Olivia Clark, wäre genau die Substanz möglich gewesen, über die Rob Savage viel lieber die Form stellt.
Darsteller: Jessica Chastain, Jay Duplass, Arabella Olivia Clark, Karen Allen, Arian Moayed, Dichen Lachman und Jessica Chastain u.a.
Regie: Rob Savage
Drehbuch: Nathan Elston
Kamera: Lowell A. Meyer
Bildschnitt: John Cutler, Peter Gvozdas
Musik: Patrick Jonsson
Produktionsdesign: Jeremy Woodward
Irland, USA / 2026
93 Minuten

